seiner Seite , nur durch eine dünne Wand getrennt , sich umwenden und sich räuspern hörte . Da geschah es zufällig , daß Leubelfing seinen König wieder mit Augen sah . Es war auf dem Marktplatze von Naumburg , wo sich der Page eines Einkaufs halber verspätet hatte und eben seinem Obersten nachsprengen wollte , welcher , dieses Mal die Vorhut befehligend , die Stadt schon verlassen hatte . Von einer immer dichter werdenden Menge mit seinem Roß gegen die Häuser zurückgedrängt , sah er auf dem engen Platze ein Schauspiel , wie ein ähnliches nur erst einmal menschlichen Augen sich gezeigt hatte , da vor vielen hundert Jahren der Friedestifter auf einer Eselin Einzug hielt in Jerusalem . Freilich saß Gustav auf seinem stattlichen Streithengst , von geharnischten Hauptleuten auf mutigen Tieren umringt ; aber Hunderte von leidenschaftlichen Gestalten , Weiber , die mit beiden gehobenen Armen ihre Kinder über die jubelnden Häupter emporhielten , Männer , welche die Hände streckten , um die Rechte Gustavs zu ergreifen und zu drücken , Mägde , die nur seine Steigbügel küßten , geringe Leute , die sich vor ihm auf die Kniee warfen , ohne Furcht vor dem Hufschlag seines Tieres , das übrigens sanft und ruhig schritt , ein Volk in kühnen und von einem Sturm der Liebe und der Begeisterung ergriffenen Gruppen umwogte den nordischen König , der ihm seine geistigen Güter gerettet hatte . Dieser , sichtlich gerührt , neigte sich von seinem Rosse herab zu dem greisen Ortsgeistlichen , der ihm dicht vor den Augen Leubelfings die Hand küßte , ohne daß er es verwehren konnte , und sprach überlaut : » Die Leute ehren mich wie einen Gott ! Das ist zu viel und gemahnt mich an mein Ende . Prediger , ich reite mit der heidnischen Göttin Victoria und mit dem christlichen Todesengel ! « Dem Pagen quollen die Tränen . Als er aber gegenüber an einem Fenster die Königin erblickte und ihr der König einen zärtlichen Abschied zuwinkte , schwoll ihm der Busen von einer brennenden Eifersucht . Kaum eine Woche später , als die schwedischen Scharen auf dem blachen Felde von Lützen sich zusammenzogen , marschierte Ake Tott seitwärts unweit des Wagens , darin der König fuhr . Da erblickte Leubelfing einen Raubvogel , der unter zerrissenen Wolken schwebend auf das hartnäckigste sich über der königlichen Gruppe hielt und durch die Schüsse des Gefolges sich nicht erschrecken und nicht vertreiben ließ . Er gedachte des Lauenburgers , ob seine Rache über Gustav Adolf schwebe . Das arme Herz des Pagen ängstigte sich über alles Maß . Wie es frühe dunkelte , wuchs seine Angst , und da es finster geworden war , gab er , sein Ehrenwort brechend , dem Rosse die Sporen und verschwand aus den Augen des ihm » Treubrüchiger Bube ! « nachrufenden Obersten . In unaufhaltsamem Ritte erreichte er den Wagen des Königs und mischte sich unter das Gefolge , das am Vorabende der erwarteten großen Schlacht ihn nicht zu bemerken oder sich nicht um ihn zu kümmern schien . Der König gedachte dann die Nacht in seinem Wagen zuzubringen , wurde aber durch die Kälte genötigt , auszusteigen und in einem bescheidenen Bauerhause ein Unterkommen zu suchen . Mit Tagesanbruch drängten sich in der niedrigen Stube , wo der König schon über seinen Karten saß , die Ordonnanzen . Die Aufstellung der Schweden war beendigt . Es begann die der deutschen Regimenter . Page Leubelfing hatte sich , von dem Kammerdiener des Königs , der ihm wohlwollte , erkannt und nicht zur Rede gestellt , den in seinem Gestick das schwedische Wappen tragenden Schemel wiedererobert , auf welchem er sonst neben dem Könige gesessen , und sich in einer Ecke niedergelassen , wo er hinter den wechselnden kriegerischen Gestalten verborgen blieb . Der König hatte jetzt seine letzten Befehle gegeben und war in der wunderbarsten Stimmung . Er erhob sich langsam und wendete sich gegen die Anwesenden , lauter Deutsche , unter ihnen mehr als einer von denjenigen , welche er im Lager bei Nüremberg mit so harten Worten gezüchtigt hatte . Ob ihn schon die Wahrheit und die Barmherzigkeit jenes Reiches berührte , dem er sich nahe glaubte ? Er winkte mit der Hand und sprach leise , fast wie träumend , mehr mit den geisterhaften Augen als mit dem kaum bewegten Munde : » Herren und Freunde , heute kommt wohl mein Stündlein . So möcht ich euch mein Testament hinterlassen . Nicht für den Krieg sorgend – da mögen die Lebenden zusehen . Sondern – neben meiner Seligkeit – für mein Gedächtnis unter euch ! Ich bin über Meer gekommen mit allerhand Gedanken , aber alle überwog , ungeheuchelt , die Sorge um das reine Wort . Nach der Victorie von Breitenfeld konnte ich dem Kaiser einen läßlichen Frieden vorschreiben und nach gesichertem Evangelium mit meiner Beute mich wie ein Raubtier zwischen meine schwedischen Klippen zurückziehen . Aber ich bedachte die deutschen Dinge . Nicht ohne ein Gelüst nach eurer Krone , Herren ! Doch , ungeheuchelt , meinen Ehrgeiz überwog die Sorge um das Reich ! Dem Habsburger darf es unmöglich länger gehören , denn es ist ein evangelisches Reich . Doch ihr denket und sprechet : ein fremder König herrsche nicht über uns ! Und ihr habet recht . Denn es steht geschrieben : Der Fremdling soll das Reich nicht ererben Ich aber dachte letztlich an die Hand meines Kindes und an einen Dreizehnjährigen ... « Sein leises Reden wurde überwältigt von dem stürmischen Gesange eines thüringischen Reiterregimentes , das , vor dem Quartier des Königs vorbeiziehend , mit Begeisterung die Worte betonte : » Er wird durch einen Gideon , Den er wohl weiß , dir helfen schon . . . « Der König lauschte und ohne seine Rede zu beendigen , sagte er : » Es ist genug , alles ist in Ordnung « , und entließ die Herren . Dann sank er auf das Knie und betete . Da sah