eingeprägte Grundsatz : Ehre Vater und Mutter , auf daß es dir wohlgehe ... Wie hätte sie nun Joseph verleiten mögen , seine Mutter so tief zu betrüben und gegen ihren Willen zu handeln ? Auch das Gefühl ihrer weiblichen Würde erwachte . War es nicht eine Erniedrigung , dieser Frau , die sie auf ein bloßes Gerücht hin so streng beurteilte und verachtete , sich aufzudrängen ? Mußte sie nicht damit deren üble Meinung bestärken ? ... Ja , wenn die alte Frau sie verschmähte , bloß weil sie arm war , dann wäre es ein anderes gewesen – dann hätten ihre fleißigen Hände , ihr guter Wille einigen Ersatz bieten können . Was aber ersetzt einen ehrlichen Namen ? ... In dieser Nacht war es ihr zur Gewißheit geworden , daß Frau Sanner ihren Ruf nicht allein durch das Vorhandensein des Kindes in ihrem Hause für befleckt hielt , sondern auch durch den schmachvollen Verdacht , der auf ihrer Mutter lastete . Das erstere mußte die Zukunft aufklären – was aber das letztere betraf , so gab es keine Hoffnung mehr ... Diese Erwägungen hatten nach und nach ihrem zerrissenen Gemüt einen festeren Halt gegeben , so daß sie sich zuletzt die Kraft zutraute , ihr Versprechen zu halten und an die Mauer zu gehen , was ihr erst fast unmöglich geschienen hatte . Ja , sie gewann es sogar über sich , ruhig zu scheinen , wenn sie auch zu Tode erschrak und sich an den Zweigen eines danebenstehenden Kirschbäumchens halten mußte , als sie nach einigem Warten Joseph über den Kirchhof fliegen sah . Er eilte , einen wahren Sonnenglanz von Glückseligkeit in den Augen , mit ausgebreiteten Armen auf sie zu und zog sie an seine Brust . Er küßte sie auf beide Augen , auf Stirn und Lippen und flüsterte die zärtlichsten Schmeichelnamen ... Ihr kam der Wunsch , sie möchte so sterben , und fast brach auch ihr Herz unter dem Gemisch von Lust und Leid . » Hast du lange warten müssen , mein Liebchen ? « begann er endlich . » Verzeih mir ' s ... Der Schulze hielt mich mit langweiligen Reden so lange auf . Ich stand wie auf Kohlen und lief endlich fort – mag er denken , was er will ! « » Nun , und deine Mutter ? ... Mit der hast du wohl gar noch nicht gesprochen ? « fragte Marie mit unsicherer Stimme , aber Joseph fest in die Augen blickend . Er stutzte und zögerte mit der Antwort . » Na , sprich nur , Joseph « , sagte das junge Mädchen ganz ruhig , » ich bin auf alles gefaßt . « » Wie du sonderbar bist – auf was brauchst du dich denn gefaßt zu machen ? ... Lügen war nie meine Sache , und deshalb will ich dir auch gar nicht verheimlichen , daß ich gestern abend noch einen recht ärgerlichen Auftritt mit meiner Mutter hatte ... Der elende Schuft , der Tannenwirt , hat der alten Frau allerlei vorgeschwatzt und ihr alberne Dinge in den Kopf gesetzt , die ich mit aller Mühe und allen Vernunftgründen nicht wieder herausbrachte . « » Er hat auch meinen guten Namen verlästert , nicht wahr , Joseph ? « » Laß das doch sein , Marie , laß ihn doch schwatzen ; wenn ich ' s nur nicht glaube ... Ich kenne freilich die Verhältnisse nicht , aber wenn deine Mutter in bezug auf das fremde Kind die Leute aufklären könnte , so sollte mir ' s lieb sein , nicht meinetwegen – versteh mich recht , Marie , mein Glaube an dich ist fest – . aber wegen meiner Mutter möchte ich ' s wünschen . « » Das geht nicht , Joseph ... Das Glück der Eltern und die Zukunft des Kindes hängen von unserem Schweigen ab , und nichts in der Welt wird meine Mutter und mich zwingen , unser gegebenes Wort zu brechen ! ... Will der liebe Gott , daß ich dieser Sache wegen mein Lebensglück opfern soll , so muß ich ' s geduldig über mich ergehen lassen – durch Treulosigkeit kann ich auch nicht glücklich werden . « » Aber , wo gerätst du denn hin , Marie ? Wer spricht denn von einem Opfer ? ... Geht es nicht an , gut , so schweigen wir und lassen die Leute reden , was sie wollen – das soll doch nun einmal unser Glück ganz und gar nicht stören ... Sieh « , fuhr er fort und schlang seinen Arm zärtlich um das Mädchen , » ich bin selbständig , bin in jeder Hinsicht unabhängig von meiner Mutter , denn ich besitze ein vom Vater ererbtes Gut . Dorthin führe ich dich als meine junge Frau – dort sollst du schalten und walten und mich über alle Maßen glücklich machen ... Nichts wird uns fehlen ... « » Nichts als der Segen deiner Mutter ! « unterbrach ihn Marie , der dies Vorführen künftiger Seligkeit , die sie nie genießen sollte , das Herz zerriß . – » Aus dem , was du mir eben sagtest « , fuhr sie fort , » geht hervor , daß sie ihre Einwilligung nicht gibt . « » Nun , und wenn auch ? « » Wie , du sagst das so gleichmütig ? ... Du wärest im Ernste fähig , deine alte Mutter , deren alles du bist , die nur für dich lebt , trotzig zu verlassen ? « » Höre , Marie « , sagte er nachdrücklich , und seine Stimme klang noch tiefer als gewöhnlich , » ich bin bisher ein treugehorsamer Sohn gewesen , habe alles getan , was ich meiner Mutter an den Augen absehen konnte , ja , ich glaubte früher , so wie sie könne ich gar niemand wieder lieben . Das hat sich aber gewaltig geändert – du gehst mir über alles – , ich weiß , daß ich