auf seinem Gesicht ruhen … Hatte sie den dämonischen Zauber jenes Märchenhelden vergessen , der immer und immer wieder die Mädchenseelen hinüberzog in sein Bereich ? … Wer mochte auch daran denken ! Diese Gefahr lag so fern ! Waren auch jene männlich schönen Züge dort unergründlich für ihren unerfahrenen Blick , so schwebte doch in der Tat , als untrügliches Warnungszeichen , ein tiefer , blauer Hauch um das Kinn und den unteren Teil der Wangen . … Ah , sein Gewissen war doch wohl noch nicht gänzlich verhärtet ; denn ihr forschendes Aufblicken hatte eine eigentümliche Wirkung ! Er verstummte plötzlich mitten in seiner Rede ; es war , als ob sich sein Auge erweitere und aufflamme … war es die Verwirrung des Schuldbewußtseins ? Sie wußte es nicht ; aber es lag in diesem Ausdruck Etwas , das beklemmend auf sie zurückwirkte . „ Ah , die Lösung , die Lösung ! “ rief er mit gänzlich veränderter Stimme , es klang fast , als erwache er aus einem Traume und spräche mit sich selbst . „ Ja , die Lösung des Rätsels war gar nicht so schwer , das hat selbst die alte Dorte herausgebracht , “ dachte Lilli , schlug aber doch , trotz dieser inneren kühnen Bemerkung , die Augen nieder . Er ging einmal draußen auf und ab und nahm dann seine vorige Stellung wieder ein . „ Ich bin ein schlechter Advocat , “ sagte er lächelnd und bemüht , den leichten Ton wieder aufzunehmen . „ Mitten in meiner wohlgesetzten Rede reißt mir der Faden … aber ich machte plötzlich eine wunderbare Entdeckung . Es lag Etwas wie eine dunkle Weissagung in meiner Seele , und ich fand , daß sich dies Etwas mit der Schnelligkeit des Blitzes an einem einzigen Strahl erfüllt habe . “ Er strich mit der Hand über die Stirn , als wolle er seine Gedanken sammeln ; Lilli aber schickte sich an , den Pavillon zu verlassen . Es kam eine unerklärliche Bangigkeit über sie , er war doch zu sonderbar . Auch fiel ihr ein , daß es eigentlich ganz gegen Sitte und Anstand sei , einem ihr gänzlich fremden Herrn , und noch dazu einem ausgesprochenen Widersacher der Tante , ein längeres Gespräch zu gestatten . Sie hatte den Reiz seines originellen Wesens auf sich einwirken lassen , das war töricht gewesen und mußte nun so schnell wie möglich wieder gut gemacht werden . „ Nun , darf ich meine Verteidigung nicht zu Ende führen ? “ fragte er bittend , als sie sich der Tür näherte . „ Den Schluß kann ich Ihnen selbst sagen , “ entgegnete sie , das Gesicht halb nach ihm zurückwendend . „ Sie haben die Hofrätin Falk gerichtlich verklagt ; das Recht ist Ihnen zugesprochen worden , und da Ihr leidenschaftlicher Wunsch nicht sofort in Erfüllung gegangen ist , so sind Sie zornig geworden , haben dies Loch in die Wand schlagen lassen und erwarten nun ohne Zweifel eine unvergleichliche Wirkung dieses Gewaltstreichs . “ „ Leidenschaftlich , zornig , Gewaltstreich ! “ wiederholte er mit persiflirendem Pathos , aber ein tiefer Verdruß ließ sich in Stimme und Gesichtsausdruck nicht verkennen . „ Noch einige wenige Striche , und das Portrait eines Wüterichs ist fertig ! … Ich kann Ihnen übrigens versichern , daß ich trotz all dieser aufgebürdeten Laster ein Freund der Wahrheit bin , und will deshalb nicht verhehlen , zornig geworden zu sein . Die alte Frau hat mich bitter gereizt . Es sind bereits mehrere Tage über die ihr festgestellte Frist verflossen ; aber vielleicht hätte ich doch noch nicht zur Selbsthülfe gegriffen , wären nicht gestern durch nächtliche Erscheinungen an diesem Fenster Aufregung und Schrecken auf meinem Gebiet hervorgerufen worden . “ Also ihr unverantwortlicher Leichtsinn war in der Tat schuld an der heutigen Katastrophe ! Diese Gewißheit wirkte sehr deprimirend auf das junge Mädchen . Der Fehler ließ sich nicht wieder ausgleichen , aber sie konnte ihn wenigstens sühnen dadurch , daß sie frei bekannte , wer die Schuldige gewesen . Sie öffnete eben die Lippen zu einer Entgegnung , als die tiefe , aber weithin schallende Stimme der Hofrätin vom Hause her ihren Namen rief … Wie kam es nur , daß ihr plötzlich der Gedanke überaus peinlich war , [ 452 ] die Tante möchte mit ihrem Widersacher hier zusammentreffen und in Wort und Benehmen ihren Groll , ihre Empörung ungescheut und verletzend an den Tag legen ? Sie eilte deshalb nach einer leichten Verbeugung zur Tür hinaus und fand richtig die Hofrätin im Begriff , sie im Pavillon aufzusuchen . Mit fliegenden Worten und unterdrückter Stimme erzählte sie sofort das Geschehene . Die kräftige dunkle Hautfarbe der Tante wurde um einen Hauch blässer , und in den etwas grellblauen , scharfblickenden Augen tauchte der innere Grimm auf ; aber sie blieb äußerlich ruhig und rief den alten Sauer herbei . „ Hole Er mir gleich die Bilder aus dem Pavillon , aber nehme Er sie fein säuberlich vom Nagel ! “ befahl sie . „ Sie können einstweilen in die grüne Stube getragen werden , bis ich mir überlegt habe , wo sie für die Zukunft hängen sollen … Sehen will ich sie jetzt nicht , daß Er sie mir nicht etwa vor die Augen bringt , Sauer ! … Es ist mir gar zu schrecklich , daß sie nun doch fortmüssen von ihrem alten Platz , und ich kann ’ s nicht ändern ! “ Lilli folgte der Hofrätin in ’ s Wohnzimmer , schlang die Arme um den Hals derselben und beichtete ihre Schuld . Ihre Augen steckten tief in Tante Bärbchens großer Tüllkrause , und deshalb entging ihr das heimliche Lächeln , das gleich zu Anfang ihres Bekenntnisses um die Mundwinkel der Hofrätin flog . „ Schäme Dich , Lilli ! “ sagte sie , als das junge Mädchen zu Ende war mit ihrer Selbstanklage . „ Kömmst da her aus der großen Stadt ,