Zuneigung zu erringen ? Da trat der alte Geheimrat zu ihr und zog ihre krampfhaft verschlungenen Händchen aus ein ­ ander . „ Tröste Dich , kleines bleiches Mädchen , das Un ­ glück ist nicht so groß — Du mußt eben künftig solche Kraftübungen den Knaben überlassen ! “ Damit ging er weg , untersuchte die sogenannte Wunde des Beschädigten und erklärte lachend , daß er erst eine Lupe holen müsse , um sie zu sehen . — Die übrigen Mütter zeigten jedoch eine um so größere Teilnahme an dem „ Unglück “ , je größer ihr Ärger war , daß sich Ernestine geschickter als ihre eigenen Kinder gezeigt hatte . Das Alles fühlte Ernestinens feiner Instinkt sogleich heraus , — sie blickte auf den summenden Knaul ihr feindlicher Menschen mit einem Abscheu wie auf einen Wespenschwarm , in den sie getreten . Sie hörte das Auf ­ heben , das von dem kleinen Vorfall gemacht wurde , mit grenzenloser Bitterkeit und dachte daran , wie sich zu Hause , wenn ihr der Vater Beulen geschlagen , kein Mensch darum kümmere und wie sie erst kürzlich eine Wunde , die sie sich in die Stirn gefallen , am Brunnen selbst auswaschen mußte . — Und nun hatte auch noch der alte Herr gesagt , sie solle dergleichen Kraftübungen den Jungen über ­ lassen ! — und sie hatte es doch so geschickt gemacht , — also sollte sie nicht einmal mit den Knaben wetteifern , selbst wenn sie es konnte ? Weshalb nicht ? Warum waren denn jene so bevorzugt ? Das war jedenfalls eine Ungerechtigkeit ! Ihre kleinen Fäuste ballten sich . Wenn sie nur erst groß geworden — dann wollte sie es den Leuten schon zeigen , welch eine Ungerechtigkeit das sei ! Sie nahm es sich fest vor . Da kam die kleine Angelika herbei und rief die zer ­ streuten Kinder wieder zu einem Spiel zusammen . „ Komm Ernestine “ , sagte sie , „ Du hast es ja nicht mit Willen getan — komm nur und spiele mit uns , wir machen , blinde Kuh ‘ . “ Ernestine wagte in nichts mehr zu widersprechen ; sie war so eingeschüchtert , daß sie Alles mit sich geschehen ließ und es duldete , daß man sie zur blinden Kuh ausersah und ihr die Augen fest verband . Sie wagte nicht , aufzuschreien , als ihr eine Menge Haare in die Binde hinein geknüpft wurde , obgleich sie vor Schmerz die Zähne zusammenbiß . Nun begannen die schlimmsten Neckereien . Das Eine riß sie an ihren langen Locken , das Andere erschreckte sie durch das Ansetzen von Käfern und Raupen und dergleichen Späße mehr , die ebenbürtigen Freunden zugefügt , und von diesen erwidert , harmlos sind , ein blödes Kind aber , das sich nicht zu wehren wagt , zur Verzweiflung bringen . Niemand wollte sich greifen lassen von der Verpönten , die man nur auf Wunsch der Wirtin wieder in das Spiel aufgenommen hatte , da ­ gegen glaubte man sich berechtigt , ihr jeden denkbaren Schabernack anzutun . Ernestine erhaschte nichts und drehte sich ewig vergeblich im Kreise . Dabei war sie so gewissenhaft , daß sie nicht daran dachte , die Binde ein wenig zu lüften , damit sie ihre Umgebung sehen könnte , sie wäre sich wie eine Lügnerin erschienen und lügen wollte sie niemals . Da faßte sie eine Hand am Strohhut und dessen alte morsche Krämpe riß aus ­ einander und fiel ihr zum Jubel der Andern wie ein Halskragen auf die Schultern herunter . Das war dem armen Kinde ein schwerer Verlust , denn sie wußte , daß sie keinen Hut zu Hause bekäme , wohl aber Schläge für ihre Nachlässigkeit . Sie haschte heftig nach der Täterin und erwischte sie am Rocke ; diese aber , ein größeres Mädchen , riß sich rasch los und Ernestine , , die sehr fest gehalten , behielt ein Stück ihres dünnen eleganten Sommer ­ kleides in der Hand ; sie sah nicht , daß das Mädchen so ­ gleich zu seiner Mutter lief und seinen Schaden klagte , die Binde verhüllte ihr wohltatig die empörten Mienen der Damen und sog die Tränen ein , die sie still um den zerrissenen Hut weinte . Sie stand regungslos inmitten der Wiese und wußte nicht , was sie tun sollte , denn es näherte sich nun kein Kind mehr und das Spiel schien unterbrochen zu sein . Plötzlich traf sie eine derbe Ohrfeige . Der siebenjährige Bruder des beleidigten kleinen Fräuleins hatte sich herangeschlichen und seine Schwester gerächt . Eine Empörung und ein Zorn kochte in dem gequälten Kinde auf , der es fast sinnlos machte ; sie packte den Knaben , als er an ihr vorüber wollte und begann mit ihm zu ringen . Er trieb sie Schritt um Schritt rückwärts , sie konnte die Hände nicht frei machen , um die Binde zu entfernen , sie wußte nicht , wo sie war , sie wollte nur ihren Feind nicht loslassen , denn Alles , was sie erlitten , drängte sich in der kleinen Brust zu Haß und Groll zusammen . Da ertönte ein Schrei und gleichzeitig fühlte sie sich über etwas stolpern und fiel ; sie hielt sich mühsam mit den Händen an ihrem Gegner fest , während ihre Füße bis ans Knie im Wasser hingen , — sie war über den Rand des Bassins geraten . Die Gesellschaft eilte herbei , man griff zuerst nach dem Knaben , an dem sich Ernestine hielt , um diesen in Sicherheit zu bringen , dann half man dem zitternden Kinde herauf und ließ es stehen mit zerfetzten triefenden Kleidern , fröstelnd , sich selbst und Andern ein Gegenstand des Schreckens und Abscheus . Was hatte das entsetzliche Geschöpf Alles getan ! Einem Kinde hatte ihr Wurf fast das Leben gekostet , dem andern hatte sie ein neues wertvolles Kleid zerrissen , das dritte wollte sie gar ins Wasser werfen ! — „