war er hier ? « » Oh , gerade um Mittag herum , wo andere Christenmenschen essen , punkt zwölf Uhr « , erwiderte sie . » Und dann war noch der Briefträger da und brachte ein Schreiben für Sie , lieber Neffe . Ja – mein Gott , wo ist es denn nur ? Wo habe ich es denn hingelegt ? « Sie wandte sich um , und die kleine gebeugte Gestalt begann eifrig zu suchen ; zuerst auf dem Tischchen mit dem Blumenpapier , dann an der Erde , von dem jungen Manne unterstützt . » Wie sah denn der Brief aus , liebste Tante ? « » Blau – oder grau – ich glaube blau « , antwortete sie außer Atem und durchstöberte den rotseidenen Pompadour . Eine Menge Rosenknospen holte sie heraus und ein spitzenbesetztes , riesenhaftes Schnupftuch , sonst nichts . » War der Brief denn klein oder groß ? « fragte er hinter dem Sofa hervor . » Groß und dick « , ächzte Fräulein Rosalie . » Das ist mir noch nie passiert , das ist mir höchst fatal ! « Und mit erstaunlicher Beweglichkeit hantierte sie an dem schwindsüchtigen , kleinen Spinett und klappte uralte Notenhefte auseinander . 62 » Vielleicht in den Ofen gekommen , Tantchen ? « » Nein , nein ! Er ist seit heute früh zugeschraubt . « Franz Linden ging zum Glockenzug – und schellte . » Suchen Sie nicht mehr , liebe Tante , das Schreiben muß sich finden , das Mädchen kann es ja besorgen . « Dörte kam und suchte und suchte , hinter alle Schränke wurde geleuchtet , hinter jeden Vorhang gesehen – vergebens . » Nun wollen wir es aufstecken « , erklärte Franz Linden endlich . » Ich denke mir , es ist ein Brief von meiner Mutter oder vom Amtsrichter – da wird es ja zu erfragen sein , was sie wollten . Trinken wir unseren Kaffee , Tantchen . « » Ich kann nächtelang nicht schlafen « , beteuerte die alte kleine Frau aufgeregt . » Aber , ich bitte Sie « , wandte er gutmütig ein , » es ist sicher nichts Unersetzliches darin gewesen . Erzählen Sie mir lieber ein wenig , das Wetter ist so behaglich dazu . « Aber das runzlige Antlitz unter der großen Haube blieb verdrießlich , und über die Kaffeetasse hinweg schweiften die alten Augen immer wieder suchend im Zimmer umher und blieben , wie nachdenkend , an dem grünen Schirm der Lampe haften . Es war schlechterdings kein Gespräch mit ihr fortzuspinnen . Nach einem Weilchen erhob sich der junge Mann , um sein Zimmer aufzusuchen . » Ja , gehen Sie nur , gehen Sie nur « , sagte sie 63 erleichtert , » nun kann ich nachdenken , was ich angefangen habe mit dem Briefe . Ach , mein Gedächtnis , mein Gedächtnis ! Man wird so alt ! « Er schritt den Korridor entlang und stieg die Treppe hinauf in den oberen Stock . Die Dämmerung des kurzen Wintertags lag schon in allen Winkeln und Ecken . Es war so totenstill im Hause , nur der Hall seiner eigenen Schritte klang in sein Ohr . So ein Tag , von dem sein Freund gesprochen , entsetzlich einsam und leer spann er sich aus über diesem weltfernen Hause . Man kann nicht immer lesen , nicht immer sich beschäftigen , besonders wenn die Gedanken unruhig hinausflattern über Wald und Feld – immer nach einem bestimmten Ziel , und immer zurückkehrend , zweifelnd und bangend . Er stand in seinem Zimmer am Fenster und verfolgte das Treiben der Schneeflocken in der dunkelnden Luft , und er dachte dasselbe wie alle Tage während der letzten Wochen . Er dachte sich so hinein , daß er deutlich einen leichten Tritt hinter sich auf dem Teppich zu hören meinte und den kosenden Klang einer Frauenstimme : » Franz , Franzi ! « – Er wandte sich um und schaute in das dämmerige Zimmer zurück . Wenn sie jetzt die Tür öffnete , wenn sie hereinkäme , das Kind auf dem Arme , herüber zu ihm ? Warum sollte das nicht sein , warum könnte es nicht werden ? Waren diese Mauern nicht fest , diese Räume nicht heimlich und traut genug , ein Glück zu bergen ? 64 Er begann auf und ab zu gehen . Torheit ! Unsinn ! Was wollte er denn ? – Wäre er nie hierhergekommen , oder wäre sie doch tausendmal lieber die Tochter des Werkführers , wie ihre Großmutter und säße vor dem kleinen Hause auf der Bank unter dem Holunderbaum , es würde dann so einfach sein ! Nicht um die Welt mochte er den tollen Wettlauf mitmachen , den man um Trudchen Baumhagens Geldsäcke immer und immer wieder wagte . Aber ihre Freundlichkeit ? – Und nun versank er wieder rettungslos in den Bann ihrer Augen . Es war jenes Zweifeln über ihn gekommen , jenes Hangen und Bangen , das ein jeder durchzumachen hat , der liebt . Und Franz Linden hatte sich in seiner Einsamkeit längst eingestanden , daß ihm nur Trudchen Baumhagen fehle , um glücklich zu sein . Er war eine keineswegs zaghafte oder scheue Natur , im Gegenteil . Er war mit jener bescheidenen Keckheit ausgestattet , wie sie liebenswürdige Leute , denen die Gesellschaft lächelnd allerlei nachsieht , so leicht annehmen . Wäre er im Besitz eines Ritterguts statt dieser Klitsche , wie der Amtsrichter Niendorf bezeichnete – er hätte lieber heut wie morgen gefragt , ob sie die Seine werden wolle , ohne allzu große Furcht vor ihren Geldsäcken . Aber in dieser Lage war es ihm peinlich , er mußte zum wenigsten erst » flott « 65 sein , wie er sich ausdrückte , und ehe das der Fall wäre – wer weiß , wo Trudchen Baumhagen dann geblieben war ? Er biß die Zähne zusammen bei diesem Gedanken – immer dasselbe Resultat ! Aber galt denn