Kälte ausging , daß sie aber alles aufbieten müßte , um dieses Gestorbene vor anderen geheim zu halten , diese armselige gewaltsam erstickte Liebe zu Heinz Kerkow . Das Blut schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf , als sie daran dachte , daß er ihre heiße [ 040 ] [ 053 ] Aenne wünschte nichts sehnlicher , als unbemerkt von der Mutter ihre Stube zu gewinnen , um sich zu fassen . Aber es gelang ihr nicht . Die Frau Rätin , die eine kleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Manne gehabt hatte , saß mit hochrotem Kopf in der Küche beim Quittenschälen , und der Zorn über die verlorene Schlacht gegen den Eheherrn fand einen willkommenen Ableiter in Aennes langem Ausbleiben . „ Sie soll nur kommen ! Es ist zu toll , die eine Stunde des erlaubten Spazierengehens auf zwei auszudehnen . Alles muß man allein besorgen , keinerlei Hilfe hat man von dem großen Mädchen ! Wozu ist sie denn da ? Um der Mutter zu helfen doch selbstverständlich – statt dessen wird gebummelt mit Tante Emilie , die eigens für den Zweck erschaffen zu sein scheint , um die mütterliche Erziehung über den Haufen zu werfen ! “ Frau Rätin erhob sich , legte das Messer in die Schüssel mit den zerschnittenen Quittenstückchen und riß die Thür nach dem Flur sperrangelweit auf , um die Ausbleiberin ja nicht zu übersehen . Sie zündete noch zum Ueberfluß die kleine Oellampe neben der Hausthür an , was sonst nur bei festlichen Gelegenheiten geschah . Kaum hatte sie wieder Platz genommen , als die Schelle ging und Aenne auf die Schwelle trat . Wie eine Rakete schoß die gestrenge Mama aus der Küche . „ Na , da sind wir ja ! “ rief sie . „ Es ist alles mögliche , daß du schon kommst ! Nun bitte , mein Fräulein , bemühe dich hierher und hilf ! Ich muß mich zu Tode plagen , und andere Leute bummeln ! “ Aenne wäre an jedem anderen Tage der kleinen scheltenden und im innersten Herzen so guten Mutter um den Hals gefallen , hätte sie ausgelacht und allerlei Possen getrieben – heute , in ihrer furchtbaren Erregung , fühlte sie , wie ihr das heiße Blut zu Kopfe stieg , und zum erstenmal gab sie eine trotzige Antwort . „ Du redest mit mir , als sei ich die Karoline , Mama ! Ich werde doch wohl das Recht haben , ein Viertelstündchen länger zu bleiben , wenn das Wetter so schön ist . Damit holte sie ein Messer aus dem Kasten und begann mit zitternden Fingern bei der Arbeit zu helfen . Frau Rätin aber war es , als habe die Posaune des Jüngsten Gerichts geblasen – das war noch nicht dagewesen ! „ Hör ’ mal , “ keuchte sie , „ weißt du auch , daß du – daß du den Respekt vergißt gegen deine Mutter ? Nicht eine Minute länger hast du zu bleiben , als wir dir es erlauben ! Weiß Gott , heute muß die Verrücktheit in der Luft liegen ( sie dachte an den Herrn Rat dabei ) , aber ich will euch Raison beibringen , und vor allem dir , die – du – – “ [ 054 ] Der Aerger erstickte ihre Worte . Sie hatte ja keine Ahnung , die erzürnte Frau , wie schwer verwundet das junge Herz da vor ihr war , daß es vor allem der zartesten Pflege , der größten Schonung bedurfte , eine solche Seelenkennerin war diese Frau nicht , die nie einen Herzenskonflikt durchzumachen gehabt hatte und ganz behaglich zu erzählen pflegte , sie habe ihre erste Liebe geheiratet und auch sonst nichts Schweres erlebt als ein wenig kleine Alltagsnot . Sie erstarrte daher fast , als das schöne Gesicht Aennes sich trotzig emporhob , und die zuckenden Lippen die bittern Worte sprachen . „ Nun , du wirst ja nächstens keinen Aerger mehr über mich haben , Mama , ich gehe ja bald aus dem Hause . “ „ Was sind das für Redensarten ? “ rief die ergrimmte Frau , „ was soll das bedeuten ? Auf der Stelle komm ’ mit zum Vater , daß er dir einmal klar macht , wie du dich gegen mich zu betragen hast , du undankbares Kind du ! “ Aenne legte das Messer hin . „ Das bedeutet , daß morgen “ sie machte eine Bewegung nach der Seite , wo des Oberförsters Haus lag – „ der Günther kommen wird , er will mich heiraten . “ Mit diesen Worten ging die arme kleine Aenne stolz wie eine Königin aus der Küche und hinauf in ihre Stube . Frau Rätin saß da mit offenem Munde . Freude darüber , daß ihr Lieblingswunsch sich erfüllen sollte , Reue über ihren Zorn , Verwunderung über des allzeit freundlichen Kindes schroffes Wesen wirbelten ihr im Kopfe . Sie wußte kaum , was sie that . Die Quittenschalen in ihrer Schürze rollten , als sie aufstand , zur Erde , sie achtete dessen nicht , sie lief über den Hausflur und fiel wie eine Bombe bei ihrem lesenden Mann ins Zimmer . „ May , May , ich bitte dich , so hör ’ doch nur , die Aenne – – “ Der Herr Rat , dem ebenfalls der eheliche Zwist noch in den Gliedern lag , schrie ein „ Zum Donnerwetter , was giebt ’ s denn schon wieder ? “ Er wurde aber nach der hervorgestammelten Erklärung ebenso still wie ein eben noch schreiendes Sechswochenkind , das die Flasche im Munde fühlt . „ Wirklich , Alte – wahrhaftig ? Herrgott , das wäre ein Glück ! Und sie will ? Sie ist doch ein prächtiges , verständiges Mädel , die Aenne ! Wo steckt sie denn ? Sag ’ doch , sie soll herkommen , sie soll erzählen , wie ’ s geschehen ist ! Er lief durch die Stube und schrie in den Hausflur