einen Moment still ; seine Gedanken flogen zurück in die große Stadt , zu der eleganten Villa mit den hohen Spiegelscheiben und der blumengeschmückten Veranda ; dort oben im zweiten Stock hinter den spitzenduftigen Vorhängen , da lag sie wohl jetzt und schlief . Er trat in sein Zimmer ; die Fenster waren geöffnet , und die Zugluft trug ihm einen Strom von Blüthenduft entgegen ; er sah in den mondbeglänzten Park hinaus . Es überkam ihn die Erinnerung an einen Winterabend , an dem er hier in demselben Zimmer geweilt , noch unbekannt mit dem Leben , bange vor der Zukunft , und wie ihm dann der alte Spruch dort am Kamin so überraschend Hoffnung und Lebensmuth brachte . „ An Gott nit verzag ! Glück kombt all Tag “ . War das Glück ihm gekommen ? Ach nein , das Glück selbst noch nicht , aber seine Strahlen hatten ihn schon getroffen . Im Geiste sah er sich der Tante Stontheim gegenüber , in dem eleganten Zimmer . Er war damals auf die Einladung der alten Dame zum Weihnachtsfeste in D. eingetroffen , und als er ihr die Hand küßte , die sie ihm zum Willkommen gereicht hatte , da hatte er gar nicht freundlich ausgesehen . Es wurde ihm Thee servirt , und das Gefühl , als müßte es nun unsäglich langweilig werden , legte sich wie ein Alp auf seine Brust . Da waren auf einmal die Thürvorhänge zurückgeschlagen worden , und vor ihm hatte eine Mädchengestalt gestanden , wie hereingeweht in ’ s Zimmer . Der Kronleuchter , der von der Decke herabhing , warf sein blendendes Licht auf ein Geschöpfchen , das elfenhaft zierlich erschien in dem wie aus Duft gewobenen blaßgrünen Kreppkleide , das sie in durchsichtigen Wogen und Wellen umrauschte . Blendend weiße zarte Schultern tauchten aus diesen Wellen auf , und über der weißen schmalen Stirn flimmerte es goldig und wallte auf den Rücken hernieder in mächtiger Fülle – üppiges rothes wundervolles Haar . Er war aufgesprungen und hatte sie angestarrt , als sähe er eine Spukgestalt . Die junge Dame warf das prachtvolle Bouquet aus weißen Camelien auf den Tisch , eilte an ihm vorüber und begrüßte die Tante . „ Agnese ! “ klang es in ihm , „ die schöne Agnese Mechthilde aus dem Ahnensaal zu Hause ! “ „ Ist es schon so spät ? “ fragte die Tante , einen prüfenden Blick über die reizende Gestalt werfend , und dann auf ihn deutend , sagte sie : „ Liebe Blanka , Dein Vetter Armand von Derenberg , der für die Feiertage unser Gast sein wird ! “ Die junge Dame hatte aus ein Paar dunklen Augen einen raschen Blick auf ihn geworfen ; er sah sie noch immer an ; er konnte nicht anders ; vor ihm stand sie ja , die schöne Agnese Mechthilde , als sei sie eben aus ihrem vergoldeten Rahmen gestiegen . – Ja gewiß , er hatte sich sehr linkisch benommen ; das Blut stieg ihm noch jetzt siedend heiß in den Kopf , wenn er daran dachte . Dann hatte er auf der Tante Wunsch über Hals und Kopf Toilette gemacht , saß den Damen in seidegepolstertem Wagen gegenüber und trat in feenhaft erleuchtete Säle ; er war mit Blanka im Tanze über spiegelglattes Parquet geflogen , hatte mit ihr geplaudert und ihr erzählt , daß daheim im Schlosse ein Bild im Ahnensaal hänge , das ihr so ähnlich sähe und vor dem er als Knabe stundenlang gestanden in nimmersattem Schauen . Sie hatte darob gelächelt und gemeint , sie möchte wohl einmal die Probe machen und sich daneben stellen , um zu sehen , ob es nicht viel Einbildung mit der Aehnlichkeit sei . – Freilich , die Augen , die tiefen traurigen Augen , die hatte sie nicht ; wohl waren sie auch dunkel , aber dieser unergründliche Schmerz lag nicht darin ; wie war das auch möglich ? War sie doch so jung , so heiter , so gefeiert ! – Er folgte ihr mit den Blicken , wenn sie im Tanz an ihm vorüberschwebte ; wie ein goldschimmernder Schleier umwob das aufgelöste Haar ihr blasses Gesichtchen ; er konnte sich nicht satt sehen an diesem wundervollen Schmuck ; er beneidete jeden Andern , der mit ihr tanzte , und freute sich auf den heiligen Abend , zu dessen Feier er ja eigentlich gekommen war und den man doch gewiß still im Hause verleben würde . Aber gerade da hatte sie ihm am wenigsten gefallen , nicht daß sie weniger reized ausgesehen – gewiß nicht ; der goldene Schleier lag so wundervoll auf dem dunkelblauen Seidenstoff des Kleides ; die Kerzen des Weihnachtsbaumes woben schimmernde Funken darein , aber das strahlende Lächeln fehlte , das ein Gesicht erst wahrhaft bezaubernd macht ; die holde Weihnachtsfreude vermißte er gänzlich in Blankas schwarzen Augen . Und dann folgte wieder Fest auf Fest , und endlich mußte er abreisen , wie schwer es ihm auch wurde . Er bat die Tante , bald wiederkommen zu dürfen , und in der Brusttasche der Uniform trug er ein zierliches Juchten-Etui , ein Vielliebchengeschenk der Cousine ; das war sein Kleinod geworden , denn darin lag eine lange Strähne rother weicher Frauenhaare . Sie gab ihm das Haar im Scherz , auf seine Bitte , damit er vergleichen könne , welches goldiger sei , das auf dem Bilde im Ahnensaale , oder das ihre . Army stand noch immer am offenen Fenster des dunklen Zimmers ; er zog hastig das Etui hervor und betrachtete im Mondlicht die Locke , die oben und unten zierlich mit einem blauen Bändchen geknüpft war ; er preßte sie an seine Lippen , und eine ganze Reihe weniger Zukunftsbilder zog an seiner Seele vorüber ; er sah sich wieder hier in dem Schlosse seiner Väter ; sie stand neben ihm in der Sommernacht ; er hielt den Arm um sie geschlungen , und sie schmiegte das goldige Köpfchen