– » Ja , sehr schön « , pflichtete ich bei . » Gott sei Dank , daß sie alt ist , sonst möchte mir die Nachbarschaft doch gefährlich werden , um so mehr , da ich noch keine Aussicht habe , zurückzukehren « , setzte ich in leichter Neckerei hinzu . Es war allerdings noch keine Aussicht zu meiner Rückkehr vorhanden . Der Arzt hatte dringend gewünscht , daß meine Mutter dem kalten Winter unserer Gegend aus dem Wege und nach dem Süden gehe . Sie sollte nach Italien , und da sie selbstverständlich der weiblichen Pflege sehr bedurfte , so konnte ich als einzige Tochter , so schwer es mir auch wurde , mich so lange von meinem Manne zu trennen , mir es doch nicht nehmen lassen , sie zu begleiten , und zwar um so weniger , da noch die größte Schonung und Vorsicht anempfohlen war . So reisten wir denn am 1. Dezember ab ; ich , nicht ohne die herzlichsten Grüße an Fräulein Siegismund zu senden , nachdem ich ihr schon vorher geschrieben hatte , wie unendlich ich mich freue , die Geschichte ihres Lebens lesen zu können , und daß ich sie bitte , wenn es ihr nicht zu viel Mühe mache , dann und wann einmal an mich zu schreiben . Wir lebten sehr still in Rom , unsere Briefe flogen häufig hin und her zwischen der ewigen Stadt und der kleinen preußischen Festung , und eines Tages hielt ich ein ziemlich dickes Paket in den Händen : die Geschichte meiner alten Freundin . Meiner Mutter erzählte ich den Anfang und konnte , da sie sich lebhaft für das Schicksal der alten Dame interessierte , das Manuskript vorlesen . Ein Zettelchen lag darin . Sie schrieb : » Anbei , meine liebe , junge Freundin , die Fortsetzung meiner Erzählung . Der Schluß soll erst noch kommen – wer weiß , wie bald . Ich fühle mich mitunter gar nicht wohl , ach , und Sie fehlen mir recht . Es ist , als ob der letzte Sonnenstrahl , der meinen einsamen Abend verschönte , mir nicht mehr leuchten sollte . Bleiben Sie nur nicht zu lange mehr ! Meine Grüße bekommen Sie wohl durch Ihren Herrn Gemahl ? Verzeihen Sie , wenn ich manchmal undeutlich schrieb , und erinnern Sie sich bei Lesung dieser Zeilen freundlichst Ihrer alten M. Siegismund . « Es lag etwas so Trauriges in diesen schlichten Worten , ich bekam ordentlich Sehnsucht nach dem alten , lieben Gesicht , ich hätte wer weiß was gegeben , hätte ich von unserem Hause aus über die kleine , enge Straße huschen und bei ihr anklopfen können , um sie zu trösten . Ich faltete die Bogen auseinander , sie waren eng beschrieben . Auf dem einen bemerkte ich Tränenspuren . » Soll ich vorlesen , Mama ? « » Ach ja , lies « , bat sie , » aber gib mir erst ihr Bild , ich will das reizende Gesichtchen ansehen , während ich ihre Geschichte höre . « Sie hielt das Bild in der Hand und ich begann : » Also , vor der Tür des Pfarrhauses stand ich mit einem peinlichen Gefühle im Herzen . Ich strich mir unwillkürlich nochmals über das Haar und zupfte an dem weißen Mulltuche , welches ich über den Schultern trug . » Heut seh ' ich nicht so verwildert aus « , sagte ich mir nach einer kurzen Musterung meines Anzuges , dann trat ich ein . Hinter dem Glasfenster der Stubentür wurde der weiße Vorhang zurückgeschoben . Der alte Frauenkopf sah einen Augenblick hindurch , die Tür wurde geöffnet und ein Paar alte Hände streckten sich mir entgegen , indem eine freundliche Stimme sagte : » Das ist brav , mein Kind , daß Sie mich besuchen , ich habe schon lange darauf gewartet . Nun , treten Sie näher . « Ich faßte die dargebotene Hand und folgte beklommenen Herzens der Einladung . Himmel , wie gemütlich war es hier . Ein ordentlich anheimelndes Gefühl überkam mich , als ich mich in einen Stuhl am Fenster niederlassen mußte , wo auch der Lehnstuhl der alten Frau stand . Zuerst richtete ich ihr meinen Auftrag aus . Sie ging durch die Stube , öffnete eine Tür und rief hinein : » Heinrich , du sollst einmal herüberkommen zum Herrn Pastor , aber sofort , er hat mit dir zu sprechen . « » Gleich , liebe Mutter « , hörte ich die tiefe Stimme des jungen Mannes sagen . Dann kam sie wieder . » Nun sehen Sie mich mal ordentlich um . Wie lieb sehen Sie aus . Gar nicht so , wie mein Sohn Sie beschrieb . « » Hat er mich beschrieben ? « , rief ich aus , halb peinlich berührt , halb belustigt . » Oh , ich war eben von einem Spazierritt zurückgekommen . Wir hatten einen kleinen Wettritt gemacht und da – « » Das ist ja ganz gleich . Ich sehe Sie so nett vor mir , daß ich es gar nicht anders wünschen mag . Sie leben auf dem Schlosse , wie Kathrin mir sagt . Wie lange wollen Sie dort noch bleiben ? « Wie lange ? Ja , darauf wußte ich nicht zu antworten . » Ich denke , bis – ich weiß wirklich nicht – « stotterte ich . Der Eintritt des jungen Pfarrers unterbrach meine Antwort . Heute sah er mich nicht so eigentümlich , eher flüchtig an . Er grüßte nur , fragte nach der Dauer der Abwesenheit der Familie Bendeleben , entschuldigte sich sozusagen bei mir , daß er außer einem flüchtigen Besuche noch nicht im Schlosse gewesen sei , er habe jetzt so viele Amtsgeschäfte . Dann empfahl er sich , und gleich darauf sah ich ihn mit elastischen Schritten über die Straße gehen und in unserem Hause verschwinden . Die Mutter blickte ihm mit leuchtenden Augen nach . » Wie hübsch ist