es heißt , eines Menschen Blut auf der Seele haben . « Und danach hatte die Gräfin eingelenkt und ihn wieder zu beruhigen gesucht . Aber die Kränkung war geblieben . Und so kam Palmsonntag und Einsegnung heran , und schon in aller Frühe gingen die Glocken . Als es aber das zweite Mal zu läuten anfing , erschien Baltzer Bocholt in der Tür seines Hauses und sah ernst und feierlich aus und nahm seinen Hut ab und strich ihn zwei- , dreimal mit dem einen seiner gemsledernen Handschuhe . Denn er war sich wohl bewußt , daß es auch ein wichtiger Gang für ihn war und daß viele von den Emmerodern ebenso dachten wie die Gräfin oben und sich auch die Frage gestellt hatten : ob es denn habe sein müssen ? Er wußte dies alles und stieg langsam und in Gedanken die Vortreppe nieder , und erst jenseits der Birkenbrücke sah er sich nach den Kindern um , die wenige Schritte hinter ihm folgten . In einiger Entfernung aber kam Grissel und weit zurück erst Joost . Er hatte mit Grissel gehen wollen , die je doch ärgerlich den Kopf geschüttelt und ihm gesagt hatte : » Nei , Joost , hüt nich . « Und er mußte sich ' s gefallen lassen ; denn er war bloß eines Büdners Sohn und sprach immer platt . In der Kirche waren erst wenige Plätze besetzt , und nur die Orgel spielte schon . Und Baltzer Bocholt , als er eintrat , ging das Kirchenschiff hinauf und nahm hier auf einer der beiden Bänke Platz , die für die nächsten Verwandten der Einsegnungskinder bestimmt waren . Es war die nach rechts hin stehende Bank , und Martin und Hilde stellten sich dicht davor , ganz nahe dem Altar , alles , wie Sörgel es ihnen gesagt hatte . Und hier hörte nun Hilde , wie sich die Kirche hinter ihr füllte , und sah auch mit halbem Auge , wie sich die Reihe der neben ihr stehenden Kinder nach beiden Seiten hin verlängerte . Aber sie rührte sich nicht und blickte sich nicht um . Und nun wurde gesungen ; und als der Gesang endlich schwieg und Martin das Glaubensbekenntnis gesprochen hatte , richtete Sörgel seine Fragen an die Konfirmanden . Aber Hilden frug er nicht , denn er sah wohl , daß sie todblaß war und zitterte . Und nun gab er jedem Kinde seinen Spruch ; an die vor ihm kniende Hilde aber trat er zuletzt heran und sagte : » Laß dich nicht das Böse überwinden , sondern überwinde das Böse mit Gutem . « Und sie wog jedes Wort in ihrem Herzen und kniete noch , als alles schon vorüber war und jedes der Kinder sich schon gewandt hatte , um Vater und Mutter zu begrüßen . Ganz zuletzt auch wandte sie sich und sah nun , daß ihr Vater auf seiner Bank allein saß . Und ein ungeheures Mitleid erfaßte sie für den in seiner Ehre gekränkten Mann , und sie vergaß ihrer Angst und lief auf ihn zu und küßte ihn . Von Stund an aber wär er jeden Augenblick für sie gestorben . Denn er war ein stolzer Mann , und es fraß ihn an der Seele , daß man ihn sitzen ließ , als säß er auf der Armensünderbank . Und indem er sich höher aufrichtete , nahm er jetzt Hildens Arm und ging festen Schrittes auf den Ausgang zu , zwischen den verdutzt dastehenden Bauern und ihren Frauen mitten hindurch . Einige traten an die Seite und grüßten , und es war beinahe , als ob das , was Hilde getan , die Herzen aller umgestimmt und ihren Groll entwaffnet habe . Hinter ihnen her aber ging Martin und freute sich , daß sich die Schwester ein Herz genommen . Und auch Grissel freute sich , die noch von ihres Vaters Tagen her ihren Platz oben auf dem Orgelchor hatte . Manches aber freute sie nicht , und sie sah dem Paare nach und sprach in Platt vor sich hin , wie sie ' s zu tun liebte , wenn sie mit sich allein war : » I , kuck eens ... Uns ' Oll ' ... ! Un reckt sich orntlich in de Hücht ... Un nu goar uns ' Lütt-Hilde ! Kuck , kuck . Seiht se nich ut , as ob se vun ' n Altar käm ? Un fehlt man bloot noch de Kranz . Un am End kümmt de ook noch ... Un worümm sall he nich koamen ? « 6. Kapitel . Hilde schläft am Waldesrand Sechstes Kapitel Hilde schläft am Waldesrand Jahre waren seitdem vergangen , und im Dorfe gedachte niemand mehr der Vorgänge jener Palmsonntagwoche , weder des erschossenen Wilderers noch des Einsegnungstages . Auch Hilde hatte sich in Grissels Spruch : » Er oder ich « allmählich zurechtgefunden , und nur jedesmal , wenn der Heidereiter erregt nach Hause kam , die Stirn kraus und das Auge mit Blut unterlaufen , befiel sie wieder die Furcht jener Tage . Doch nie lange . Kaum daß seine Stirn wieder glatt und sein Ärger vorüber war , war auch ihre Furcht vorüber , und nur eine Scheu blieb ihr zurück , über die sie nicht weiter nachdachte , weil sie sie für natürlich hielt . War doch auch Martin scheu , ja , Grissel ausgenommen , eigentlich jeder ; unter allen Umständen aber schloß diese Scheu die Heiterkeit des Hauses nicht aus , und wenn in der Küche , wie jetzt öfters zu geschehen pflegte , das Gespräch auf des Heidereiters immer grauer werdenden Bart kam und Joost in seiner neckischen und dummschlauen Weise hinwarf : » Ojemine , Grissel , de Grissel kümmt em in ! « , so vergaß ein jeder des mehr oder minder auf ihm lastenden Druckes und vergnügte sich und lachte . Am herzlichsten aber lachte Hilde . Die war jetzt überhaupt anders als in ihren Kinderjahren , und