so geht oft und oft ein Wesen am andern vorüber - man streift sich - staunt einander an - im raschen Blick leuchtet ein Verstehen und Erkennen auf - und schon ist es vorbei . - Man hat keine Möglichkeit und Form , dem andern zu sagen : warte , damit wir uns näher in die Augen sehen können . - Raspe meinte , die ganze Angelegenheit habe fast etwas Romanhaftes gehabt . » Ach nein , « sagte seine Mutter , » das Leben bringt so viel seltsamere Dinge zustande , als die Phantasie eines Dichters erfinden darf . Von ihm fordert man unaufhörlich das Wahrscheinliche , Begründete , und die Begrenzung durch Form . Und das Leben selbst ist ein Komponist , der sich in bizarren Anhäufungen von Unwahrscheinlichkeiten und Grausamkeiten gefällt . Bedenk ' allein das sinnlose Geben und Nehmen , darin das Schicksal förmlich wie toll ist ! Und wie es uns erbittert . Im Roman findest Du doch noch immer etwas , das die Erbitterung lindert und löst - das trägt die Kunst hinein - im Leben ist es nicht . « Es erging ihr wie allen , die nicht klagen und nicht schwach sein wollen - dann erleichtert es doch das Gemüt ein wenig , wenn man dem Leben seine Grausamkeiten im allgemeinen anschreibt . Kaum eine Stunde nach Raspes Heimkehr fuhr schon Leutnant Rositz vor . Aber Therese sagte eigenmächtig , aus ihrem Spürsinn heraus , daß die Herrschaften nicht zu Hause seien . Als sie dann die beiden Karten hereinbrachte , nachträglich doch ein wenig besorgt über ihr Handeln , war Sophie zufrieden . Sie sagte sich , es wäre ein qualvoll konventionelles Begegnen gewesen . - Sie verbrachten dann einen stillen Nachmittag und Abend . Raspe brauchte erst am andern Morgen in seine Garnison zurückzukehren . Und es tat der Mutter doch wohl , sich über ihre nächsten Pläne auszusprechen . Sie wollte ja nach Hamburg , schon in wenigen Tagen . Da hatte sie dann Arbeit und ihren Sohn Allert . Wenn die Hoffnung der Senatorin Amster sich verwirklichte , würden sich in Hamburg mehr Aufträge finden , vielleicht genug für den ganzen Winter . Und Raspe mußte zu Weihnachten hinkommen . Das stand fast vor der Tür - drei Wochen noch . Er sah wohl : seiner Mutter war zumut wie jemand , der sich an einer Daseinswende fühlt . Mit einer unendlichen Melancholie gedachte sie des Verlorenen , aber der neue Abschnitt , karger an Reizen , wie er sein würde und immer bleiben mußte , forderte volle Sammlung von ihr , und sie war entschlossen , sich dazu emporzuringen . Ja , das ist eine merkwürdige und eigentlich eine furchtbare Stimmung : man steht mit leeren Händen und weiß nicht , ob das Schicksal jemals wieder etwas hineinlegen will , das wert ist , festgehalten zu werden . Man steht ganz einsam , die Welt empfindet man als eine undeutliche Oede um sich herum . Man hat das Gefühl : hoch oben irgendwo ist doch noch Licht und Freude - aber wie soll man da je hinauf gelangen , ohne Hilfsmittel als die eigene Kraft , die ermüdet ist ? ... Dergleichen empfand Sophie . » Die einzige Freude , « sagte sie , » die mir noch werden kann , wäre , wenn Ihr mir liebe Schwiegertöchter brächtet - Allert und Du . Schwiegertöchter , die Glück und Wohlstand ins Haus tragen , ihm neue Blüte und Bestand geben . « » Wie gern , Mutter , « sprach Raspe lächelnd , » wie gern ! Wenn Du mir das Mädchen bringen kannst , das mir Glück garantiert . « » Garantiert ? « rief sie . » Oh - ein Mann wagt . Und erzwingt sich ' s. « » Läßt sich Glück erzwingen , Mutter ? - Du - Du hattest doch den Willen zum Glück in Deiner Ehe und die tägliche Selbstaufopferung , zu versuchen , ob es sich denn nicht erzwingen lasse ... « » Still ! - Das soll Euch kein Beispiel sein - es gibt doch auch , gottlob , noch schöne , innige Ehen - eine solche ist doch wie vollendetes Menschentum . - Wie sollte es mich beseligen , Euch darin zu sehen ! Und über den Wunsch hinaus , über das Verlangen , das Recht , das Eigenleben so voll ausgestalten zu können , gibt ' s noch viel andere Gründe zum Heiraten . Gibt ' s die nicht ? Denke doch ! Der Staat ! Jawohl , Dir , mir und dem Volk bist Du ' s schuldig , zu heiraten . « Nun mußte Raspe lachen . » Mutter , geh nicht ins Volkswirtschaftliche ! Der Staat - Du kommst mir sozusagen mit Tabellen - schielst nach Frankreich . « - Wie ihn das amüsierte . » Hast Du schon mal einen Menschen gesehen , der aus Pflichtgefühl gegen den Staat geheiratet hätte ? « Sie mußte auch lächeln . Aber weil sie doch auch gern das letzte Wort haben mochte , sagte sie : » Das gesteht sich natürlich selten ein Mensch ein und andern wohl nie . Aber als halbbewußte Unterströmung - « Sie unterbrach sich . Therese kam herein . Und sie hatte schon an der Tür jene ihr eigentümliche Handbewegung , die zugleich Neugier zu wecken und diskret zu beschwichtigen schien . Dann streckte sie auch lächelnd das etwas geneigte Gesicht vor , und Sophie sah es ihr an der Nasenspitze an , daß draußen etwas Ungewöhnliches los sei . Ein verlumpter » Kollege « , der Unterstützung wollte , oder ein ganz hoher Besuch - jedenfalls etwas über , unter oder außer Theresens Taxe vom Normalen . Ganz nah an den Tisch vorm Ecksofa , wo Mutter und Sohn gemütlich saßen , kam sie heran und berichtete fast flüsternd : » Es ist ' ne Dame da . Karte hat se keine . Ich sagte , daß jnä Frau woll