fünfzehn Jahren , als der Vater mir das Bündel auf den Rücken hing und sagte : Geh verdienen . Nun , und ich ging , und auf der Landstraße hatte ich Angst vor den Gendarmen und vor den Grenzreitern und im Walde vor den Waldhütern , und wenn es dunkel wurde im Walde , dann kamen große schwarze Vögel , flogen ganz niedrig und bliesen - die Angst ! Und wenn ich dann zum Bauern kam , hatte ich Angst , an die Tür zu klopfen , und wenn ich doch klopfte , der Bauer kam aufmachen , hatte ich wieder Angst . Und ich glaubte , der Kaiser und die Minister und die Herren und die Bauern , alle sind nur dazu da , um dem armen Judenbocher Angst zu machen . « » Aber dachtest du nicht manchmal , « unterbrach ihn Egloff , » dachtest du nicht an Mädchen , an solche Sachen ? « » Mädchen waren schon da « , erwiderte Laibe . » Wenn ich Sonntags in eine Bauernstube kam , dann saßen sie da am Tisch , die Mädchen in ihren guten Kleidern , reingewaschen , die Gesichter wie die roten Äpfel , und Jungen waren da und spaßten mit ihnen , und ich saß am Ofen und sah zu , wie einer ein Bild ansieht , er kann nicht in das Bild hinein , und das Bild kann nicht zu ihm herauskommen . Ach Gott , meine Jugend ! Auf der einen Seite steht das bißchen Verdienst und auf der anderen Seite steht die große Angst . « Beide schwiegen jetzt , Laibe schaute sorgenvoll vor sich hin und strich mit den Händen sanft über seine Knie , als wolle er sich selber trösten . Egloff zog nachdenklich an seiner Zigarre . » Hm , « sagte er endlich , » nicht schlecht . Der Judenjunge im dunklen Walde , ganz klein unter den hohen Bäumen , und die großen schwarzen Vögel , die vor sich hinblasen . Aber mit eurer ewigen Angst habt ihr vielleicht recht . Ihr behaltet die gefährliche Bestie immer im Auge , wir anderen , wir fürchten uns nicht , und uns fällt sie hinterrücks an . « » Bitte , Herr Baron , « fragte Laibe einschmeichelnd , » was ist das wohl für eine Bestie ? « Egloff seufzte : » Ach , mein lieber Laibe , Sinn für das , was man so ein poetisches Bild nennt , hast du nicht . Was soll denn die Bestie sein ? Das Leben ist diese Bestie . « » Sehr hübsch , « bemerkte Laibe und machte sein liebenswürdigstes Gesicht , » aber ich habe nicht einen feinen Kopf wie der Herr Baron , ich habe nur einen armen Judenkopf voller Sorgen , der kann nicht so feine Gedanken denken . « » Gut , gut , « unterbrach ihn Egloff , » du wirst uninteressant , mein Lieber , es ist Zeit , daß du schlafen gehst , gute Nacht . « Laibe erhob sich , rieb sich die Hände , verbeugte sich und sagte : » Eine sehr gute Nacht , Herr Baron . « Dann ging er . Egloff blieb noch eine Weile liegen , die Wärme des Kaminfeuers hatte ihn ganz schlaff gemacht , und der Burgunder gab ihm einen angenehmen , leichten Schwindel . Man wird schlafen können , dachte er , und dann klang ihm plötzlich Fastrades Stimme im Ohr , » das sieht aus wie ein Schlachtfeld « , hatte sie vom Walde gesagt , und das klang so zornig wie das » Pfui ! « damals , als er den Hund schlug . Er lächelte vor sich hin . Dieses Mädchen einmal so böse zu machen , daß es ganz heiß und wild wird , das müßte hübsch sein . Dann schellte er nach Klaus , um zu Bette zu gehen . Sechstes Kapitel Am Nachmittage zur Teestunde war in Sirow Besuch . Die Baronesse Arabella kam , um der Baronin Egloff Fastrade nach der langen Abwesenheit wieder vorzustellen , und die Baronin Port war da mit ihren beiden Töchtern Sylvia und Gertrud . Die Damen saßen im Wohnzimmer der Baronin , in diesem Zimmer mit dem dicken Smyrnateppich , den schweren , dunkelblauen Vorhängen , in das das bleiche Licht des Winternachmittags nur gedämpft und fast schläfrig eindrang . Die Luft hier war schwer , denn es war stark geheizt worden , und es roch nach Tee und einem sehr süßen Parfüm , das die Baronin liebte . Die Baronin thronte auf ihrem Sessel recht stattlich im schwarzen Seidenkleide und der Mantille nach der Mode der sechziger Jahre , das Gesicht sehr weiß mit regelmäßigen Zügen , an jeder Schläfe drei graue Löckchen , und auf dem Kopfe ein Spitzentuch , das mit dicken , goldenen Nadeln befestigt war . Sie strickte an einer pfauenblauen Strickerei und sprach deutlich und ausdrucksvoll , sie liebte es zu sprechen und verlangte , daß man ihr andächtig zuhörte . Sie wandte sich an die beiden alten Damen und erzählte von der Großherzogin , bei der sie früher Palastdame gewesen war . Die Großherzogin war so genau , daß , wenn die Kammerfrau ihr am Morgen ein Hemd präsentierte , das nicht die folgende Nummer des am vorigen Tage getragenen Hemdes zeigte , sie es zurückwies und sehr ungehalten war . Und so war es mit allem , mit den Taschentüchern und so weiter . Eine ganz seltene Frau . » Sehr interessant , « bemerkte Baronesse Arabella , » so von den Intimitäten der hohen Herrschaften zu hören . « » Oh , da könnte ich viel erzählen « , sagte die Baronin . Die anderen nahmen an dem Gespräche nicht teil , Gertruds kleines Figürchen versank ganz in dem großen Sessel , sie stützte den Kopf mit den wirren blonden Löckchen an die Lehne , das weißgepuderte Gesichtchen mit den zu feinen Zügen und dem zu roten Munde drückte