die Reihe an Sie . « Aber Rosa hatte nun einiges hervorzuheben , was ihr am meisten gefallen , sie am tiefsten gerührt hatte , auch allerlei zu fragen , was sie zum Verständnis brauchte , und so entspann sich ein vertrauliches Geplauder , als hätten sie sich jahrelang gekannt . Er erzählte ihr aus seinem Leben und enthüllte ihr dabei die schönen Jugendträume seiner Seele . Sie horchte versunken in eine Welt seliger Gefühle und ihre Augen hingen unverwandt mit dem Ausdruck reinen kindlichen Glücks an seinen Lippen , in völliger Vergessenheit ihrer selbst und der Welt um sich her . Endlich aber sagte er : » Wir vergessen die Zeit und ich habe noch nichts von Ihren Gedichten gesehen . « Rosa sprang auf , ganz zutraulich wie mit einem Freunde , sagte , sie wolle das Beste holen , was sie habe und was sie immer nachts bei sich behalte zu etwaigem neuen Einfall und eilte in ihr Schlafzimmer . Der Prinz blätterte indes in einem Buche , das auf dem Tische lag , und als ein Blättchen Papier herausfiel , bückte er sich , es aufzuheben , und sah , daß Verse darauf standen , und zwar ein Sonett , das er alsbald ohne weitere Überlegung las ; es lautete : » So war ' s ! So dacht ' ich mir den Königssohn , So edel stolz , die schönste Jugendfülle , Von schönrer Seele nur die schöne Hülle , Die reine Stirne des Gedankens Thron . Der blauen Augen seelenvoller Blick , Der ' s deutlich kündet , was in dem Gemüte Von milder Liebe wohnt , von seltner Güte - Ja - er ist auserlesen vom Geschick , Sein hohes Amt in Würde zu verwalten , Verschwendrisch segnend , wie der Sonne Strahlen , Sein Volk zu edlem Menschentum zu heben , Sich das Gemeine ewig fernzuhalten Und mit der Krone höchsten Werts zu zahlen Für jene Krone , die ihm Gott gegeben . « Darunter stand das Datum jenes Tages , wo Rosa zum erstenmal bei der Herzogin improvisiert und mit dem Prinzen länger gesprochen hatte . Er konnte demnach nicht zweifeln , daß die Worte ihm galten . Es rührte ihn tief , das unschuldige Geheimnis dieses Mädchenherzens entdeckt zu haben , und erhöhte die Sympathie , die ihn sanft und innig zu ihr hinzog . Noch ehe er sich besinnen konnte , ob er ihr den Fund anzeigen oder verschweigen sollte , trat sie leichten Schrittes ein , mit einer Menge beschriebener Blätter in der Hand und sagte unbefangen : » Da habe ich zusammengetan , was allenfalls wert ist , gelesen zu werden « , - doch ehe sie aussprechen konnte , fiel ihr Blick auf das Blatt , das Waldemar in der Hand hielt , und Purpurglut überzog ihr Gesicht . Sie stand einen Augenblick fassungslos , sah aber in ihrer Bestürzung so liebenswürdig aus , daß Waldemar , indem er ihre Hand ergriff , gerührt sagte : » Verzeihen Sie mir , meine liebe junge Freundin , diese anscheinende Indiskretion : ich blätterte in dem Buche hier und da fiel dieses Blatt heraus , und als ich sah , daß es Verse waren , nahm ich mir die Erlaubnis , sie zu lesen . Sie sind mir deshalb nicht böse , nicht wahr ? « Rosa hob die gesenkten Augenlider , sah ihn mit einem unschuldvollen Blick an und sagte leise : » Ich vergaß , das Blatt aus dem Buche zu nehmen . « » Und so ward mir Gelegenheit , zu sehen , wie hoch und edel Sie von mir denken , « versetzte Waldemar , » denn ich muß wohl , dem Datum nach zu urteilen , so eitel sein , zu glauben , daß Sie ein wenig an mich gedacht haben , als Sie Ihr Ideal eines Fürstensohnes schilderten . Wie gern möchte ich dem Bild gleichen ! Und glauben Sie mir , daß der Wunsch danach in meiner Seele lebt , wenn ich es auch nicht von fern erreicht habe . Mir graut oft vor der gewaltigen Aufgabe , an der auch der edelste Wille nur zu oft scheitert . Es scheint so einfach , wenn man große Macht in Händen hat , Glück und Segen zu spenden und das Wohl von Tausenden zum Guten zu wenden , aber wieviel Hindernisse , wieviel Verwicklungen , wieviel böser Wille stehen einem da entgegen und lähmen die Tatkraft . Ach , es ist nicht leicht , auf dem Thron ein wahrhaft großer und guter Mensch zu sein . « Er sprach noch länger über dies Thema , um Rosa Zeit zu geben , ihre Unbefangenheit von früher wiederzugewinnen ; es gelang ihm auch ; der Ausdruck von Bestürzung schwand aus ihren Zügen , ihre sanften , ernsten Augen ruhten wieder sinnend in den seinen und das Interesse an dem , was er sagte , hatte wieder jedes persönliche Empfinden überwogen . Sie erzählte ihm nun auch , wie sie schon als Kind , wo sie in den Bergen von Cadore die elenden Lebensbedingungen einer ganzen Bevölkerung gesehen habe , sich gewünscht hätte , eine Prinzessin oder Königin zu sein , um das Geld mit vollen Händen auszustreuen , so daß keiner mehr zu frieren und zu hungern brauche . » Und als ich älter wurde , « fuhr sie fort , » und selbst erfuhr , welches Glück Unterricht und Bücher gewähren , da dachte ich , wenn ich König wäre , würde ich vor allem dafür sorgen , daß allen geistige Nahrung so gut wie leibliche zuteil würde , daß alle sich freuen könnten an schönen Büchern , an erhabenen Gedanken , an dem Edlen , was die Kunst geschaffen , so daß es nicht mehr möglich wäre , rohe , gemeine und böse Menschen zu finden , und dazu dachte ich mir immer einen König , der selbst das Vorbild aller Vollkommenheit wäre und dem alle sich bestreben würden nachzuahmen . «