eine Erwachsene über ihm stehe , und empfand sie nur noch als eine Gleichgestellte , ja als eine solche , die er unter Umständen beschützen dürfe ; und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses veränderte Verhältnis ein . Ihm selbst war auch nicht bewußt , worin der letzte Grund lag , nämlich daß Dorrel in Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und nur nach Trieben lebte , die sie nicht verstand : er selbst aber lebte schon zu einem Teil in Helligkeit und klarem Denken und Prüfen . Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam für ihn später , als in der Großstadt das Fremde und Neue auf ihn einstürmte , das er nicht fassen und verarbeiten konnte ; und wie es gerade schien , daß er in diesem Meer der Finsternis versinken müsse , da sollte ihm von der armen Magd ein helles Licht kommen , das ihm das Ufer wies und den Berg , darauf er zu neuer Helligkeit emporsteigen konnte . Der Großmutter Zustand wurde immer schlechter ; sie schlief des Nichts sehr unruhig und hatte Atembeschwerden . Daß jemand bei ihr wachte , wollte sie nicht ; aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die Treppe hinunter und horchte an der Stubentür . Der kleine Hans brachte ihr die ersten Schneeglöckchen an ihr Bett ; die sah sie lange mit glänzenden Augen an , dann stellte sie die Blümchen in ihr Wasserglas , das neben ihr stand . » Nun geht es bald zu Ende , « sagte sie zur Mutter , » und für euch ist das auch eine Erlösung . « In den letzten Tagen sagte der Förster , er wolle nachts auf dem Sofa schlafen , damit jemand bei ihr sei . Aber sie erwiderte , er müsse früh aufstehen und in seinen Dienst gehen , da müsse er ordentlich ruhen , und die Mutter solle bei ihr bleiben , wenn sie es nötig finde ; freilich sei sie eine alte Frau , deren Zeit abgelaufen sei , und halte es nicht für richtig , daß so großer Umstand um sie gemacht werde . So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter . Und in einer Nacht richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief : » Anna , wie ist mir denn ? « Dann begriff sie , daß das der Tod war , der zu ihr kam . Da sagte sie : » Herr , in deine Hände befehle ich meinen Geist . « Die Mutter war zu ihr geeilt und hielt sie aufrecht ; wie die Ahne diese Worte gesprochen , fühlte sie plötzlich , daß der Körper ihr schwer wurde in den Armen . Leise legte sie die Gestorbene zurück auf das Kissen , drückte ihr die Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust . Dann war viel Laufen und Besorgen , wie das bei Sterbefällen so ist . Der Tischler kam wegen des Sarges , und allerhand Umstände mußten gemacht werden . Die Gestorbene lag still und ernst da . Sie war sehr schön geworden im Tode ; ein freies , offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine Fürstin , und nichts Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen . Denn der Tod gibt jedem Menschen die Würde , die ihm gebührt ; wenn die Muskeln erschlaffen , die unserm Gesicht den zufälligen Ausdruck verursachen , den es zwischen den Menschen hat , so treten die Knochen und Sehnen hervor , die seine Grundlage bilden ; wer ein Bettler war , sieht dann aus wie ein Bettler , und habe er im Leben auch eine königliche Figur gehabt , und ein tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes Aussehen . Da zeigt es sich , daß alles äußere Geschick nur Zufall ist , unsre Figur und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein ; und unser wahres Leben , das wir in der unbekannten wahren Welt geführt , gibt hier ein sonderliches Zeichen von sich . Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte , legte der Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um , den sie vor fünfzig Jahren getragen und sorgsam aufbewahrt hatte ; denn so wollte sie vor ihrem lieben Mann erscheinen , an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht hatte , jeden Tag ; und für dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen , bis er ein stattlicher Mann geworden , und dann den Enkel , der zwar nach seinem äußeren Wesen in ihre eigne Art schlug , nach seinem Innern aber ein Werther war . Wie das geschehen war , bekamen der Tischler und sein Geselle ein Frühstück , nach alter Sitte , aßen und tranken mit Bescheidenheit und lobten das Essen . Hierüber empfand Hans einen heftigen Haß gegen sie , in der Art wie damals gegen den jungen Grafen , und hätte sich auf sie stürzen mögen . Ein Junge von den Holzarbeitern , die unweit des Forsthauses wohnten , war in Hansens Alter , und deshalb hatte der manches mit ihm gemein , wiewohl keine eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand . Den fragte er , ob er solche Gefühle auch habe ; denn seinen Vater zu befragen , wagte er nicht , aus einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen . Der grinste und schüttelte den Kopf und wußte nicht , was Hans meinte . Nach längerem Überlegen kam er auf die Vorstellung , daß er auf diese Geständnisse und Fragen hin ihn hänseln könne . Aber wie er mit solcher Absicht anfing , trat ihm Hans gleich mit geballter Faust entgegen , und wiewohl der Junge viel stärker war wie Hans , wurde er da doch in Angst versetzt und entschuldigte sich , er habe nichts sagen wollen . Hans ärgerte sich und drehte ihm den Rücken . Der Junge lief ihm nach und liebedienerte . Er sprach von einem Vogelnest , das er