prüfend an und sagten dann : » Gar nicht übel für moderne europäische Imitation « . Das war ein harter Schlag , und ich war Ihnen zuerst beinah böse , denn nichts tut weher , als liebe Götzen zu verlieren . Und ich hatte die meinigen so ehrerbietig behandelt und immer frische Blumen vor sie hingestellt ! Aber es sei Ihnen verziehen , denn Sie haben die falschen Buddhas durch wahre ersetzt , und das tun die wenigsten Leute , die andern ihre Götter nehmen . Es ist ja auch nicht eben leicht ! - 14 New York , Dezember 1899 . Die letzten Tage , lieber Freund , sind noch ganz der Wohnungseinrichtung gewidmet gewesen . Sie wissen ja , wie sehr ich von meiner äusseren Umgebung abhänge . Milde warme Farben , edler Faltenwurf , schöngeschweifte Linien sind mir physisch wohltuend . Vielleicht erheben sich die wirklich grossen Geister über die äusseren Dinge und lassen sich nicht von ihnen störend beeinflussen ; aber ich bin nur ein ganz kleines Geistchen , fürchte mich vor dem Meer des Alltäglichen , Hässlichen , und fühle mich nur behaglich , wenn es mir gelungen , mir eine eigene kleine Insel zu schaffen und sie meiner persönlichen Eigenart entsprechend zu gestalten . Ich suche auch immer mich über das Nomadenhafte meines Lebens hinwegzutäuschen , indem ich unsere jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst dekoriere , als solle sie ein alles überdauerndes Stammschloss werden - und sie ist doch nie etwas anderes , als ein Zelt , das immer wieder abgebrochen und von neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird . In manchen der Häuser , die wir im Lauf der Jahre bewohnten , habe ich sogar Tür und Decken bemalt ; heute neckte mich mein Bruder damit und fragte , ob ich diesem New Yorker Boarding House auch solche dauernde Erinnerungen meines vorübergehenden Aufenthaltes hinterlassen wolle . Das habe ich nun zwar nicht vor , aber , nachdem ich es nun etwas wohnlich um uns gestaltet habe , will ich wieder meine Malereien aufnehmen . Unser Wohnzimmer hat ausgezeichnetes Licht , so dass es als Atelier dienen kann , und da mein Bruder erst nachmittags zurückkommt , habe ich den ganzen Tag dafür frei . All meine chinesischen Skizzen sind hier , und ich habe manche an die Wände gehängt , lauter alte Bekannte von Ihnen , zu denen nun noch japanische und kanadische gekommen sind . Als ich in all den Bogen blätterte , fiel mir die Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die kleine Bilderausstellung , die ich vor unserer Abreise dort arrangierte . » Premier Salon de Pékin « wurde sie genannt , und ich verkaufte eine Menge Skizzen ! Wenn ich so durch mein Malen ein paar hundert Dollar verdiene , fühle ich mich so stolz , so self made , als sei ich Charles William O ' Doyle inmitten seiner Millionen ! In grauen leeren Tagen , als die Welt für mich nichts mehr zu enthalten schien , habe ich zuerst zu malen begonnen , wie eine Zerstreuung , eine Rettung vor den ewig gleichen , quälenden Gedanken . In den langen Wanderjahren mit meinem Bruder ist es dann allmählich meine grosse Lebensfreude geworden , der befreiende Ausdruck des innerlich Erlebten . Und noch in anderem Sinn ist das Malen mir zu einer Lebensfreude geworden , denn wenn ich ein Bild verkaufe , bedeutet das Butter zu meinem täglichen Brot , d.h. die Möglichkeit , mit solchem kleinen Verdienst andern helfen zu können , denen es weniger gut geht als mir . Bei Ihnen fand ich gleich Interesse für mein Malen . Wie viel haben Sie mir erzählt von Kunst und Künstlern all der Länder , in denen Sie gelebt , wie oft haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen Peking geführt , die sonst Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren völlige Eigenart so manches Motiv bot ? Wenn Sie mir so den Zutritt zu einem sonst stets verschlossenen Tempel verschafften und ich seltsame Götzen oder stille Klosterhöfe malte , in denen das Licht zwischen den Zweigen uralter Bäume spielte und über einen gelbgekleideten Priester glitt , der am Sockel eines riesigen mit Patina überzogenen Bronzelöwen lehnte und weltentrückt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger gleiten liess - wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen gefühlt und eine neue Arbeitslust , ein grösseres Können empfunden durch die Macht der Freude , die Sie an mir hatten ! - Von einem andern in unseren liebsten Beschäftigungen , in unserer individuellsten Eigenart verstanden zu werden , ist wie eine geistige Liebkosung . So vieles erstirbt ja in uns , aus Mangel an etwas Interesse und Pflege . Und jene , die am meisten in uns getötet und begraben haben , sind oft , die uns am nächsten standen . Haben Sie Dank , lieber Freund , für alles , was Sie in mir geweckt und gepflegt haben , für all die Blumen , die geblüht haben , weil Sie sich daran freuten . 15 New York , 25 Dezember 1899 . Es ist wieder Weihnachten geworden , lieber Freund ! Weihnachten in einem Lande , wo ich das Fest noch nie erlebt habe , wo es mir darum besonders fremd vorkommt . Warum haben wir nur diesen rührenden und zugleich etwas komischen Zug , an bestimmten Jahrestagen so besonders zu hängen ? Was wissen wir eigentlich von dem Tag der Geburt Christi und was ist uns dieser Tag ? Und doch , so wenig Bedeutung er für viele unter uns heute noch in der Hast des Lebens hat , und so wenig wir von Frieden auf Erden wissen , an diesem Jahrestage scheint es uns , als hätte jeder Mensch ein besonderes Recht auf Freude , und wir stecken viel Lichtchen an , um doch ja die Freude sehen zu können , falls sie wirklich mal zu uns käme . Aber bei uns Einsamen , die wir in fremden Welten leben