kühlen , dann ging sie zur Tür und schob den Riegel vor . Es wäre ihr unangenehm gewesen , wenn jetzt ihre Mutter hereingekommen wäre . Wollte sie vielleicht nachsehen und fände die Tür verschlossen , so werde sie in der Idee , Sylvia schlafe , wieder fortgehen . Das junge Mädchen warf sich in die Chaiselongue und schloß die Augen : Also jetzt : die Beichte - - ... Ich bin schuldig ... Flatterhaft - und - - wie soll ich ' s nur nennen ? wie ? einfach beim Namen , im Beichtstuhl lügt man nicht - beschönigt man nicht : - sinnlich bin ich . Meine Liebe zu Toni , die ja erst unter seinem ersten Kuß so mächtig aufgeflammt - ist es überhaupt Liebe ? Eigentlich nein , da er mir jetzt so oft mißfällt - da so vieles , was er mir sagt , mich wie mit einem kalten Wasserstrahl berührt ... Und dasselbe , was ich - bei jenem ersten Kuß - in Tonis Armen empfand , es hat mich heute - und noch viel heftiger - durchzuckt , als Hugo Bresser - - Hugo liebt mich ... das habe ich deutlich gefühlt ... Er hat es ja auch gesagt : der Augenblick , der ihn zum Gott gemacht - den hat er erst heute erlebt ... Das war der Augenblick , in dem er mich - die nicht Widerstrebende ! - ans Herz gedrückt ... Ich habe ihm zugetrunken ... sagte ich damit nicht : » Ich verstehe Dich ? « Was wird er jetzt hoffen dürfen und was werde ich fürchten müssen ? ... Es wurde an der Türklinke gerüttelt . » Ich bin ' s , mein Kind ... Hast Du Dich niedergelegt ? « Sylvia schwankte . Sollte sie der Mutter öffnen ? Sollte sie dieser bewährten Freundin gestehen , was in ihrem Innern vorging ? Ach , wußte sie es denn selber ? ... Nein - zuvor mußte sie mit sich ins Klare kommen . Sie gab keine Antwort und Martha entfernte sich wieder . Jetzt schloß Sylvia das Fenster , ließ die Vorhänge herab und machte Licht . Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und nahm die darauf stehende Photographie Delnitzkys in die Hand . Lange betrachtete sie das Bild . Dabei stiegen ihr Erinnerungen an die zärtlichkeits- und glücksvollen Gefühle auf , die sie noch vor Kurzem bei Anblick dieser Züge erfüllten ... das ist doch Liebe - - Gleich darauf aber regte sich der Zweifel : ... Ist denn aber auch eine solche Liebe , wie ich sie jetzt durchschaut habe , meiner wert ? ... und ist nicht sogar diese im Schwinden begriffen , da ein anderer imstande war , einen Augenblick in mir gleiche Regungen zu wecken ? ... Und da ich erkannte , wie dieser andere in seinem Denken und Fühlen über den Verlobten hinausragte ? Welcher Schwung in Hugo Bressers Worten , und Toni nannte das » geschwollenes Zeug « . Nun ja , im Grunde ... es klang etwas exaltiert - und wer weiß , ob es aufrichtig war - ob es nicht galt , mich zu faszinieren - eine Art gesprochene Fortsetzung der kühnen Umarmung im Garten ? ... Vielleicht war auch nur das Gewitter daran schuld , daß ich in jenem Augenblick wie unter einem elektrischen Schlag erbebte ... ich liebe ja diesen Herrn Bresser nicht - mein Herz hab ' ich dem Toni geschenkt ... Mein Herz ? Oder ist ' s - - ? Gleichviel : ich bin ja , wie jedes junge Menschenkind , ein Ding von Seele und Leib - mit warmem Blut ... Aber die Ehe - mein Gott , die Ehe ... dieses lebenslängliche Einssein ... wenn da die Seele zu kurz kommt ? ... Und da hilft kein Leugnen : in der letzten Zeit haben hundert Dinge , die ich an Toni entdeckt oder die ich an ihm vermißt habe , meine Liebe momentan wie ausgelöscht - freilich entbrannte sie dann von neuem ... Wenn aber die Augenblicke des Verlöschens immer häufiger und immer länger werden ? ... Noch wäre es Zeit , zurückzutreten - - - Jetzt malte sie sich diese Alternative aus : die abgebrochene Verlobung . War das nicht Pflicht , wenn auch schmerzliche Pflicht - denn der Gedanke tat ihr weh ... Doch , war sie es nicht ihrer und auch seiner Zukunft schuldig , einen Bund zu lösen , der - wie es sich nun zeigte - nicht auf zweifel- und reueloser Gesinnung ruhte ? ... Mit raschem Entschluß öffnete sie ihre Mappe , um einen Abschiedsbrief zu schreiben . In der Mappe lag ein Zettelchen , das einst zwischen die Blumen des ersten Brautbuketts gesteckt war , das sie von Delnitzky bekommen . An das Zettelchen hatte sie nicht mehr gedacht und sie schob es jetzt beiseite , um einen Briefbogen hinzulegen . Dabei streifte ihr Blick den Inhalt - den hatte sie auch vergessen gehabt : » Mein Glück über das erhaltene Ja ist so groß , daß es kein Maß dafür gibt . Nur etwas hätte noch größer sein können : meine Verzweiflung , wenn es nein geheißen hätte . « Die Worte drangen in Sylvias Innere wie ein flehender Schrei : Um Gotteswillen , laß von Deiner Absicht ab - stürze mich nicht in Verzweiflung ! Sie malte sich nun den Schmerz aus , den sie daran war , dem geliebten - ja dennoch geliebten - Manne zuzufügen . Daran knüpfte sich noch eine ganze Kette anderer peinlicher Vorstellungen : das ärgerniserregende Aufsehen , das eine zurückgehende Verlobung erregen würde ; die Kränkung ihrer Mutter , der Tadel Rudolfs , die Vorwürfe der anderen und - was schlimmer war als alles übrige - der Triumph Hugo Bressers , der mit diesem ihrem Entschluß Auslegungen und Hoffnungen verbinden könnte , die ganz falsch wären . Ganz falsch . Ob sie nun mit dem Bräutigam brechen würde oder nicht , ihrer Würde war sie es