, müssen wir annehmen , dass alles Leben niemals im Einzelnen erstickt werden kann - es wird immer noch wo anders sein . « Kaidôh wendet sich wieder ärgerlich ab , da er nichts davon versteht doch die Liwûna spricht schnell : » Kaidôh , in der Mitte steht doch noch ein sehr wichtiger Absatz . « Da steht nämlich : » Die Sternriesen haben noch keinen ihrer Brüder sterben sehen und glauben nicht mehr , dass sie sterben könnten . Sie halten daher den Tod nur für eine Wesensverwandlung , die bei sehr unentwickelten Lebewesen eine Berechtigung hat . « Kaidôh staunt darüber und wird verwirrt . » Sagtest du nicht , « fragt er , » dass wir im Todestempel der Sternriesen seien ? « » Das kann ich , « erwidert sie , » nicht gesagt haben , denn bei den Sternriesen spielt der Tod gar keine Rolle . Die grossen Sternriesen verändern sich , ohne dabei gleich zu sterben . Die Inschriften , die du kennen gelernt hast , sind nicht für die Sternriesen . Wir befinden uns hier immer noch in den äussersten Vorhallen . Du würdest viele Sternjahre brauchen , wenn du dir von der Tempeleinrichtung , die sich in ungeheuren Tiefen befindet , ein ungefähres Bild machen wolltest . Das Sinnbildliche würde dir zudem ganz unfassbar bleiben . » Dann komm raus ! « sagt Kaidôh . Das geht aber nicht so geschwinde . Die Liwûna fliegt mit ihrem Kaidôh durch ein Perlkettenfenster in einen andern Saal . Und in dem ist die Kuppel so himmelhoch , dass Kaidôh müde wird bei dem Gedanken , da oben durch zu müssen . Es ist still und geheimnisvoll ringsum . In dem Saale sind nur ein paar Lichter sichtbar - das sind grosse Sterne , die an fernen Säulen leuchten . Die Säulen sind als solche gar nicht wahrzunehmen , da ihr Umfang viel zu gross ist . » Wir müssen immerzu emporsteigen ! « sagt leise die Liwûna . Und sie steigen immerzu empor . Ihnen ist so , als schwebten sie zwischen grossen dunklen Blasen in die Höhe . Die Blasen haben weichgebogene Lappenform ; goldbraune und dunkelviolette Wellen schwimmen auf der Blasenhaut hin und her - wie auf Seifenblasenhaut . Es ist ziemlich dunkel ringsum . An der einen Seite wirds aber immer heller , die Blasen verschwinden , und ein kirschrotes Licht leuchtet den Beiden ins Auge . Vor dem kirschroten Lichte , das in einem Nebensaale zu leuchten scheint , sehen sie eine lange Reihe von schwarzen Säulen , die wie Knochengerippe wirken und doch wieder Buchstaben sind . Da steht geschrieben in schwarzer Riesenschrift auf kirschrotem Lichtgrunde : » Glaube nicht , dass es immer gut ist , wenn du oft zur Besinnung kommst . Viele verlieren dadurch ihre ganze Kraft und ihr ganzes Lebensglück , selbst das Todesglück kann dabei in die Brüche gehen . « Kaidôh sagt kalt : » Diese Worte gehen mich gar nichts an . « Das Licht verschwindet , und die Schrift ist nicht mehr zu sehen . Die Beiden steigen höher , und abermals wird ein Nebensaal hell - der strahlt in citronengelbem Licht . Und schwarze Säulenlettern sagen davor : » Unsres Lebens Anfang und Ende ist uns verschleiert , dass wir glauben können , es gäbe Beides nicht . Unser Leben soll wohl ein Sinnbild der Unendlichkeit und Ewigkeit sein . Wir können unser Leben auch ein unaufhörliches Sterben nennen - wir werden immerzu was anderes . Wir sollen uns eben immer inniger ins Ganze einschmiegen . Und wenn wir das thun , wird unser Leben aus lauter gewaltigen Stunden bestehen . « Da geht ein Zittern durch Kaidôhs ganzen Körper , und er spricht leise wie zu sich selbst : » Ich aber will den Abschluss - ganz eins will ich sein mit dem Geiste , der alles ist . Und so muss ich den Tod wollen - den Tod , der keine weitere Veränderung hinter sich zulässt . « Mit einem krachenden Donnerschlag spritzt das citronengelbe Licht nach allen Seiten und verfliegt . Es wird ganz finster , und dabei geht ein wimmernder Luftzug durch die Gewölbe . Der Luftzug dreht den Kaidôh um sich selbst und reisst ihn rasend rasch empor - immer höher - immer höher - dass ihm der Atem stockt - dass er denkt , die letzte Stunde seines Lebens sei gekommen - dass er aufjauchzt - und nun des grossen Augenblicks harrt - und die Augen weit aufreisst - um sehen zu können - mit einem Blick - das ganze All . Und ein lilienweisses Licht springt auf und leuchtet auf allen Seiten . Und vor dem lilienweissen Licht steht in schwarzer Säulenschrift viele Male auf allen Seiten die grosse Frage : » Was ist die Unendlichkeit ? « Und darunter steht : » Kaum ein Finger des Unnennbaren . « Und Liwûna schwebt mit ihrem Kaidôh durch einen goldenen Sternzackenkranz , der eine runde Oeffnung der grossen Tempelkuppel umsäumt , ins Freie hinaus - in einen braunen Nachthimmel , der mit weissen , schmalen , ovalen Sternen übersäet ist . Draussen ist es kühl . Und Kaidôh fühlt , dass ein starker Arm seinen ganzen Körper wagerecht legt , sodass er nicht mehr die weissen Sterne sieht - sondern nur noch die Kuppeln . Die Liwûna neben ihm liegt auch wagerecht in der Luft mit dem Gesicht nach unten wie er . Und so schweben sie empor rückwärts - also dass sie immer mehr von den Kuppeln und Dächern der Sternriesentempel sehen . Die Beiden schwebten , während ihre Gewänder rauschten und knatterten , neben Türmen und Säulenhallen immer höher so schnell , als wenn die Beiden von Riesenmäulern , die oben Luft einsogen , hinaufgezogen würden . Und dann liegt das ganze Tempelreich in aller seiner Herrlichkeit unter ihnen . Kaidôh ist ganz berauscht von diesem gewaltigen Anblick . In der Mitte thront ein Kuppeldach , das einer goldenen Riesenperle gleicht