sie gegen acht Uhr den Laden betrat , war nur Herr Schmittlein zugegen . Die Tante war für den Abend eingeladen . Lotte , die jetzt zum Bücherlesen keine Zeit hatte , und somit kein auf der Hand liegendes Geschäft mit Herrn Schmittlein , wollte den Laden eilends wieder verlassen . Gerhart aber , froh , sie endlich einmal für sich zu haben , hielt sie mit allen erdenklichen Ausreden fest . Er zeigte ihr die Weihnachtsneuheiten und fragte sie aus , was sie selbst davon wohl gerne besitzen möchte . Dabei kamen sie auf das Fest zu sprechen , und Lotte behauptete nun , entschieden fort zu müssen . Sie wolle noch ein paar Einkäufe für eine Handarbeit , ein Hauskäppchen für den Vater machen und habe auch für die Wirtschaft noch mancherlei zu besorgen . Schmittlein widersetzte sich dem mit seiner ganzen impulsiven Energie . » Ein so junges Mädchen , das dabei so - « die Fortsetzung verschluckte er , aber sein warmer Blick ergänzte die fehlenden Worte - » sollte abends nicht allein in den Strassen umherlaufen . Mit Fräulein Lena ist das ganz was anderes , die steht ihren Mann . Aber Sie - nein ! « Sie sei ja aber doch die ältere , gab Lotte lächelnd zurück . Darauf käm ' s nicht an ! Sie mit ihrem sanften , stillen Wesen mache den Eindruck , als ob sie stets eines Schutzes bedürfe . Er begreife überhaupt nicht , dass man sie habe nach Berlin gehen lassen . Sie habe ja absolut nicht das Zeug dazu - bis jetzt wenigstens nicht . Zunächst hatte Lotte Miene gemacht , ihm ob dieser Unterschätzung zu zürnen . Mein Gott , machte sie denn einen gar so kindischen , unselbständigen Eindruck , dass alle Welt sich bemüssigt fühlte , ihr zu sagen , sie gehöre gar nicht nach Berlin ? Aber ein Blick in seine ehrlich besorgten Augen hatte sie umgestimmt . Sie wusste ja selbst am besten , wie schutzbedürftig sie sich fühlte und wie dankbar sie jedem war , der sich ihrer annahm . Mit einem sanften Erröten sagte sie : » Ich danke Ihnen , Herr Schmittlein , Sie mögen in manchem Recht haben , aber da ich nun einmal hier bin , werde ich auch sehen müssen , mit Berlin fertig zu werden . « » Und Sie wollen heut wirklich noch weiter , so spät und allein ? « » Ganz gewiss . Ich muss mich daran gewöhnen , so ungern ich es thue . « » Warten Sie einen Augenblick . Ich schliesse den Laden und begleite Sie . « Das kam in einem Ton heraus , als ob er ein Herrenrecht auf sie habe . Aber der Ton zwang sie zu einer Einwilligung , die sie auf eine höfliche Anfrage vielleicht niemals gegeben hätte . Wenige Minuten später verliessen sie zusammen das Haus . Draussen fiel ein feiner Schnee . Er überstäubte Lottes zierliche Gestalt , und des jungen Mannes schönheitsdurstigen Augen that es wohl , sie einmal in einer lichteren Farbengebung , als in dem düsteren Einerlei des tieffarbigen Schwarz zu sehen . Sehr langsam schritten sie nebeneinander her , von tausend gleichgültigen Dingen plaudernd , die ihnen beiden plötzlich sehr interessant erschienen . Endlich dachte Lotte auch wieder an ihre Einkäufe . Es war halb neun vorüber , als sie damit zu Ende kam . Sie wollte nun nach Haus zurück . Aber Schmittlein hielt sie unter immer neuen Vorwänden fest . Endlich fragte er geradezu , wie lange Fräulein Lena heute im Dienst sei ? » Bis zehn Uhr . « » So haben Sie noch eine Menge Zeit , Fräulein Lottchen . Kommen Sie , lassen Sie uns noch ein Weilchen zusammenbleiben . Weshalb soll jeder von uns allein zu Hause sitzen und Trübsal spinnen , anstatt das hübsch gestimmte Beisammensein noch zu geniessen ? Wer weiss , wie bald es sich wieder so trifft . « Er schlug ihr vor , in ein nahes Bierhaus zu gehen und dort zusammen eine Kleinigkeit zu Abend zu essen . Aber sie wollte nichts davon hören . Entsetzlich unpassend , ja unerhört schien ihr das . Ausserdem hatte sie keinen Pfennig Geld mehr bei sich . » So gehen wir noch ein wenig auf und ab . « Sie nickte stumm Gewähr . Das war der beste Ausweg . Auch sie hätte sich ungern schon jetzt von ihm getrennt . Seine zarte Fürsorge , die sich in jedem Blick und Ton offenbarte und die sie seit Jahren , seitdem die Mutter krank geworden , nicht mehr gekannt hatte , that ihr unendlich wohl . Der Schneefall wurde immer stärker . Gerade als sie vor einer kleinen , unscheinbaren Konditorei standen und durch die Glasscheibe auf die bescheidene Weihnachtsausstellung sahen , kam zu dem heftigen Schneefall ein stössiger Wind auf , der ihnen scharf ins Gesicht blies . Gerhart Schmittlein legte wie schützend seine Hand einen Augenblick um Lottes Schulter . » Sie werden sich erkälten , Fräulein Lottchen . Treten wir doch einen Augenblick ein . Ich kaufe eine Kleinigkeit für die Tante . Das macht ihr Spass . « Ohne ihre Antwort abzuwarten , ging er mit ihr über die ausgetretenen Stufen in den kleinen Laden . Der Verkaufsraum sowohl , wie das dahinter liegende Zimmerchen mit seinen runden Marmortischen war völlig leer . Am Ladentisch , hinter einem erhöhten Aufbau , der als Kasse diente , sass halb verschlafen ein Bediensteter der Konditorei in zweifelhaft weisser Konditortracht . Er schreckte beim Eintritt der beiden wie vor etwas Ungewohntem zusammen und fragte mit ungelenker Zunge nach ihrem Begehr . Schmittlein und Lotte traten an den Ladentisch und betrachteten die einfache Auslage , die für Lottes unverwöhntes Auge immerhin noch sehr viel Verlockendes hatte . » Was meinen Sie , Fräulein Lottchen , was wir für die Tante mitnehmen ? « Lotte zeigte auf eine drollige Schweinegruppe von Marzipan , dabei lachte sie halb wider Willen ,