kopfschüttelte er , warf die Gabel hin und seufzte schrecklich . Es war ein trauriges Mittagessen . Mama war auch sehr ungehalten , ich weiß nicht weshalb . Aber ich konnte eigentlich nicht dafür , ich dachte noch lange vor dem Einschlafen an Doktor Reinsdorf und an Iphigenie . - Er sagte den Satz bald wieder . Ich sah sein Gesicht an dabei ! Es war ganz verkniffen , und in seinen Augen spielte eine böse Flamme . Er sagt es , um uns zu ärgern , dachte ich , er glaubt es selber nicht . Wir waren vierzehn Jahr alt und konnten uns nicht wehren . Wir sprachen nicht darüber in der Klasse , aber wir fühlten es wohl alle , wie er uns behandelte . Ich träumte davon , daß ich ihm das nächstemal sagen wollte : » Wenn wir nichts lernen können , warum quälen Sie sich mit uns ab ? « Aber ich wäre wohl eher gestorben , als daß ich es gesagt hätte . Dann bekam ich unvermutet von Onkel Wilhelm Geld zu Weihnacht und kaufte mir heimlich Shakespeare dafür . Papa und Mama durften nichts wissen , nur dir , meine süße Mutter , erzählte ich alles , und du schaltest mich nicht . Weißt du , wie ich dir von Cordelia und Desdemona , von Imogen und Beatrice geschrieben hab ? Wie ich dir gesagt hab , glückselig , frohlockend : » Doktor Reinsdorf weiß gar nichts von Mädchen , - Goethe und Shakespeare , die wissen es ! « - Später dann hab ' ich gesehn , daß sehr viele Männer denken und sprechen wie unser Aufsatzlehrer , und daß ihre Handlungsweise ihren Reden entspricht . Sie wollen alles für sich behalten und sagen deshalb : » Frauen sind Kinder , lernen doch nichts ! Keine Schulen für sie ! keine Universitäten für sie ! « Und dabei sind ihre Gesichter verkniffen , und Bosheit und Hohn blitzt in ihren Augen . Ich aber habe nicht aufgehört und will nicht aufhören , mich an denen zu trösten , die es besser , die es einzig gut wissen : an den größten Dichtern aller Zeiten ! - - Was nützt mir nur mein Lehrerinnenexamen ? Ich habe hundertfünfzig Gesangbuchlieder auswendig gelernt . Ich habe sehr viel Kirchengeschichte gehabt . Auch sehr viel preußische Geschichte ! Vielleicht erlaubt man mir bei der Maturitätsprüfung statt Differentialrechnung die hundertundfünfzig Gesänge aufzusagen und statt über das Nervensystem der Ameisen über irgend eine Synode zu sprechen ? Einen Wert müssen die Sachen doch haben , da man sie uns so eifrig beigebracht hat ! » Was man nicht hat , das eben brauchte man , Und was man hat , kann man nicht brauchen ! « 12. Januar . In der strahlenden schneeblauen Beleuchtung gehen die Menschen umher wie kranke , gelbe Schatten , wie Gespenster , so , als ob sie gar nicht hineingehörten . Es schneit immer noch , aber dabei schleicht langsam die Sonne über den Schnee . Mir ist so sonderbar schläfrig und gleichgültig , ich möchte mich unter die weißbehangene Hecke ducken , das Kleid überm Kopf , wie ich es als Kind so gern that und schlafen - schlafen - bis wieder die Schneeglöckchen läuten . Wenn wir uns bequemten , zu thun wie die Bären und Fledermäuse , so einen langen , dauerhaften , ununterbrochenen Winterschlaf hielten - wieviel Spannkraft könnten wir aufspeichern ! Schlafen , schlafen und dann - im ersten Frühlingssturm wach ' ich auf , schüttle mir die dürren Blätter aus dem Haar und den Schlaf aus den Augen , springe auf die Füße und - hui - wie der Wirbelwind den Hügel hinab ! Die Beine sind noch etwas starr , die Gelenke eingerostet , die Stimme will nicht jauchzen , wie sie soll . Denn jauchzen soll sie , laut und gell ! und alle grünen Grasspitzen , die sich aufrichten , küß ' ich im Vorüberrennen , und der Sonne werf ' ich Kußhände zu und bin ganz geblendet und närrisch vor Freude ! Und nun erst die Menschen ! Alle alle hab ' ich lieb ! Alle kenn ' ich sie ! In allen schlägt mein eignes Herz ! Und alle sind sie wie ich , verwundert , fröhlich über die Maßen , geblendet , närrisch und liebevoll . Guten Morgen , guten Morgen , ihr aufgewachten Seelen ! Wie fühlt ihr euch ? Gelt , die Welt ist schön ? Alles neu , alles wieder geschenkt , und wir alle so jung ! Die Aeltesten von uns gleich jungen Kindern ! Da fliegt ein Zitronenfalter , habt ihr gesehn ? Ha , wie die schwarzen Wolken rasen und der Regensturm über das grüne , sprießende Gras schmettert ! Heissa ! wie schön ! Sengende Sonne und tiefblauer Himmel , schräger , schimmernder Regenfall , flatterndes , drohendes Gewölk - alles untereinander , das bin ich ! Welt , ich bete dich an ! Frühling , du bist mein Geliebter ! Oben tanzen leuchtend die Sterne vor Lust , und drunten schlingt sich über die Ebenen , über die Hügel der frohe Menschenreihn , der Frühlingsreihn , das Fest der Auferstehung , das Fest der auferstandenen Kraft und Liebe ! Oh so könnte es sein , wenn wir den Winterschlaf hielten , statt in dem strahlenden Schneeblau herumzuwandern , vermummt und verschnupft , wie kranke , gelbe Gespenster , und wenn das Fest der Erneuerung kommt , müde und stubenverhockt und verständnislos das langersehnte Wunder an uns vorüberziehn zu sehn , das nur die Unmündigen noch bejauchzen und die Narren ! Ende Januar . Heut Morgen war ich , unbefugter Weise , im botanischen Laboratorium . Ganz zufällig , aus Neugier bin ich hineingeraten , da die Thür des Vorzimmers weit und einladend offen stand , und niemand drinnen zu hören war . Es hat mir so unmenschlich gut gefallen , da drinnen . Ich kam um acht Uhr in die Universität , kaum