sie ein Trauergewand angelegt . Als Hildegard eine zeitlang gegangen war , lenkte sie ihre Schritte nach Hause . Schlafen gehen , oder denken , denken das blieb ja noch immer . Gott würde sie nicht wahnsinnig werden lassen , Gott , ja ! Hatte sie sich in den letzten Jahren jemals um ihn gekümmert ? Seit sie ihre Kinderschuhe ausgezogen hatte , war es ihr nicht mehr eingefallen , sich religiösen Empfindungen hinzugeben . Es ist ja das Kennzeichen einer gewissen Sorte von Frauen , mit Ironie über Dinge herzufallen , die sich ihrer Urteilskraft entziehen . Wenn der greise Gelehrte , verführt durch die überraschenden Ergebnisse seiner Forschung sich an der letzten Grenze des Erkennens angekommen dünkt und die Wissenschaft zum Gott ausruft , so versteht man seinen Irrtum aus seinem stolzen Freudenrausch heraus . Aber die Frau mit ihrer Töchterschulbildung , die Frau , die dem einfachsten Satz der Philosophie nicht mehr zu folgen vermag ! Woher nimmt sie den Mut , wegwerfend zu sagen : Ich glaube an keinen Gott , ich bin aus Uberzeugung über alle diese Dinge hinaus . Ich ! Mein Himmel , wie albern sind wir doch , wie grenzenlos thöricht , wie unglaublich einfältig , dachte Hildegard . Und dann stieg eine warme tiefe Sehnsucht in ihr empor . Sie eilte die Treppe hinauf , schloß ihr Zimmer auf und warf sich auf die Kniee ! Wie so Tropfen für Tropfen der Selbsterkenntnis auf sie träufelte ! Wie von Stunde zu Stunde das Bild ihres Wesens klarer vor ihr aufstieg . So sah die Frau des Fortschritts aus ! Sie verachtet Gott , weil er ihr zu hoch ist , sie lächelt über die Männer , weil sie ihr geistiges Übergewicht nicht anerkennen mag , sie will selbst regieren , nicht weil sie etwa neue Gesichtspunkte gefunden hat , sondern weil die Sehnsucht nach Abwechslung mächtig in ihr geworden ist . Jetzt will sie einmal die Hosen tragen . Die Gegenwart soll in ein Puppentheater umgewandelt werden . Hildegard lächelte ; dann stiegen ihr Thränen in die Augen . Ein altes Kindergebet , das sie zwanzig Jahre lang vergessen gehabt hatte , war auf ihre Lippen getreten . Es war wundersam traurig und beseligend zugleich , daß ihr alle diese Erkenntnis jetzt kam . Wenn es doch nicht zu spät gewesen wäre ! Aber es war zu spät . Jetzt gab es keine Rückkehr mehr . Sie mußte ihrem Irrtum die beste Seite abzugewinnen suchen , mußte ausharren , das Wort , daß die Frau selbständig sein kann , wahr machen . Nun , eine oder die andere Stellung würde sich ja wol für sie finden . Hatte sie doch schon ihre Ansprüche bedeutend niederer geschraubt . Sie konnte sie noch niederer schrauben . Wenn sie nur so lange , bis sie eine Beschäftigung fand , mit ihrem Gelde auskam . Ihr Barvermögen bestand aus einer Mark . Morgen , übermorgen befand sie sich in der peinlichsten Lage . Sie war es sich selbst schuldig , es nicht bis zum Äußersten kommen zu lassen . Mit einer energischen Bewegung erhob sie sich , trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann : » Bitte sende mir hundert Mark , aber wenn möglich , sofort . « Dann steckte sie den Brief in ein Couvert , adressierte ihn und trug ihn selbst auf die Post . Als sie von da zurückkehrte , fand sie Fräulein Schulze im Vorzimmer . Sie hatte ein sehr blasses Gesicht und hielt ein nasses Taschentuch an den Kopf gepreßt . Hildegard sagte ihr ein paar teilnehmende Worte . » Ja « erwiderte sie mit kläglicher Heiterkeit , » und das allerunangenehmste ist , ich sollte heute Abend bei einer Unterhaltung sein , zu der auch mein Bräutigam geladen ist . Abzuschreiben wäre zu spät . Gehen Sie selbst zu ihm « wandte sie sich an die Magd , » und sagen Sie , wies um mich steht , und er möchte mich bei Lechners entschuldigen . « Die Dienerin zögerte einen Augenblick . Dann grinste sie : » Muß ick jleich wieder zurück sein ? « Fräulein Schulze machte eine Handbewegung , die zu sagen schien : Mach , was du willst , laß nur mich im Frieden . Als sie fort war , fragte Hildegard : » Leiden Sie oft an Migräne ? « » Nein , nicht oft , nur wenn ich unvorsichtig bin . Ich habe bei der Familie , bei der ich heute Mittag zu Tisch geladen war , von einer Speise gegessen , die ich sehr liebe , die mir aber immer schlecht bekommt . Nun muß ich büßen . « » Kann ich Ihnen irgendwie helfen ? « fragte Hildegard höflich . » Danke sehr , nein . Das beste in diesem Zustand ist die Ruhe . Absolute Ruhe und Dunkelheit . « » Absolute Ruhe da vorne , das ist lustig « meinte Hildegard . » Ja , da ist eben nichts zu wollen . « » Wissen Sie « sagte die junge Frau , durch die Resignation ihrer Wirtin gerührt , » schlafen Sie diese Nacht hinten , ich geh nach vorne . Dort haben Sies ja wirklich still . « Nach einigem Hin- und Herreden und lebhaften Dankesäußerungen nahm Fräulein Schulze das Anerbieten an . Im Nu waren die Betten umgetauscht ; dann gingen die beiden Frauen zur Ruhe , obwohl es noch früh an der Zeit war . Hildegard fühlte sich totmüde und schlief trotz des Höllenlärms auf der Straße und trotz der blendenden Helle in der Stube bald ein . Sie wußte nicht wie viel Uhr es sein mochte , als sie plötzlich die Augen aufschlug . Das Zimmer war finster , die Lampe vor dem Fenster war ausgelöscht . Ein Etwas hatte sie erweckt . Was war es ? Sie wagte sich nicht zu regen und starrte entsetzt vor sich ins Dunkel . Was war es nur ? Sie glaubte nicht an Gespenster ,