kannten wie ich , so würden Sie ' s auch glauben . « » Und doch sagte sie mir , als ich vorgestern nach Olga fragte : Danach dürfen Sie nicht fragen . Einen Vater hat sie , das ist gewiß . Aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen . « Stine lächelte verlegen vor sich hin . Endlich aber sagte sie : » Ja , in diesem Tone spricht sie gern , das ist wahr ; aber nicht aus schlechter Sitte , sondern aus Übermut . Sie weiß , daß sie noch immer sehr hübsch ist , und hat aus Eitelkeit und Gefallsucht , wovon ich sie nicht freisprechen kann , eine sie beständig quälende Lust , die Männer in Verwunderung zu setzen , bloß um sie hinterher auszulachen . Ich kenne sie besser , weil ich ihr Leben kenne . Sie war kaum zwanzig , als Olga geboren wurde . Da hatte sie nun das Kind , eine gewöhnliche Verführungsgeschichte , womit ich Sie verschonen will , und weil man ihren Anspruch mit einer hübschen Geldsumme zufriedenstellte , so war sie nun eine gute Partie geworden und verheiratete sich auch bald danach . Und wie meist in solchen Fällen , mit einem kreuzbraven Mann . Aber ich muß auch sagen , er kam ihr zu . Sie war eine ganz vorzügliche Frau , nicht das geringste konnt ihr nachgesagt werden , und als der Mann krank wurde , hat sie ihn , mit allem , was sie hatte , treu bis zum Tode gepflegt . Freilich , als er dann in seinem Grabe lag , war auch der letzte Notgroschen hin , und Ihr Herr Onkel , der in demselben Hause wohnte , nahm sich ihrer an . Und da kam es dann - nun , Sie wissen wie . Das geht jetzt ins dritte Jahr , und sie wünscht es sich nicht anders , trotzdem sie klagt und wettert , übrigens ohne sich viel dabei zu denken . Sie nimmt ihr gegenwärtig Leben als einen Dienst , drin sich Gutes und Schlimmes die Waage hält ; aber des Guten ist doch mehr , weil sie keine Sorge hat um das tägliche Brot . Und nun bitt ich Sie , wenn Sie sie wiedersehen , so sehen Sie sich ihr Tun und Treiben auf meine Worte hin an , und Sie werden finden , daß ich nicht zuviel gesagt habe . « » Und was fordert sie von Ihnen ? « » Fordert ? Nichts . Sie liebt mich und ist seelensgut zu mir und freut sich , daß ich auf mich halte , und ermutigt mich darin . Es ist immer das klügste so , das sind ihre Worte . Würd es aber anders kommen , so wär es nicht viel , und sie würde nur sagen : Ich weiß wohl , Stine , das Richtige läßt sich nicht immer tun . Ja , sie sieht das , was sie das Richtige nennt , für etwas Wünschenswertes an , aber nicht als etwas Notwendiges ; sie gönnt es mir , nichts weiter . « Allmählich , während dies Gespräch geführt wurde , war die Sonne drüben niedergegangen , und nur ein letztes verblassendes Abendrot schimmerte noch zwischen dem Gezweige der Parkbäume . Stine hatte längst den Stickrahmen beiseite gestellt , und der junge Graf , der ihr jetzt gegenübersaß , sah in dem Fensterspiegel , wie , die ganze Straße hinunter , die Gaslaternen aufflammten . Er war so benommen davon , daß er eine Weile schwieg und dem eigentümlichen Straßenbilde zusah . » Ich sehe « , sagte Stine , » der Spiegel tut es Ihnen auch an . Ich weiß das schon ; es ist immer dasselbe . « Der junge Graf nickte . Dann nahm er Stines Hand wie zum Abschied und sagte , während er sich rasch erhob : » Ich darf doch wiederkommen , Fräulein Stine ? « » Besser wäre es , Sie kämen nicht . Sie beunruhigen mich nur . « » Aber Sie verbieten es nicht , Sie sagen nicht nein ? « » Ich sage nicht nein , weil ich es nicht sagen darf . Meine Schwester würd es unklug finden , und ich weiß , daß ich ihr Rücksichten schuldig bin . « » So denn auf Wiedersehen , Fräulein Stine . « Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor ; dann aber rasch in ihre Stube zurückkehrend , trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft ein , die vom Park her herüberkam . Aber es blieb ihr bang ums Herz , und sie hatte das bestimmte Gefühl , daß ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser Bekanntschaft erwachsen werde . » Warum hab ich nicht nein gesagt ? Ich habe mich nun in seine Hand begeben ... Und doch , ich will nicht , will nicht . Ich hab es ihr auf dem Sterbebette schwören müssen . Stine , sagte sie , halte dich . Es kommt nichts dabei heraus . Du bist nicht so hübsch wie deine Schwester Pauline , das ist mir ein Trost . Ach , das Hübschsein ... - Ich war noch ein halbes Kind damals ; aber was ich ihr versprochen , ich will es halten ! « Im selben Augenblick , wo der junge Graf , von Stine geleitet , aus dem Zimmer in den Korridor trat , trat auch die Polzin von ihrem Horcheplatz wieder an den Klapptisch zurück , wo sich nun zwischen den beiden Eheleuten sofort ein kurzes , aber intimes Zwiegespräch entspann . » Er ist eigentlich lange geblieben « , sagte Polzin , während er sich wieder an den Webstuhl setzte . » Wie war es denn ? « » Gar nichts war es . Und wird auch nichts . « » I wo « , sagte Polzin . » Es wird schon werden . Alles muß doch Zeit und Weile haben . Aber du denkst immer ... «