Der war immerhin etwas betreten . Diese Wendung des Gesprächs kam ihm zu unerwartet . Sollte das den Weg bedeuten , auf welchem sich seine Beziehungen zu diesem schönen Weibe , das ihn ausnehmend reizte , anknüpften ... enger zusammenfädelten - ? Und ... und Hedwig ? ... Er sah sich zu ihr um . Fräulein Irmer machte ein etwas maliciöses Gesicht . Die Schmerzensfalten um die Nase waren schärfer hervorgetreten . Und doch lag in diesem Gesicht zugleich ein Zug des Gespanntseins , der Neugier , der Theilnahme . » Hm ! ... hm ! - « begann Lydia . Sie wunderte sich ein Wenig , daß Adam nicht sogleich freudig und hingerissen auf den Vorschlag einging . Das ärgerte sie . » Ja ! Ja ! Der Gedanke ist ... ausnahmsweise wirklich nicht so übel ... Ich danke Dir , lieber Vetter ... nur fragt es sich , ob ... ob der Herr Doctor - ich - ich - gewiß ! - mir behagt die Idee sehr ... sehr ... ich finde sie ganz ausgezeichnet , aber eben - « » Na ! Mir gefällt sie natürlich auch - « versicherte Adam brüsk . Lydia stutzte . Der Ton , in welchem diese Worte gesprochen waren , mußte ihr auffallen . Sie wollte eben eine spitze Bemerkung loslassen - sie hatte allerdings vorläufig bloß das Gefühl , das thun zu müssen , ohne im Augenblick schon zu wissen , wie sie die Unart dieses ... unverschämten Menschen rügen sollte - als dieser , ein Wenig moquant-lächelnd , seine Worte wieder mit den alten Farben der steif-gespreizt-ironischen Höflichkeit zu bemalen begann - : » Vorausgesetzt natürlich , gnädige Frau , daß Sie es der Mühe für werth halten , mich intimer in Stoff und Motiv einzuführen - « Lydia war wieder versöhnt . - » Also Sie spielen mit - ? « fuhr sie lebhaft auf , » - das enchantirt mich aufrichtig , Herr Doctor ! Sie sollen sehen - : wir kriegen ein ganz prächtiges Gesch - - also - nicht wahr - ? auf gute Kameradschaft ! Wahrhaftig der Stoff fängt wieder an , mich stärker zu interessiren - « Sie reichte ihre kleine , fleischige , ringblitzende Hand über den Tisch zu Adam hinüber . Der brachte seine Finger mit der Sammthaut Lydias in eine vornehm-zurückhaltende Berührung . Frau Lange ' s Augen strahlten . Adam fragte scherzend - : » Theilen wir nun , gnädige Frau , die Arbeit systematisch- ? Dann möchte ich mir das moderne neue Testament zur Bewältigung ausbitten - « » Wie wir ' s anstellen - nun ! das werden wir ja noch finden , Herr Doctor ! Sie trinken vielleicht in den nächsten Tagen , wenn Sie über sich verfügen können , eine Tasse Thee bei mir - ? Dann können wir ja das Problem in aller Ruhe einmal näher anschauen . Aber warum erbaten Sie sich vorhin das neue Testament zur Bearbeitung - ? Ist Ihnen das alte - « » Das alte - hm ! - das alte Testament , gnädige Frau , ist mir , wenn ich offen sein soll , ist mir ein Wenig zu ... zu semitisch ... Gewiß ! es hat gewaltige , von der bewußten elementaren Poesie strotzende Capitel - aber - « » Ah ! das freut mich , Herr Doctor ! Sie scheinen auch Antisemit zu sein ? « - fragte Herr Oettinger lebhaft - » das einzig Vernünftige heute - versteht sich ... « » Ob ich gerade regelrechter Antisemit bin - Antisemit mit allen Chikanen - - das - das weiß ich eigentlich nicht recht , Herr Referendar ... Aber ich glaube kaum ... Die Frage , die gewiß eine moderne und zudem gewiß auch eine sehr brennende ist , bedeutet bei mir weniger eine neutrale Angelegenheit des Intellekts mit dem Stempel der Selbstverständlichkeit - selbstverständlich aus wirtschaftlichen , politischen , socialen , philosophischen und tausend anderen Vernunfts-Gründen - als vielmehr eine Art von Herzensbedürfniß ... Meine Weltanschauung ist , den Haupttendenzen , der Polarität meiner Natur gemäß , eine vorwiegend ästhetische ... Sogenannte Principien habe ich nicht , höchstens nur in sehr schwachen Ansätzen - sie liegen meiner Natur nicht ... und ich halte sie darum für geschmacklos und langweilig ... u.s.w. - aber verzeihen Sie ! - ich bin ganz abgeschweift - - « » Abgeschwiffen - Pflegte Otto von Saldern immer zu sagen « - warf Herr Quöck lachend ein . » Also ! . ja ! . - sehen Sie « - nahm Adam das Gespräch wieder auf , halb zu Lydia , halb zu Oettinger hingewendet - » der große Marx z.B. war auch ein Jude - dann Lassalle- und nehmen wir Heine , Börne - - « » Marx ? - Marx ? - Ist das nicht - nicht der ... der - « » Ganz recht , Herr Referendar , der ... der - der große Werthanalytiker nämlich - Sie werden gewiß seine Werke kennen , wenigstens seine Sätze , seine Resultate , seine Definitionen - « » Nein ! - Gott sei Dank ! nicht - « » Aber - Pardon ! - Sie sind doch Jurist- « » Allerdings ! Und ich muß zu meinem allergrößten Bedauern bemerken , daß ich sehr - sehr viel jüdische Collegen habe ... Diese Herren mögen die Thesen ihres Heros besser kennen , als ich - ich bin streng - ich bin à tout prix monarchisch , Herr Doctor - stockconservativ , wenn Sie wollen - mein Kaiser braucht bloß zu winken , so lege ich mit tausend Freuden mein Haupt auf den Block für ihn - dulce et decorum , pro imperatore mori , Herr Doctor ! Heilig - heilig ist mir die Regierung - unantastbar - - « » Unfehlbar - « warf Lydia ein , die sich zurückgelehnt hatte und amüsirt , ein verhaltenes , halb spöttisches , halb gutmüthiges Lächeln im Gesicht , den Versicherungen ihres Nachbars zuhörte