wir werden mitverschluckt , Brigitta . Die Klapperschlange Großstadt frißt uns auf ... Es ist keine Rettung mehr . Hinaus können wir nicht mehr ... Hier lassen sie uns gewiß auch nicht mehr lang in Ruhe , die verfluchten Stadterweiterer und Bauspekulanten . Dann sind wir verdammt , in einem allerneuesten Massen-Miets-Palast billigen Unterschlupf zu suchen ; die Zeit des eigenen , freien Gartenhauses ist ewig dahin ... Lauter architektonische Fabrikware . Sicht großartig aus und ist doch nur stilvolles Gelump , mit Wohnungen , eng wie Häftlings-Zellen . Ist das Fenster wirklich zu ? Ich spüre immer noch einen leichten Luftzug . Geh ' mir , die Isar ist doch ein rechtes Zugloch . Ich pfeife auf die ganze Wasser-Poesie , wenn man nichts als Schnupfen und Rheumatismus und Ärger davon hat . Ist das Fenster wirklich dicht geschlossen ? Brigitta ? Antworte , Hausmütterchen ! Träumst Du denn schon wieder ? Vom nächsten Umzug vielleicht und unserem Zukunftspalast ? Sei ohne Sorge , das kommt nicht über Nacht und an der Isar bleiben wir doch immer - gibt ja in der ganzen Welt nichts Schöneres als unsere frische , grüne , wilde Isar zwischen - sagen wir einmal : Großhesselohe und Brunnthal . Na , Hausmütterchen ? « Die alte Wirtschafterin hatte inzwischen ein ganz anderes Gedankenfädchen weiter gesponnen und von den abgerissen gesprochenen Sätzen Max v. Drillingers nichts als den musikalischen Klang einer nervösen Bariton-Stimme vernommen . Indem sie mit den magern , blutleeren , vom Alter und von der Gicht gekrümmten Fingern die weiße , dünne Haarlocke , welche der Morgenwind unter dem schwarzen Wollhäubchen hervorgezaust hatte , zurückstrich , tappte sie nach dem ledernen Lehnstuhl und ließ sich auf dem alten , durch ein aufgelegtes Federkissen verbesserten Sitz nieder . Dann sprach sie , ohne Übergang und Anrede , halblaut vor sich hin : » Es ist komisch mit der Luft . Wenn ich so am Morgen einen Mund voll am offenen Fenster einschnaufe , erinnert sie mich immer an etwas . Ja , es ist wahr , es liegt etwas in der Luft . Sie ist gewiß nicht bloß zum Schnaufen da . Und sie ist oft so anders . Heute ist sie gerade so wie damals , als Ihr Herr Bruder abgereist ist nach Amerika . Sie riecht so , und kitzelt so . Man wird so unruhig davon , ganz ängstlich . Es geht auch wieder der nämliche Wind . Das seh ' ich an der großen Wetterfahne da drüben über der Isar auf dem Steigerturm der Feuerwehr . Die ist gerade so gestanden , als Ihr Herr Bruder in dieser Stube heimlich Abschied von mir genommen hat . Damals waren wir kaum hier eingezogen . Ach Gott , es hat schlimm angefangen im neuen Haus - - Jetzt ist draußen wohl alles verwüstet , das Häuschen mit seiner Holzaltane und den Epheuranken , und der Garten . - Eine Fabrik haben sie hingebaut ? Etwas so Garstiges . Und uns haben sie verjagt , und die vielen Vögel , die werden von selbst davon sein - und die wilden Tauben mögen den Rauch und Dampf auch nicht . Der schöne Duft im Garten - - « » Ja , Du hast noch eine ausgezeichnete Nase und vortreffliche Augen , Brigitta , « bemerkte Max v. Drillinger . Er stand vor dem Pfeilerspiegel ; die eine Hälfte des Gesichts noch dicht mit weißem Seifenschaum bedeckt , hantierte er jetzt mit dem Rasiermesser an einer schwierigen Stelle der linken Wange . Er drückte das linke Auge zu und zog , die halbe Unterlippe schief nach rechts . Das Licht war heute selbst in der Wohnstube , wohin er seit dem Winter der besseren Beleuchtung wegen einen Teil seiner Toilette-Besorgung verlegt hatte , wirklich recht unzulänglich . So große Mühe hatte ihm das leidige Rasieren schon lange nicht mehr verursacht . Aber er konnte sich nicht entschließen , in seinem Gesicht eine fremde , von Schweiß und Seife duftende Hand herumfahren zu lassen . Das wäre ihm zu ekelhaft . » Für mein hohes Alter freilich , « fiel Brigitta langsam ein . » Aber ich spüre doch , wie ' s mit den Kräften abwärts geht . « Drillinger machte noch eine Grimasse , dann setzte er das Messer ab , um das Schabicht von der feinen Klinge abzustreifen und diese wiederholt auf dem Streichriemen zu schärfen . Dabei wandte er den Kopf gegen Brigitta und bemerkte lächelnd : » Geh ' Du mir doch mit Deinem Alter . Siebzig Jahre - die schönste Jugend ! Die ganze Weltgeschichte wird heute von lauter so jungen Leuten in Deinem Alter gemacht : der Kaiser , der Papst , der Bismarck , der Moltke , der Grévy in Paris , der Gladstone in London - das sind ja lauter historische Wunderkinder zwischen siebzig und hundert Jahren . Wer unter fünfzig oder sechzig ist , der ist ein Grünschnabel , der in der Weltgeschichte gar nichts mitzureden hat . Und den Windthorst nicht zu vergessen - was macht der noch für jünglinghaften Spektakel in der großen und kleinen Politik ! Und Dein Liebling Döllinger ! Und Du sprichst von der Abnahme der Kräfte mit Siebzig - heute , wo die Greisenhaftigkeit das Monopol hat , so kräftiglich die Welt zu regieren ! Brigitta , versündige Dich nicht an Deinen Zeitgenossen ! Ich habe mir auch einen runden Hunderter vorgenommen . Kein einigermaßen anständiger und gebildeter Mensch thut ' s mehr unter hundert . Es ist taktlos , früher die Platte zu putzen . Erst der steinalte Mensch ist der wahre , der moderne und zeitgemäße Mensch . Methusalem - das ist das hohe Vorbild , dem wir nacheifern müssen . Dann blüht vielleicht auch uns noch die Möglichkeit , es zu etwas zu bringen . Hörst Du ? « Aber diese halb spaßhafte , halb ironisch ärgerliche Rede war für die gute Alte doch zu lang . Ihr siebzigjähriges Fassungsvermögen mochte so ausgedehnten Vorträgen nicht mehr