; sie kamen durch das Turmthor der Stadtmauer , in welchem die Gasse droben mündete , und über die uralten , geschwärzten Mauern selbst her , hinter welchen die prachtvolle Lindenallee hinlief . Und vom Marktplatz schallte allerhand Thun und Treiben herein . Lehrjungen gingen pfeifend mit der weitbauchigen Steinflasche vorbei , um das Abendbier zu holen ; aus allen Gassen kamen Mädchen und Frauen mit Holzbutten an den Marktbrunnen , und die Mägde hielten Blechsiebe unter das Brunnenrohr und ließen das frische , glitzernde Wasser über den grünen Beetsalat hinrauschen - das war so hübsch , man mußte immer wieder hinsehen . Und unter dem Fenster neckten sich im Vorübergehen zwei kleine Bettelmädchen . Margarete bog sich hinaus , griff in die Tasche und warf ihnen die vom Papa erhaltenen Bonbons in die aufgenommenen Schürzchen . » Recht , Gretel ! « meinte Tante Sophie . » Ihr nascht mir in der letzten Zeit ohnehin viel zu viel , und die Kinder freut ' s. « » Ich verschenke meine Bonbons nicht , « sagte Reinhold , der auf dem Eßtisch einen Turm von seinen Bausteinen aufstellte . » Ich hebe sie mir auf . Bärbe sagt auch immer bei allem , wer weiß , wie man ' s wieder brauchen kann ! « » Potztausend , unserem Jungen guckt ja der Kaufmann aus allen Hautfältchen ! « lachte Tante Sophie und stopfte emsig weiter . Ja , die Tante hatte Recht - sie naschten in der letzten Zeit viel zu viel , die beiden Kinder ! Das süße Zeug wollte gar nicht mehr munden ... Wie anders doch der Papa geworden war ! Früher waren sie stundenlang oben bei ihm gewesen ; er hatte sie auf seinem Rücken reiten lassen , hatte ihnen Bilder gezeigt und erklärt , Geschichten erzählt und Papierschiffchen gemacht , und jetzt ? - Jetzt lief er immer im Zimmer auf und ab , wenn sie kamen ; er machte auch öfter böse Augen und sagte barsch , sie störten ihn , er könne sie nicht brauchen . An die hübschen Papierschiffchen war nicht mehr zu denken , ebensowenig an das Erzählen von Märchen und anderen schönen Geschichtchen - - der Papa sprach lieber mit sich selber , man konnte es nur nicht verstehen , es war bloß gemurmelt . Er fuhr sich auch manchmal mit beiden Händen durch die Haare und stampfte mit dem Fuße auf , und wußte wohl gar nicht mehr , daß die Kinder da waren ; und wenn er sich dann besann , da stopfte er ihnen schnell die Taschen und Hände voll süßer Sachen und schob sie zur Thüre hinaus , weil er schreiben , viel schreiben müsse ... Ja , das dumme Schreiben - man konnte es schon deswegen nicht ausstehen ! - Und nach all diesen deprimierenden Reflexionen mit ihrem haßerfüllten Schlußgedanken wurde die Feder zornig tief ins Tintenfaß getaucht , und da lag der allerschönste Klecks auf dem Papiere . » Du Unglückskind ! « schalt Tante Sophie und kam schleunigst herüber . Das Löschblatt war zur Hand , aber beim Suchen nach dem Radiermesser mußte Gretel kleinlaut eingestehen , daß der Herr Direktor ihr das Messer weggenommen , weil sie in der langweiligen Rechenstunde am Schultisch geschnitzelt habe . Und ehe noch Tante Sophie ihrer sehr begründeten Entrüstung Luft machen konnte , war die Kleine schon zur Thüre hinaus , um » beim Papa ein Federmesser zu borgen « . Wenige Sekunden nachher stand sie mit sehr verdutztem Gesicht droben vor dem Zimmer . Die Thüre war verschlossen ; es steckte kein Schlüssel , und durch das Schlüsselloch konnte sie sehen , daß der Stuhl vor dem Schreibtisch leer stand ... Ja , was sollte denn das heißen ? - Es war ja gar nicht wahr , das , was der Papa vom vielen Schreiben gesagt hatte - er schrieb nicht , er war gar nicht zu Hause ! Die Kleine sah sich um in dem weiten , mächtig großen Flursaal . Er war ihr ja so vertraut , und doch in diesem Augenblick so wunderlich neu und anders ... Wie oft tollte und jagte sie mit Reinhold hier herum ; aber sie konnte sich nicht erinnern , je allein hier oben gewesen zu sein . Nun war es zwar etwas dämmerig , aber so feierlich , so schön still in dem Flursaal ! Durch seine hohen Fenster sah man über den Hof und das sehr tiefgelegene , niedere Packhaus hinweg , weit in die grüne , blühende Welt hinaus . Auf den Kredenztischen stand allerlei funkelndes Trinkgerät , und die Stühle mit den gelben Samtbezügen hatten auf dem dunkelholzigen Rücklehnengestell geschnitztes fremdartiges Gevögel zwischen Tulpen und langstieligem Blattwerk ... Tintenklecks und Federmesser waren total vergessen ; der übermütige Wildfang mit dem rückhaltslosen , derb aufrichtigen Wesen wandelte verschleierten Blickes von Stuhl zu Stuhl , strich mit der Hand über den verblichenen Samt und träumte sich in eine wunderliche Gedankenwelt , die kein Laut von außen störte . Der letzte Stuhl stand in der Ecke , ziemlich nahe der Thüre , die in den roten Salon führte , und von da aus sah man schräg in den dunklen Gang hinter Frau Dorotheens Sterbezimmer hinein . Auch er , an dessen entgegengesetztem Ende in diesem Augenblick ein letztes rosiges Abendwölkchen durch das hochgelegene kleine Fenster hereinstrahlte , war ihr vertraut , er hatte nie Schrecken für sie gehabt . Reinhold blieb freilich konsequent am Eingang stehen und traute sich nie weiter ; aber sie durchmaß ihn immer wieder bis zu dem Treppchen , welches seitwärts zur Bodenthüre des Packhauses führte . Auf der einen Seite unterbrachen schöngetäfelte Zimmerthüren die einförmige Wandfläche , und an der Rückwand standen zweithürige Kleiderschränke mit Metallbeschlägen . Tante Sophie hatte diese Schränke auch einmal aufgeschlossen und gelüftet , und Margarete hatte hineinsehen dürfen . Da hing eine kostbare Brokatschleppe neben der anderen , farbenbunt , und zum Teil auch schwer mit Gold und Silber durchwirkt - lauter Staatskleider Lamprecht '