ob sie nicht vielleicht seinem Glück , seiner Zukunft ein ungeheures Opfer bringe ? Die ruhige Haltung , in der sie vor ihm stand , machte ihn aber auch an dieser Vermutung irre . Er fuhr aus seinem Brüten auf und sagte mit dem Ausdruck eines echten Schmerzes : » Und wir sollen uns niemals wiedersehen ? « » Doch ... wenn wir ganz vernünftig geworden sind . « » Du bist es schon jetzt ! « entgegnete er voll Bitterkeit . » Und du wirst es werden - wirst mir danken ... Laß mir deine Hand ! wende dich nicht ab ... Du hast keinen Grund , mir zu grollen . Ich befreie dich von einer traurigen Braut , bei der keine Freude zu holen ist - « sagte sie mit einem schwachen Versuch zu lächeln . Er unterbrach sie , er wollte nicht weiter hören ; er erklärte , daß er ein einmal gegebenes Wort nie wieder zurücknehme , und wenn es sein Unglück wäre ... » Wenn es aber auch das meine ist ? « fragte sie , und er rief halb zornig , halb verlegen : » Wie du mich mißverstehst ! ... Wie du nur glauben , es nur für möglich halten kannst , daß ich dich aufgeben werde , ohne Grund ... Weißt du denn einen ? ... Daß ich mich von dir trennen werde - so plötzlich ... « Sie erhob das Haupt . » Wir sind längst getrennt « , sprach sie . » Es ist aus . Frage dich selbst , ob du recht hättest , mich mitzuschleppen durchs ganze Leben , weil du einmal geglaubt hast , mich zu lieben . « » Geglaubt ? ... Ich habe dich unaussprechlich geliebt - meine Liebe zu dir war ... « » Sie war ! « fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins Wort , der die Qual ihres Innern verriet . » Täusche dich nicht ... Wir wollen die Kraft haben einzugestehen , daß eine Empfindung , die wir für ewig hielten - erloschen ist . Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf die erloschene bauen , nicht erwarten , daß ein Glück aus ihr erblühen könne ... « Er starrte sie an und schwieg . Sein Verstand gab ihr recht , sein Herz stimmte ihr bei . Was sich in ihm noch regte und sträubte , das war ein leiser Gewissensvorwurf . Allein auch den vermochte Lotti zu beschwichtigen , indem sie sagte : » Nur die Geliebte scheidet sich von dir - die Freundin bleibt . Die wirst du immer finden . Komm zu ihr , wenn du ein Leid zu klagen hast , wenn du verdrossen bist und schlimmen Mutes . Bedrückte Seelen warten - das verstehe ich , das ist die Kunst , die ich ausübe , das ist meine Virtuosität ... « » Lotti ! « rief er überwältigt und zog sie an seine Brust . Plötzlich jedoch ließ er sie aus seinen Armen , warf sich in einen Sessel nieder und brach in heftiges Schluchzen aus . Sie trat zu ihm , beugte sich , ihre Lippen ruhten lange auf seiner Stirn ... regungslos , mit geschlossenen Augen , empfing er ihren schwesterlichen Kuß , und ihm war , als senke sich aus seinem innigen Berühren Frieden und Versöhnung in seine kämpfende Seele . Als er aufblickte , fand er sich allein ; Lotti war in ihr Zimmer geeilt , und er hörte sie den Riegel vorschieben . Er sprang auf , er rannte zur Tür und pochte und rüttelte daran wie ein Verzweifelter . Kein Laut antwortete seinem Drohen und Flehen . Endlich mußte er sich ergeben - mußte sich fassen . » Ich komme wieder , hörst du mich ? Ich komme wieder ! « sprach er und schritt nach einem letzten Zögern , einem letzten vergeblichen Erwarten , langsam aus dem Gemach . 7 Allein sooft er wiederkam , so ungestüm er nach ihr fragte - Lotti ließ sich nicht sehen . Er schrieb an sie , er bat sie um eine Unterredung , und sie entgegnete , sie wolle dieselbe gern gewähren , wenn er zuvor verspreche , ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu erwähnen . Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen , das erklärte er offen in einem zweiten Briefe , der unbeantwortet blieb . Damit war zwischen ihnen alles zu Ende . Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen , senkte Lotti die Augen , und Halwig wandte die seinen ab . Später vermieden sie es nicht mehr , einen raschen Blick zu wechseln . Hast du mir nichts zu sagen ? fragte der ihre und wurde durch ein kaltes Lächeln , eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert . Nach solchen flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und brennender Stirn , und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und geröteten Augen von einer durchweinten Nacht . Aber auch diese letzte , törichte Schwäche ward überwunden . Lotti gewöhnte sich , an dem einst Geliebten vorbeizugehen wie an einem Fremden ; sie errötete nicht mehr , wenn sein Name in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde ; sie las auch seine Bücher nicht mehr . Sie wurde von ihnen allzu peinlich berührt . Es gab sich darin ein Haschen nach dem Absonderlichen und Unerhörten kund , ein Streben , gemeine Neugier zu wecken , eine Vorliebe , das Krasse , oft sogar das Widerliche zu schildern , die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte erschienen , den Halwig selbst sie verehren gelehrt : am Gotte des Schönen . Jahre vergingen . Feßler starb - kurze Zeit nachdem ihm angekündigt worden , daß er seine » hohe Warte « verlassen müsse , weil das Haus zum Umbau bestimmt sei . Lotti bezog ihre jetzige Wohnung . Gottfried mietete sich bei dem Uhrmacher ein , für den er seit dem Tode seines Pflegevaters arbeitete . Des erlittenen Verlustes immer eingedenk , führten beide