, und begriffen nicht , warum er es getan . Denn seine Sinne konnte das unhübsche , vergrämte Geschöpf nicht gereizt haben , und wollte er endlich der frommen Satzung genügen , so hätte er sich dadurch zugleich ein gemächliches Leben sichern können . Er aber hatte es vielleicht bloß aus Erbarmen getan , vielleicht auch dachte er daran , daß nur eines mächtiger sei , als des Vaters Fluch : die eigene Guttat als Fürsprech vor dem Throne des Allgerechten . Vielleicht wollte er sich eine andere , bessere Sterbestunde sichern ... Gewiß ist , daß er nun wieder tapfer und fröhlich wurde wie zuvor . Er betreute das junge Weib , das den Mühen eines solchen Lebens nicht gewachsen war , mit rührender Liebe , blieb überall länger , als er gewohnt war , und obwohl er auch nun nie bettelte , wies er doch jetzt um ihretwillen keine Gabe zurück , auch wenn sie ihm mit hochmütigen Worten gereicht wurde . So zogen die Neuvermählten langsam gegen Süden , eine traurige , traurige Wanderung , da sie am Wege wenig anderes sahen als Tod und Todesangst , oder wüste Entfesselung aller Leidenschaft , diese Angst zu überwinden . Der Kowner aber blickte der Seuche gefaßten Muts ins fürchterliche Antlitz , er kramte keine tollen Schwänke mehr aus , aber wohin er kam , ward er den Leuten in seiner tapferen , milden Art ein rechter Tröster . Er mahnte zu Gottvertrauen und Menschlichkeit , wie der Rabbi , aber in ganz anderen Worten , die den angstgequälten , verzweifelten Menschen viel tiefer ins Herz griffen . So konnte nur Einer sprechen , der selbst keine Furcht mehr kannte und von der Gnade des Himmels felsenfest überzeugt war . Namentlich seit jener Stunde , wo er wußte , daß Gott seines Weibes Schoß gesegnet , schien er ein anderer , höherer , besserer Mensch geworden . » Gott ist gerecht « , sagte er , » auch mir schenkt er einen Kadisch - sein Name sei gelobt ! « Nun änderte er auch sein Reiseziel . Er hatte vorgehabt , sich bis ans Schwarze Meer durchzuschlagen , weil dort die Cholera ihr Wüten bereits eingestellt zu haben schien ; nun wandte er sich nach Westen . Er wollte über Galizien nach Oberungarn zu jenem Freunde , dem Weinhändler , dort sollte sein Weib ihrer schweren Stunde entgegenharren . Daß er durch Landschaften kam , wo die Seuche eben am stärksten wütete , schreckte ihn nicht . Noch in Tluste , wo er zuletzt mit seinem Weibe den Sabbat hielt , war er tapfer wie je , und da es an Leuten fehlte , die Toten zu begraben , blieb er den Sonntag über und half die fromme Pflicht erfüllen . Am nächsten Tage - einem kalten , aber sonnigen Dezembertage - zogen sie weiter . Inmitten des Weges trat ihn die Entsetzliche an , der er getrotzt , und warf ihn nieder . Er wußte sofort , daß er sterben werde . Das verzweifelte Weib warf sich vor einem Fuhrmann , der vorbeikam , in die Kniee und flehte ihn an , den Kranken nach dem nächsten Städtchen zu bringen . Der Kowner aber schüttelte das Haupt . » Nein « , sagte er , » hier ! « Er schleppte sich an eine Pappel am Wege - es war zufällig dicht neben einer Kapelle - , bettete sein Haupt auf dem Wurzelwerk der Pappel und wartete sein Ende ab . » Gott ist gerecht ! « tröstete er sein Weib . » Er ist es mir gewesen , aber du bist schuldlos , er wird es auch dir sein ! Weine nicht , verzweifle nicht - es könnte dem Kind schaden ! Meinem Kadisch ! Denn ich weiß , es wird ein Knabe sein - Gott ist auch mir nicht bloß gerecht , auch barmherzig . Nenn ' ihn Sender nach meinem Vater , erzieh ihn zu einem braven Menschen . Er soll werden , was er will ... nur kein Schnorrer ... hörst du ? ! « Und dann noch einmal schon im Todeskampf : » Nur kein Schnorrer - Gottes Segen über ihn ! « Sein Weib wäre ihm wohl gern , sehr gern nachgestorben , aber sie durfte ja nicht ! Sie fühlte das Regen des jungen Lebens unter ihrem Herzen und schleppte sich vorwärts , dem nächsten Judenstädtchen zu . Das war Barnow , und gleich im ersten Hause an der Straße ward ihr , was sie bedurfte : ein Lager und eine barmherzige Pflegerin . Aber sie fiel nicht allzulange zur Last . Sie starb im nächsten Mai , nachdem sie vorzeitig ein schwächliches Knäbchen geboren hatte . Drittes Kapitel Dies waren die Eltern des » Pojaz « gewesen , und auch seine Pflegemutter war kein gewöhnliches Weib . Jenes erste Haus von Barnow war das Mauthaus , wo die Pächterin des Straßenzolls wohnte , die Rosel Kurländer , eine junge , starke , aber überaus häßliche Frau , der ein hartes Geschick zu gefallen war . Ein sehr hartes , das gaben die Leute von Barnow zu , aber ein warmes Mitgefühl für sie empfand niemand . Im Gegenteil , sie fanden dies Geschick gerecht ; so ging es eben , wenn man sich gegen Sitte und Ordnung versündigte . Die Sitte gebot , daß die Braut den Bräutigam bei der Verlobung kennenlerne , nicht früher ; ihr den Freier zu wählen , war das Recht der Eltern ; ihr eigener Wille hatte dabei nicht mitzusprechen . Schon daß man das Mädchen vorher befrage , galt als unschicklich und kam in Familien , die etwas auf sich hielten , nicht vor ; eine Weigerung vollends war unerhört . Die Rosel war nun seit Menschengedenken die erste und einzige , die ihren Eltern von vornherein erklärte , sie heirate nur jenen Mann , den sie sich selbst erwähle , und dann diesen Frevel durchsetzte . Es gelang ihr , weil sie das