Kirche waren mit Brettern geschützt . Einige Eschen standen am Platze , da tropfte es nieder von den wenigen Blättern , die der Hagel verschont hatte . Noch ragte dort das verschwommene Bild eines Rauchfanges ; was weiter hin war , das deckte der Nebel . Ich hatte den Gedanken an die Alpenwanderung heute gar nicht mehr hervorgeholt . Langsam zog ich mich an und betrachtete das Triebwerk der alten Schwarzwälderuhr , welches durch zwei aneinanderschlagende Holzplättchen den schmetternden Schlag der Wachtel so täuschend gab . Hernach wühlte ich , da es mir zum Frühstück noch zu zeitig war , eine Weile in den Papieren der Lade herum . Ich bemerkte , daß außer den Zeichnungen , Rechnungen und jenen Bogen , die zu Pflanzenmappen dienten , alle beschriebenen Blätter eine gleiche Größe hatten und mit roten Seitenzahlen versehen waren . Ich versuchte die Blätter zu ordnen und warf zuweilen einen Blick auf deren Inhalt . Es waren tagebuchartige Aufzeichnungen , die sich auf Winkelsteg bezogen . Die Schriften waren aber so voll von eigenartigen Ausdrücken und regellos geformten Sätzen , daß Studium und eine Art Übersetzung nötig schien , um sie der Verständlichkeit zuzuführen . Die Mühe däuchte mir gleich anfangs nicht abschreckend , denn ich hoffte hier Urkunden des so entlegenen Alpendörfchens und vielleicht gar aus dem Leben des verschwundenen Schulmeisters zu finden . Indem ich emsig weiter ordnete und mit dieser Arbeit schon völlig zur Rüste kam , entdeckte ich plötzlich ein dickes graues Blatt , auf welchem mit großen roten Buchstaben geschrieben stand : Die Schriften des Waldschulmeisters . So hatte ich nun gewissermaßen ein Buch zusammengestellt ; und das Blatt mit den roten Lettern legte ich aufs Geratewohl obenan , als des Buches Überschrift . Mittlerweile hatte meine Wachtel die achte Stunde verkündet und auf dem Kirchturme läuteten zwei helle Glöcklein zur Messe . Der Pfarrer , ein schlanker Mann mit blassem Angesichte , schritt von seinem Hause die kleine Steintreppe heran zur Kirche . Einige Männer und Weiber zogen ihm nach , entblößten noch weit vor der Tür ihr Haupt , oder zerrten die Rosenkranzschnur hervor und besprengten sich andächtig am Weihwasserkessel des Einganges . Ich ging zur Tür hinaus und über den hügeligen Sandboden hin . Und ich ging , weil die Orgel gar so freundlich klang , zur Kirche hinein . Da war es auf den ersten Blick , wie es in jeder Dorfkirche ist - und doch ganz anders . Je ärmer sonst so ein Kirchlein ist , je mehr Silber und Gold sieht man an ihm funkeln ; alle Leuchter und Gefäße sind von Silber , alle Verzierungen und Heiligenröcke und Engelsflügel und gar die Wolken des Himmels sind von Gold . Aber es ist nur Schein . Ich kann jenem Bauersmann nicht Unrecht geben , der , als er in der Kirche einmal Meßnerdienste verrichten mußte und dabei in nähere Bekanntschaft mit den Bildnissen und Altären gekommen , ausrief : » Wie unsere Heiligen von weitem funkeln und vornehm sind , so meint man , was der tausend wir für Himmelsmänner haben , und wenn man sie in der Nähe anschaut , ist alles Holz . « In der Kirche zu Winkelsteg fand ich das anders . Freilich war auch da alles aus Holz und größtenteils aus ganz gewöhnlichem Fichtenholz , aber es war nicht geschminkt mit Goldglanz , schreienden Farben , Geflunker und Gebänder und was sonst solchen Zierat gibt ; es war , wie es war , und wollte nicht anders sein . Die Kirchenwände standen in mattem Grau und waren fast leer . In einer Ecke des Schiffes klebten ein paar Schwalbennester , deren Bewohner heute auch bei dem Gottesdienste bleiben und dem Herrn nach ihrer Art das » Sanctus « sangen . Den Chorboden da oben und den Beichtstuhl und die Kanzel und die Betstühle - man sah es wohl - hatten heimische Zimmerleute ausgeführt . Der Taufstein hatte auch sein Lebtag keinen Steinmetz und der Hochaltar keinen Bildhauer gesehen . Aber es war Geschmack und Zweckmäßigkeit in allem . Der Altar war ein würdevoll dastehender Tisch , zu welchem drei breite Stufen emporführten . Er war bedeckt mit einfachen weißen Linnen , und in einem Gezelte aus weißer Seide , zwischen sechs schlanken , aus Lindenholz geschnitzten Leuchtern stand das Heiligtum . Was mir aber am meisten auffiel , was mich rührte , fast erschreckte , das war ein nacktes großes Kreuz aus Holz , welches über dem Zelte ragte . Dieses Kreuz mochte nicht immer da oben gestanden haben ; es war wettergrau , der Regen hatte die Fasern hervorgewaschen , die Sonne hatte Spalten gezogen . - Das war der Winkelsteger Altarbild . Ich habe nie einen Prediger ernster und eindringlicher sprechen gehört , als es dieses stille Kreuz tat auf dem Altare . Dann fiel mir noch ein Zweites auf , was fast abstach von der Armut und Einfachheit , so in diesem Gotteshause herrschte , was aber die Stimmung und Ruhe nur noch erhöhte . An beiden Seiten des Altares waren zwei schmale hohe Fenster mit Glasmalereien . Sie tauten ein rosiges Dämmerlicht über den Altar . Der Priester verrichtete die Handlung ; die wenigen Anwesenden knieten in den Stühlen und beteten still ; und die mild tönende , wie in Ehrfurcht leise zitternde Orgel betete mit , war wie eine flehende Fürsprache vor Gott für die arme Gemeinde , die seit gestern , da das Ungewitter die Feldfrucht vernichtet , neuen Kummer trug . Als die Messe zu Ende war und die Leute sich erhoben , bekreuzten , die Kniebeugung machten und davongingen , stieg ein hübscher junger Mann die Chorstiege herab . Ich fragte ihn vor der Kirchtür , ob er es sei , der die Orgel gespielt habe . Er neigte den Kopf . Er schritt gegen das Dörfchen hinab ; ich ging mit ihm und suchte ein Gespräch anzufangen . Er sah mir mehrmals treuherzig ins Gesicht , aber er sagte kein Wort ; und er