Kind hier ist seine Tochter , die dir zur Erinnerung den Namen Hardine trägt ! « Aber leider in ihrem gegenwärtigen Aufzuge konnten die Erben der Reckenburg sich nicht im Kreise ihrer künftigen Standesgenossen präsentieren . Man mußte ein Wirtshaus suchen und die abendliche Einsamkeit erwarten . So nahm denn unser Glücklicher die Kleine , die ihm ermattet nachgeschlichen kam , wieder an die Hand und schritt forschend die breite , lange Dorfstraße entlang . Aber seltsam ! wie die Gehöfte ihm hüben und drüben entgegentraten , alle neu , schweigsam , sauber und so nüchtern solide , da deuchte ihm , als ob aus jeglichem Fenster die Augen der gestrengen Hardine auf ihn niederschauten , so wie sie einst den unbändigen Waisenknaben angeschaut ; es summte wie » Wildling ! « vor seinem Ohr und er fuhr mit der Hand nach seiner glühenden Backe , wie damals , als er ihren züchtigenden Streich auf derselben gefühlt hatte . Ihn überkam eine Anwandlung zweifelnder Schwäche ; ohne eine herzstärkende Labe hätte er jetzt nicht vor der handfesten Dame erscheinen mögen . Und hinwiederum seltsam ! in dem langgereihten Dorfe schien nirgends eine Stätte für solche Labe aufzufinden . » Haben denn die Leute unter Fräulein Hardines Regiment keinen Durst ? « fragte er verdrießlich . » Oder saufen sie nur Wasser wie das liebe Vieh ? « Endlich im allerletzten Hause , da fand er , was er suchte , wenn auch durch kein Schild oder Schenkenzeichen , keine Kegelbahn , Laube oder Tanzlinde einladend angekündigt . Nein , das war nicht der Platz , wo ein Zögling des Biwaks das wandernde Marketenderzelt vergißt , wo Karten und Würfel fallen und der Schoppen unter zechenden Kumpanen kreist . Ebensowenig war es eine Herberge , die dem müden Bettler , dem irrenden Landstreicher Labsal und Obdach bot . Es war ein ruhiges , nüchternes Gehöft wie alle anderen des Dorfes , nur die Equipagen der Schloßgäste und eine betreßte Dienerschaft vor dem Tore deutete an , daß wohlbestelltes Volk und Getier gegen sofortige Bezahlung hier gelegentlich eine Raststunde halten durften . So wenig anheimelnd der Platz , unser Veteran warf sich in die Brust , setzte sich auf eine Bank vor der Tür und forderte Wein . Aber die Zornesader auf seiner narbigen Stirne schwoll , als der Wirt , ohne sich von der Stelle zu rühren , ihn von oben bis unten mit einem nichts weniger als bewillkommnenden Blicke maß . Was Wunder , wenn in dem Bruder Habenichts heute Prinz Gustels splendide Soldatennatur wieder aufgewacht war ! Er wiederholte barsch seine Forderung , indem er mit der Miene eines Krösus sein letztes Talerstück auf den Tisch warf . Vergebliche Herausforderung ! Ein Achselzucken des Wirts war die einzige Antwort ; das goldhelle Wörtchen Wein schien ein fremdartiger Klang in der Schenke von Reckenburg . Indessen hatte die auswärtige Dienerschaft den seltsamen Wandersmann , der in Lumpen ging und mit Talern um sich warf , aufs Korn genommen . Man näherte sich , man gab gefällig Bescheid , und hatte unser Freund vor einer Stunde sich dreist an die Magnatentafel des Grafenschlosses geträumt , so saß er jetzt wohlgemut im Kreise ihres galonierten Lakaientums . Kümmel und Gerstensaft lösten die Zunge so gut wie der versagte Rebensaft . Er plauderte von alten kriegerischen Erinnerungen , aber er plauderte noch lebhafter von den älteren friedlichen Erinnerungen , welche die Wanderung durch die Reckenburger Flur in ihm wachgerufen hatte , und er fühlte sich ermutigt , als auch andere kluge Leute einen Vers daraus zu bilden wußten , der auf den seinen reimte . Halb im Ernst , halb im Spott wurde sein Angriffsplan unterstützt ; die Krüge klappten zusammen in einem Frischauf zu glücklichem Erfolg . Hin und wieder ging auch ein Einheimischer , der zu Hause Mittag gehalten hatte , an dem Schenkenplatze vorüber ; volle Erntewagen schwankten in das Dorf und kehrten leer wieder nach den Feldern zurück . So seltene Gäste die Bauern und Knechte von Reckenburg an diesem Platze sein mochten , die Musterung der fremden Gespanne war wohl ausnahmsweise einen Krug Dünnbiers wert , und es verbreitete sich daher auch unter ihnen die wunderbare Mär von dem Reckenburger Kinde , das plötzlich als Herrenerbe eingesprungen war . Kopfschüttelnd und schweigend , wie sie der Mär gelauscht , entfernten sich die Einheimischen ; einer nach dem anderen ; auch die betreßte Tafelrunde brach auf , um die Geschirre für die Heimfahrt zu rüsten ; ehe aber der Abend sich senkte , war das lang bewahrte Geheimnis Fräulein Hardines weit über die Reckenburger Flur in das Land hinausgestreut . Der sich am spätesten erhob , war der jetzt doppelt berauschte Erbe . Er bezahlte das letzte Glas mit seinem letzten Groschen , riß seine Kleine , die in einem sonnigen Winkel eingeschlummert war , in die Höhe und rief barsch : » Wach auf , Schlafmütze ! Jetzt gehts zu deiner Großmutter Hardine ! « » Zu meiner Großmutter Hardine ! « lallte das Kind wie in einem fortgesetzten Traum . So wanderten sie Hand in Hand voran . Die Füße des Invaliden schwankten und seine Brust keuchte beklemmt . Warum eigentlich ? Ohne eine merkliche Spur hatte er häufig das Doppelte zu sich genommen . Freilich der Tag war heiß gewesen , die Wanderung weit und die Aufregung gewaltig . Es währte eine Weile , bevor er das Gittertor erreichte , auf welchem ein vergoldetes Doppelwappen im letzten Sonnenschein funkelte . Im Hintergrund einer langen breiten Rüsterallee präsentierte sich das Schloß auf erhöhter Terrasse ; zu beiden Seiten der Avenue dehnte sich bis zum Waldessaume der Garten , linealgerecht durch hohe Buchenhecken abgeteilt . Goldgelbe Pfade schlängelten sich zwischen den vielgestaltigen Schnörkelbeeten , auf denen hinter einem Einfaß von Buchs und bunten Perlenringeln zwar keine Blumen , aber kunstvoll dressierte Baumfiguren in die Höhe wuchsen . Weiße Marmorbilder , deren Struktur sich gar nicht übel mit den Pflanzungen dieses Ziergartens vertrug , ragten längs der Heckenwände ,