Fräulein den » Taps « ihrer Meinung , d.h. der Meinung der gnädigen Frau nach zu hoch von demselben weggehoben hatten . Sie jagte ihn in das kalte Wasser und im Notfalle mit der Haselgerte dreimal um die Mauern des Lauenhofes . Sie war ' s , welche das Kopfschütteln des Ritters von Glaubigern in Worte übersetzte und der Malteserin damit in den Weg trat : » Nun , Frölen , jetzt tun Sie mir die einzige Liebe an und machen Sie mir den Bengel nicht ganz verrückt . Weiß der Himmel , nächstens muß ich ihn noch mit den Hämmeln auf die Weide schicken , damit er nicht verlernt , daß das Gras grün ist und daß der Regen naß macht ! « Der Chevalier stand ihrer Anschaunngsweise am nächsten , und wahrlich , solche Lehrmeister wie er sind sehr selten in dieser erziehungsbedürftigen Welt ! Er hatte den Krieg gesehen und über den Frieden nachgedacht . In Einsamkeit und Stille , in Geduld und Entsagung hatte er an seinem eigenen Wesen wenn auch nicht gebaut und gemeißelt , so doch geschnitzelt und gedrechselt , und damit soll gewiß kein Tadel ausgesprochen sein , sondern das höchste Lob , was einem guten Mann in seiner Lage gegeben werden mag . Ein altes , wunderlich kluges Kind ! Und der Lauenhof , das Dorf Krodebeck und vor allem die Frau Adelheid wußten , was für einen Schatz sie an ihm besaßen , und überlegten es dreimal , ehe sie einem Worte oder Winke von ihm entgegentraten . Selbst seine größeste Widersacherin , das Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin , fürchtete sich im geheimen unendlich vor ihm , wenn es das gleich im gegebenen Falle nur durch höheres Aufwerfen der Nase , kläglichere Seufzer und anzüglichere Bemerkungen kundgab . Der Ritter von Glaubigern hatte viel studiert seit seiner Ankunft auf dem Lauenhofe . Er hatte seinen Sinn darauf gesetzt , zu erfahren , wie es eigentlich bei den Römern zu Hause aussah , und er hatte wirklich Latein gelernt , und zwar nach Johann Amos Comenius . Er hatte alle seine Wissenschaften nach dem Rezept des alten berühmten Rektors von Lissa zusammengetragen , und er gab sie nach demselben Rezepte wieder von sich ; die Herren von der Domschule zu Halberstadt konnten freilich nachher die Hände über den Köpfen zusammenschlagen , als der Junker von Lauen in ihre Lehre geriet . Die Bilder fanden sich überall , im Hause und draußen und zu jeder Zeit , und der Kommentar fand sich ebenfalls am Rande ein , wie in jenem wunderlichen lateinischen Orbis pictus , den selbst die Türken , Perser , Araber und Mongolen seit 1641 handschriftlich weitergaben . Wenn von dem Gebirge her die Schneewolken sich über das flache Land wälzten ; wenn die Wetterfahnen des Lauenhofes wehklagend sich im Kreise drehten ; wenn die Schornsteine mit Stimmen begabt wurden , die lebhaft an die Hexentänze des Blocksbergs , der so nahe in die Fenster guckte , erinnerten ; wenn der Regen der Tagundnachtgleiche über den Hof , durch das Dorf und über die Felder in Stößen fuhr ; wenn im Walde die ersten Anemonen und Leberblumen aus dem welken Laub unterm Gebüsch aufsahen und wenn der Wald so grün stand , wie das freudigste Kinderherz nur irgend verlangen konnte : so - hatte das alles stets seinen besondern Zusammenhang mit dem alten Comenius , und der Chevalier verfehlte nicht , den Finger an die Nase zu legen und diesen Zusammenhang ernstlich hervorzuheben . Der Comenius war für alles brauchbar , nur nicht für das Fräulein von Saint-Trouin . Dieses zog seine Weisheit und Lehrhaftigkeit aus anderen Quellen und ließ sie über die junge Seele des junkers laufen trotz der Dämme , welche der Ritter wehmütig , kläglich und bescheiden dagegen zu errichten beflissen war . In der Politik wie in der Pädagogik begegneten sich der Chevalier und das Fräulein wie Mystax und Peccadillo bei einem Knochen . Wenn jener , d.h. der Herr von Glaubigern , die reichsunmittelbare Herrlichkeit des Rittertums im westlichen Deutschland und vorzüglich in seinem Stammlande Westfalen für die Krone auf dem Tempel der Weltgeschichte hielt , so setzte das Fräulein den großen König Ludwig den Vierzehnten als alleinigen wahren Gott in diesen Tempel und berief sich auf dieselbe Memoirenbibliothek , aus welcher es zugleich in seiner Weise die Erziehung Hennigs mitleitete . Diese Memoiren haßte der Ritter , und die gnädige Frau Verachtete sie . Letztere - deren allergrößester Stolz und allerherrlichste Familienzierde jener bei Zorndorf gefallene Oberstleutnant Von Lauen war , der sich durch diesen Fall die ganze Approbation des Alten Fritz erwarb - half sich durch ein erhöhtes Geklapper ihres Schlüsselbundes gegen den großen Louis . Der Ritter , welcher als feiner Kavalier nie vor den Damen mit irgend etwas klapperte , fand sich ziemlich wehrlos gegen denselben , zog nur im verborgenen die Achseln in die Höhe und sagte Bah ! im geheimen . Auf diese Interjektion hin sah der junge Hennig den treuen Mentor fragend an , aber der Chevalier warf sich jedesmal mit entsagungsvoller Energie auf die Historie vom Herzog Wittekind und trieb ihn nebst seinen Sachsen melancholisch in die Enge und in die Weser . Dem jungen Hennig wurde erst ziemlich spät klar , was jenes Bah bedeutete , aber auch dann sah er freilich lange nicht vollständig ein , wieviel Philosophie der Geschichte darin verborgen lag . Das Grauen , von welchem im Anfange dieses Kapitels die Rede war , wurde diesmal einzig und allein durch die Prätendentin des oströmischen Kaiserthrons in die junge Seele gepflanzt . Adelaide verspürte es ja selber vor vielen Dingen und Verhältnissen , die verständigeren Leuten nur merkwürdig , achtbar , beklagenswert oder gleichgültig erscheinen können . Adelaide stand viel zu hoch , um die Welt zu nehmen , wie sie war , und da sie also naturgemäß in recht ungemütlicher Verlassenheit wandelte , so suchte sie andere zu sich emporzuziehen , sei ' s , um eine Kammerjungfer der Vergangenheit ,