hatte sie es auf Eichkätzchen abgesehen , deren sie mehrere schon aufgehuscht hatte . Die jungen Männer folgten fast zu stürmisch , fast zu auffallend . Lucinde hatte ebenso das Talent , die Männer für sich allein zu haben , wie das andere , wenn sie wollte , niemand aus der großen Ringkette des gemeinschaftlichen Vergnügens herausfallen zu lassen ; sie sagte dann jedem etwas , was ihn zur Anknüpfung eines Gesprächs ermuthigen konnte . Schon war der junge Buchhalter darüber eifersüchtig , und eben , als er seinen Principal entdeckte , hatte er es wirklich durchgesetzt sie zu isoliren . Als er nun doch zu den andern zurückkehren mußte , fragte sie : Warum fliehen Sie denn nur vor dem Herrn Guthmann ? Der junge Buchhalter blieb die Antwort schuldig , worüber sie theils aus Neugier , theils aus Laune in Verdruß gerieth . Aber rings gab es nun Augen , die wußten , daß Lucinde zu den Naturen gehörte , die ihr Gefühl da , wo sie zanken und Vorwürfe machen , mehr offenbaren als da , wo sie schmeicheln und gut scheinen . Jetzt sah man aus ihrem Schmollen , daß Oskar Binder , der schöne Buchhalter , der Bevorzugte war . Als Lucinde sechzehn Jahre geworden , sprach man von ihrer Verlobung mit ihm . Der junge Mann schien eine glänzende Situation zu besitzen . Er überhäufte Lucinden mit Geschenken , und dennoch versicherte er seinen nächsten Freunden ( auf Dinge , die ihm und ihnen sehr heilig waren , in der Form , z.B. » auf Taille « oder » Ich will hier nicht gesund stehen ! « ) daß er von Lucinde noch nie auch nur die Hand gedrückt bekommen hätte . Auch der Stadtamtmann erfuhr diese Versicherungen und rüstete sich alles Ernstes auf eine Aussteuer seines geliebten Findlings , auf den er einen Theil der Sympathieen für Glaube , Liebe und Hoffnung übertrug , die er sich in einem Beruf voll Mistrauen und Verfolgung als seine geheimste Lebenspoesie doch zu erhalten suchte . Da aber kam eines Tages seine Gattin und war über die » teuflische « Natur eines Mädchens im Reinen , das die Neigung ihrer Nichte , der Hofraths-Eveline , zu irgendeinem andern jungen Manne , dem Lieutenant Wallbach , durchkreuzen konnte und mit diesem einen ganzen Abend lang in der Schützengesellschaft in einem Winkel gelacht haben sollte . Die Hofräthin kam , der Hofrath kam , Eveline wurde krank , der Lieutenant fühlte sich über die vom Hofrath für ihn zur Verheirathung zu stellende Caution und durch die Erwähnung derselben in einem Wortwechsel beleidigt und nahm seine Werbung zurück ; kurz , der Stadtamtmann , Evelinens Onkel , mußte diesem » Familienunglück « eine Satisfaction bieten : sie bestand in der endlichen Verabschiedung Lucindens . Lucinde , die sich , wie man bitter genug gesagt hatte , » einen andern Dienst suchen « sollte , machte einige Versuche , den Ernst in Humor zu verwandeln . Sie gelangen nicht . Der Stadtamtmann mußte den Schein vermeiden , selbst von ihr bezaubert zu sein . Seine Gattin sagte , » ihr Maß wäre voll « . So zog Lucinde zu ihrer Schwester , der Nähterin ... In dem Behagen ihrer eigenen Interessen that es ihnen allen nichts , ob da ein Leben in seiner Entwickelung unterbrochen wurde oder nicht . Acht Tage darauf war aber Lucinde für die ganze Stadt verschwunden . 6. Wir finden sie in einer Extrapostchaise wieder , die eines frühen Morgens in jene zaubervolle , sonnenglanzverklärte Ebene niederfährt , die man von einer großen Terrasse der Stadt aus nur mit dem Hochgefühl der Sehnsucht und des Entzückens betrachten kann . Berge ringsum ; aber nichts mehr , was bedrückt oder beengt , wie daheim , wo die vier verhängnißvollen Bächlein niedergingen . Ein großer freundlicher Strom schlängelt sich durch Wiesen und Felder hin , und erst die äußersten Ränder desselben sind mit waldigen Höhen umkränzt . Ueber das ganze große Panorama hin die bunteste Abwechselung . Hier grüne junge Saaten , dort die gelben großen Tücher der nordischen Oelpflanze ; dann ein dunkler Eichenforst , hinter dem wieder die blauen Wogen des Stromes aufblitzten ; die Häuser so schmuck mit rothen Ziegeldächern , die Herrschaftssitze mit langen Pappelalleen , die in mäßiger Verwendung jeder Gegend einen ganz besonders vornehmen Ausdruck geben , und so auf Stunden und auf Meilen hin . Die Berge da , sagte Lucindens Begleiter , sind die Weserberge ! Dahinter geht ' s nach Bremen und dann - nach Amerika ! Es war ein wunderschöner Junimorgen . Die Sonne brannte , und gern hätte Lucinde die Glasfenster des Wagens geöffnet . Ihr Begleiter wollte erst die nächste Station abwarten . Auch dort noch bat er , die Schwüle des engen Raumes lieber noch eine Weile zu ertragen . Erst gegen zehn Uhr , als sie wol schon fünf Meilen von der von ihnen verlassenen Stadt entfernt waren und es eine waldige Anhöhe hinaufging , öffnete er und ließ das Fenster ganz zurückschlagen . Viel lieber hätte Lucinde die Aussicht genossen , die sich früher dargeboten hatte , Fernblicke auf die rothgedachten Meiereien , altersgraue , aus Busch und Baum hervorblickende Thürme alter Edelsitze und Abteien , Mühlenwerke und Fabriken , deren hohe Schornsteine die blaue Luft mit kräuselnden Nebelwolken erfüllten , wunderliche Kirchthürme , die bald den Minarets der Moscheen glichen , bald aber auch ganz verbuttet aussahen , wie alte Büchsen und Flaschen für Pferdemedicamente ... Jetzt lag nur zur Rechten ein fast undurchdringlicher Tannenwald , zur Linken ging es eine kleine Anhöhe mit niederm Gehölz hinauf , an das sich zuletzt eine Buchenwaldung lehnte . Belebt war ' s ringsum . Fink , Drossel und Pirol ließen ihren frischen Waldruf ertönen . Aus dem Tannendickicht zur Rechten hörte man dann und wann ein hallendes Geräusch , das die Nähe von Holzschlägern verrieth . Zur Linken fiel die Sonne so günstig über die grünen Baumkronen , daß sich ganz jene lieblich magischen