auf einem Spaziergange zu begleiten . Gute Nacht . « Drittes Kapitel Schon lange bevor die Sonne am östlichen Horizont , der die in weißlich grauen Dunst eingehüllte Ebene begrenzte , ihre ersten Blitzstrahlen gegen die dichte Nebelmasse ausgesandt und ihr Nahen nur erst durch einen breiten , langen , aber schwachen Purpurstreifen , der zuweilen durch den , wie zum Widerstande sich scheinbar immer mehr verdichtenden Nebelflor verwischt wurde , glänzten die im Westen gelegenen Spitzen des Gebirges in dunkelrother Glut , die sich immer tiefer und tiefer senkte . Endlich erschien auch auf der entgegengesetzten Seite ein blutrother feuriger Streifen . Immer höher und höher sich erhebend , gestaltete er sich zuletzt zum leuchtenden Feuerball , welcher auf der scharf hervortretenden Linie des Horizonts tanzend zu schweben schien . Es war ein wundervoller Anblick , wie ihn nur der verstehen und nachempfinden kann , der ihn einmal in seiner ganzen Größe und Schönheit genossen hat . Jede Beschreibung ist matt und farblos gegen eine solche Wirklichkeit . Die zuckenden , sprühenden Strahlen der Sonne , welche wie feurige Pfeile des zürnenden Gottes durcheinander schießen , bis sie die kämpfenden Nebelmassen zerstreuen , die sich nun fliehend um die Gipfel der Bäume schaaren , als wollten sie im Schatten der Wälder ein schützendes Bollwerk gegen die Macht des Lichts suchen - die glühenden Bergspitzen und vor Allem der frische balsamische Duft , welcher wie ein phantastischer Traum der halb noch träumenden Erde auf Berg und Thal , auf Wald und Flur schwebt - : Wer vermag jemals alle die stillen Wonneschauer und die schweigende Begeisterung zu vergessen , die ihn bei der Feier dieses erhabenen Naturkultus durchbebte ? Als die Strahlen des sich höher aufschwingenden Sonnenballs auf die Dächer des noch größtentheils im tiefen Schlaf ruhenden Dorfes fielen , und nur erst einzelne Badegäste , denen der Arzt einen frühen Spaziergang als Kur verschrieben hatte , gähnend und fröstelnd sich zu diesem unbequemen Geschäfte bereit machten , öffneten sich auch die grünen Läden des letzten weißen Häuschens , über dessen Dach die , uns aus der Beschreibung Carls schon bekannten mächtigen Kastanienbäume ihre schützenden Zweige ausstreckten . Das Fenster war jedoch mit zwei übereinanderstehenden Reihen von Blumentöpfen so bestellt , daß man Anfangs nichts von dem menschlichen Wesen bemerken konnte , das so früh den schönen Morgen begrüßen zu wollen schien , als eine niedliche , feine Hand und einen runden Arm von überraschender Zartheit und Weiße . Die Läden waren nun wohl geöffnet , allein sie mußten noch von beiden Seiten des Fensters befestigt werden . Dies schien auch die Besitzerin der kleinen Hand und des reizenden Arms für nothwendig zu erachten , denn sie öffnete auch den andern Fensterflügel und nahm die oberste Reihe der Blumentöpfe behutsam ab und schien einen nach dem andern auf einen neben dem Fenster stehenden Tisch zu setzen . Nach Beendigung dieses Geschäfts beugte sie etwas den Kopf vor , indem sie einen schnellen Blick über den Gartenzaun auf die nächste Umgebung und seitwärts auf die Straße warf , ob sie auch nicht von einem unbefugten Zuschauer belauscht werde . Durch die tiefe Stille ringsumher beruhigt , richtete sie nun ihre Blicke in die Ferne . War es die Glut des östlichen Himmels , an dem eben die Sonne in ihrer vollsten Pracht sich erhoben hatte , welche auf ihrem lieblich schönen Gesicht wiederstrahlte , oder war es die stille Wonne ihres Innern , die halb wehmüthige Freude über die unfaßbare und doch die ganze Menschenbrust erweiternde Schönheit der Natur : ihre Wangen rötheten sich tiefer , ihre Augen wurden glänzend und feucht und ihre Hände legten sich unwillkührlich , wie in lautloser , heiliger Andacht über dem schneller wogenden jungfräulichen Busen zusammen . Eine tiefe ruhige Sehnsucht lag auf ihren Zügen und in dem blauen Auge , das wie in schmerzlich inniger Empfindung nur halb aufgeschlagen in die Ferne blickte . Es war ein überaus lieblicher Anblick , ein Anblick , der dem zweifelsüchtigen Landsfeld gewiß den vollen Glauben an reine Weiblichkeit wiedergegeben hätte . Sie seufzte tief , ohne wohl zu wissen , warum . Denn was konnte dieses Kindesherz schon getroffen haben , daß es von Schmerz erfüllt war ? Ein unbestimmtes Sehnen nur war es , was ihre Brust bewegte und zugleich erweiterte . Denn es war ihr , als müßte sie alles das Schöne , Herrliche und Große , was sich da draußen vor ihren Blicken entfaltete , hineinziehen in die Brust , oder als müßte sie selbst sich hinausstürzen und sich auflösen in die allgemeine Seligkeit der Natur . Ein innerlich tiefer , aber lautloser Jubel durchzog zugleich ihr ganzes Wesen - sie weinte , ob vor Schmerz oder vor Wonne , sie wußte es selbst nicht . Eine Thräne fiel auf ihren vollen , weißen Busen herab , der in ungestümen Wallungen sich unter dem lose befestigten Nachtkleide hervorgedrängt hatte , als wolle er sich in dem thaufeuchten Balsam der kühlen Morgenluft baden . Unwillkührlich erröthend , obschon sie sich allein und unbelauscht wußte , zog sie , zum schnellen Bewußtsein der Wirklichkeit erwachend , das Kleid über der Brust zusammen und bog sich , nachdem sie noch eine Thräne aus dem Auge getrocknet , über die Blumentöpfe hinaus , um die Laden zu befestigen . In diesem Augenblicke kam Landsfeld , in Begleitung Corneliens und des nachfolgenden Dieners , der die Waffen unter dem Mantel trug , um die Ecke . Lydia sprang schnell vom Fenster zurück , doch hatte bereits der scharfe Blick des Barons sie erreicht , was er indeß durch keine Bewegung verrieth . Vielmehr ging er ruhig und wie in ein eifriges Gespräch mit seiner Begleiterin versenkt , ohne einen zweiten Blick nach dem Fenster zu werfen , vor demselben vorüber . Lydia holte tief Athem , ihre Farbe , die einen Augenblick das Gesicht völlig verlassen hatte , kehrte allmählig wieder zurück . Ueber ihren eigenen Schreck lächelnd , trat sie wieder an das Fenster , indem sie jedoch