eine Spur zurückzulassen der Gedanke und das Gefühl , der Schmerz und die Freude , wie aus gerechtem Stolz verschmähn : das alles mattet mich innerlichst ab , und läßt mich an der menschlichen Natur verzweifeln ! « » Sie wollen Carlsbad wirklich so bald verlassen ? « fragte Stein gepreßt . » In einigen Tagen wird mich mein Gatte von hier abholen , « erwiederte sie leise . » Und gehen Sie gern von hier ? O verzeihen Sie diese unbescheidene Frage , gnädige Frau ! Nicht wahr , Sie sehnen sich nach der Heimath , nach dem Familienleben ! Wohl kann ich mir denken , wie Sie dort vermißt werden , welchen Segen Sie über Ihre Umgebungen verbreiten ! « » Ich habe keine Heimath ; ich kenne kein Familienleben , « entgegnete sie tonlos ; » überall stehe ich allein ! deßhalb ist es mir gleichgültig , wo ich lebe ! Vielleicht würde ich mich , wenn mir die Wahl freistünde , gerade für Carlsbad entscheiden ; denn hier hatte meine Seele auf kurze Zeit eine Heimath gefunden . « Stein fühlte zu zart , um hierauf etwas zu erwiedern ; er bemühte sich nur , den Trübsinn der Frau durch eine leichte Unterhaltung zu verscheuchen . Als er bemerkte , daß sie sich entfernen wolle , bat er sie innig um die Erlaubniß , sie in diesen Tagen noch öfter sehen zu dürfen , er wolle eine theure Erinnerung mit fortnehmen : dies zu gewähren , sei ihr so wenig , ihm so unendlich viel ! » Gern gewähre ich das , « entgegnete sie lächelnd ; » und damit Sie sehen , wie ernst es mir damit ist , bitte ich Sie , mit mir heute Nachmittag nach meinem Lieblingsplatz Schlackenwerth zu reiten ! « Bei diesen Worten erhob sie sich , und ging auf ihren Salon zu . Hier wandte sie sich noch einmal um , und rief freundlich : » Bitte , Sie Unbekannter , Ihr Name ? « - » Eduard von Stein ! « - » Das klingt ja ritterlich genug ; und erinnert an die ganze , reichsunmittelbare Romantik ! Also auf Wiedersehen , mein lieber Ritter ! « Der junge Mann sah ihr in stillem , Entzücken nach . Diese Erscheinung übte eine Macht über ihn aus , der er sich nicht entziehen konnte . Gerade die liebenswürdige Kindlichkeit , vereinigt mit einem tiefsinnigen Zug , der Zauber einer seltenen Harmonie , der , alle Gegensätze versöhnend , über ihr ganzes Wesen ausgebreitet war , mußten einen Mann fesseln , den Denken und Leben in allen Widersprüchen herumgeworfen ; der gerade nach einer Harmonie suchte , in der die schreienden Mißklänge aufgelöst würden . Doch daß sie selbst nicht glücklich war , sie , die zum Glücke berufen schien , die den Mann ihrer Liebe zum Gott beseligen mußte : das war ein neuer , schmerzlicher Riß in der harmonisch vollendeten Schöpfung , die er im flüchtigen Traume dieser seligen Minuten sich zusammenphantasirt ! 7 Um vier Uhr hielten die gesattelten Reitpferde vor dem Wiesenthale . Madame Oburn sah reizend aus in ihrem stahlgrünen , enganschließenden Reitkleide , mit dem keck in die Locken gedrückten schwarzen Sammetbarett . Sie ritt sicher und kühn , mit Grazie in jeder Bewegung . Stolz auf seine Begleiterinn ritt Stein ihr zur Seite . Unter leichten , scherzhaften Gesprächen , den Eingebungen des Augenblickes , erreichten sie den Schloßgarten Schlackenwerths . Leicht sprang die Reiterinn vom Pferde , übergab es dem Diener und warf sich nachlässig auf eine geflochtene Weidenbank , die in der alten Kastanienallee , unter dem Schatten hoher Bäume , stand . » Hier ist mir wohl und heimlich , « rief sie aus ; » hier erinnert mich alles an meine Jugendzeit ! Drüben die alte Dorfkirche , das kleine trauliche Pfarrhaus . O welches friedliche Glück mag jene engen Räume bewohnen ! Wie thöricht , sich immer hinauszusehnen in ' s Weite , während allein in dem nächsten Kreis , in enger Umgränzung wahre Befriedigung möglich ist ! « » Sie sind auf dem Lande erzogen , gnädige Frau ? O schildern Sie mir Ihre Kindheit ! Meine aufrichtige Theilnahme macht mich ihres Vertrauens werth . « » Mein Vater war Prediger auf dem Lande ; ich sein einziges Kind ! Aus den engen Lebensverhältnissen sehnte ich mich hinaus und vor meiner Seele stand , als einzig erstrebenswerth , ein bewegtes Leben mit allen Freuden der Welt : Ich war bis zu meinem sechszehnten Jahre fast nie über die Gränzen unseres Dorfes hinaus gekommen ; nur meine Phantasie , deren angeborene Glut durch mannigfache Lektüre genährt war , schuf mir , jenseits des idyllischen Bereichs , ein Eldorado voll unbestimmten Glückes . Jedes Posthorn , das von ferne her durch die einsame Gegend schmetterte , entlockte mir Thränen der Sehnsucht . Ich wollte in die Welt ; ich wollte glücklich sein ! Jetzt « - fuhr sie bewegter fort ; - » jetzt habe ich die Welt , und was darin Glück heißt , kennen lernen ; Reichthum , ein glänzendes Leben hat mir das Schicksal geschenkt , und nun ich alles das erreicht , alles genossen - nun ist es mir werthlos - hat in Wahrheit nie für mich Werth gehabt . Das habe ich mir längst mit Schmerz bekannt , und fühle es stündlich drückender ! Und so sehne ich mich jetzt zurück nach der friedlichen Heimlichkeit engumschlossener Verhältnisse , die ich einst in jugendlicher Hast zu durchbrechen wünschte ! « » Sie sind ungerecht gegen sich , gegen andere , gnädige Frau ! Ein freundliches Schicksal hat sie in die Welt geführt - uns allen zum Heil ! Es liegt in Ihrem Wesen etwas Freies und Frisches , das Erlösung bringt von all ' den verknöcherten morschen Verhältnissen , von all ' der Heuchelei einer in sich zerfallenen Gesellschaft ! Und ist es nicht lohnender Beruf genug , auch nur einzelne Geister erquickend aufzurichten ,