Paulinen verdient , daß diese eine so ehrende Meinung von ihr hegte ? In diesem Augenblicke , als die stille Pauline ihre großen blauen Kinderaugen o vertrauend auf Elisabeth richtete , als suche sie bei ihr Schutz gegen die Unbilligkeiten der Andern , drang dieser Blick so tief in den Grund ihrer Seele , daß sie sich davon ungewohnt bewegt fühlte . Sie näherte sich ihr , ergriff ihre Hand freundlich und sagte : » Rede doch ! Was giebt es ? « Nie hatte Elisabeth so liebreich zu Paulinen gesprochen , wie sie jetzt diese wenigen Worte sagte - Pauline drückte ihr die Hand und ließ sie nicht wieder los , während sie ihre Rede nur an sie richtete : » Wir waren hier bei einander , und warfen Reifen , als wir draußen an der Thüre eine weinende , bittende Stimme hörten , dazwischen scheltende Worte eines unsrer Dienstmädchen - dabei ward mein Name genannt - ich war deshalb Eine der Ersten , welche hinliefen , um zu sehen , was es gäbe . - Ich muß durchaus mit Mamsell Paulinchen sprechen , der liebe Gott wird ' s Ihnen segnen , wenn Sie mich zu ihr lassen - hörte ich wieder sagen - da macht ' ich rasch die Gartenthüre auf - und ein ärmlichgekleidetes , blasses Mädchen , ein altes Körbchen mit Blumen am Arm , stand vor mir . Es sah sehr leidend und kummervoll aus , und sein Anzug war aus vielen Stücken mühsam zusammengenäht . - - - Die Armuth mußte die andern Mädchen wohl sehr belustigen , sie brachen in ein lautes Gelächter aus , daß die Fremde hoch erröthete , und die Augen niederschlagend ein paar helle Thränen verschluckte . Ich nahm sie bei der Hand , indem ich ihr sagte , daß ich Pauline Felchner sei , und die Andern bat , doch nicht zu lachen - sie lachten aber nur desto mehr , sagten , ich habe wohl solche Jugendfreundinnen - die reichen Fabrikanten hätten immer Bettelvolk zu Verwandten , und ließen solche hämische Worte mehr fallen , so daß jene immer verwirrter ward , mir zu Füßen fiel , und schluchzend bat : Ach , Mamsell Paulinchen , meine Mutter hat Sie oft mit mir auf einem Arme zugleich getragen - jetzt liegt sie hier auf den Tod , und die kleinen Geschwister sterben vielleicht auch bald vor Hunger . Sie hat mir oft erzählt , wie gut sie es in Ihrem Hause gehabt - und wie ich nun hörte , daß Sie hier wären , so dacht ' ich in meinem Innern : die hilft euch vielleicht . Ich sah einmal bei Doctor Thalheim ' s , wo ich die Aufwartung habe , ein Buch , auf welches Ihr Name gedruckt war - da fragte ich den guten Herrn Doctor , ob er Etwas von Ihnen wisse - und er erzählte mir , wie Sie hier so fromm und gut wären , daß Sie mir gewiß helfen würden - nicht mir , sondern der kranken Mutter , den hungernden Kindern - da faßt ' ich mir ein Herz und lief her , und da bin ich nun - sie hielt inne , und barg ihr Gesicht unter der Schürze , es war vielleicht das erste Mal , daß sie fremdes Mitleid in Anspruch nahm - und diese vornehmen Fräuleins antworteten ihr mit Gelächter - « sagte Pauline mit Bitterkeit , indem sie inne hielt . » Es war auch ein ganz närrischer Auftritt , « sagte ein Fräulein - » die Bettlerin nahm sich sehr possirlich aus , und Pauline machte die Scene vollkommen , indem sie uns trotz dem besten Kanzelredner eine hochtrabende Strafpredigt hielt - ihr Eifer war es , über den wir natürlich noch mehr lachen mußten , und darüber , daß sich überhaupt Mamsell Paulinchen unterstand , sich zu unsrer Gouvernante und Sittenrichterin aufzuwerfen . « » Es kann sein , daß ich mich vergessen habe , « sagte Pauline , » aber ich war jetzt nicht die Erste von uns , der dies geschah - « » Lass ' das gut sein , « unterbrach Elisabeth . » Was antwortetest Du der Armen ? « » Ich hatte zum Glück in meiner Schürzentasche einen Thaler , da ich mir eben Etwas wollte holen lassen - den gab ich dem Mädchen mit dem Bemerken , daß ich nächstens zur kranken Mutter kommen würde . Wenn sie Thalheim zu mir geschickt , so würde er mir auch sagen können , womit ihrer Noth am Besten geholfen sei . - Sie wollte mir die Hand küssen , aber das duld ' ich von Niemand , so umarmte ich sie , und bat sie , so schnell als möglich zur kranken Mutter zu gehen , und drängte sie fort , denn ich wollte sie so schnell als möglich den Demüthigungen hier entziehen - ich weiß ja , wie weh sie thun ! Ich wollte dadurch , daß ich sie küßte , sie vergessen machen , was die Andern an ihr verbrochen - - und nun hast Du nur einen Theil von dem gehört , wie sie mich deshalb verhöhnen . - - « Elisabeth fiel Paulinen um den Hals , und sagte : » Vergieb mir , daß ich Dich mit thörigtem Hochmuth gekränkt habe - ich habe Dich früher ja nicht gekannt - nun aber kenne ich Dich , und bitte Dich : sei meine Freundin ! - Und Ihr Andern , wenn Ihr sie wieder kränkt - so kränkt Ihr mich auch . Das wird Euch freilich einerlei sein , und wie Ihr vorhin sie ausgelacht habt , so werdet Ihr mich jetzt auslachen - aber Du , gute Pauline , wirst nicht mehr allein und unverstanden unter uns sein ! « Und Pauline erwiderte innig die herzliche Umarmung , und vermogte weiter Nichts zu sagen , als : » Ich danke Dir ! « und eine große , helle Freudenthräne fiel aus ihrem