entdeckt zu werden , aus dem Fenster steigen und an dem blechernen Vorsprunge desselben mit beiden Händen so lange festgeklammert hängen mußte , bis er aus seiner fürchterlichen Lage befreit wurde . Schreck , Todesangst , übermenschliche Anstrengung und Dehnung aller Flechsen zogen ihm bald darauf eine Schwäche in den Armen zu , in Folge deren er einen ehrenvollen Abschied erhielt . In seine Heimath zurückgekehrt ging diese Schwäche in vollständige Lähmung über , so daß er beide Arme nicht mehr ordentlich brauchen konnte und sich auf Arbeiten legen mußte , die keine Anstrengung der Muskeln erforderten . Schlenker hütete in Heinrichs Abwesenheit das Haus gleich dem treuesten Kettenhunde , vertrieb sich die Zeit mit Lesen religiöser Bücher , namentlich solcher , die Missionsangelegenheiten behandelten und über die Ausbreitung des Christenthums in Asien und auf den Inseln des stillen und indischen Meeres ein Langes und Breites berichteten . Für solche Bücher gab er jährlich ein hübsches Sümmchen aus . War er aber des Lesens müde , so pappte er Düten von allen Größen , die er an die Landkrämer verkaufte , oder reinigte , säuberte und glättete die gegerbten Fellchen der Maulwürfe , welche Heinrich in freien Abendstunden auf mancherlei Weise zu verarbeiten und für sich einträglich zu machen wußte . Hinsichtlich ihrer religiösen Ueberzeugung waren diese beiden Hausgenossen niemals gleicher Meinung . Heinrich tadelte Schlenker ' s Hinneigung zum Pietismus und zu zeitraubendem Bitten und Beten , und Schlenker eiferte wieder über den argen Weltsinn seines Hauswirthes und über dessen sündlichen Hang , andern Leuten gelegentlich eine Nase zu drehen . Daß er ihn noch nie in der Kirche gesehen hatte , konnte er ihm vollends gar nicht vergeben . Dennoch aber war er ihm von Herzen gut und konnte Nächte lang in seinem hartgesessenen alten Lederstuhle auf ihn warten und sich die Augen müde lesen , wenn Heinrich , ohne ihn zuvor davon zu benachrichtigen , nicht nach Hause kam . Besser vertrug er sich mit Heinrichs Bruder , dem Schulmeister Gregor . Dieser war ein Verehrer des Wortglaubens , der nie über irgend eine religiöse Frage oder über einen tiefsinnigen vieldeutigen Spruch der Schrift Zweifel hegte . » Was geschrieben steht , das steht geschrieben , « war sein Grundsatz . Nach diesem brachte er den Kindern die Grundlehren des Christenthums bei und hatte seit einem halben Jahrhunderte beinahe ein paar Generationen zu gehorsamen Unterthanen und zufriedenen Staatsbürgern erzogen . Gregor theilte keineswegs die sehr revolutionären Ansichten seines Bruders , obwohl er dessen größere Geistesgaben willig anerkannte . Nur zuweilen , wenn Heinrich es ihm nach seiner Meinung zu arg trieb , erlaubte er sich , ihn zu ermahnen und sich als christlicher Schullehrer zu zeigen . In solchen , äußerst selten vorkommenden Fällen konnte Gregor sogar beredt werden , während er in der Regel bei aller Aufmerksamkeit , die er nahen und fernen Ereignissen , politischen und religiösen Bewegungen schenkte , doch stets so einsylbig blieb , daß er geradezu häufig albern erschien . Täglich kam dieses Kleeblatt bei sinkendem Abende zusammen , um sich über die Weltangelegenheiten zu unterhalten , deren Heinrich immer eine Menge von seinen Herumstreifereien mit heim brachte . Häufig geschah es dann , daß sowohl Schlenker als auch Gregor über die frivolen Anmerkungen des Maulwurffängers unwillig wurden und im Zorne die Stube verließen . Beide kehrten jedoch sogleich wieder um , der Schulmeister an der Hausthüre und der ehemalige Dragoner an der Stiege zur Kammer , um nochmals die Stubenthüre zu öffnen und dem schlau lächelnden Haberecht eine gute Nacht zu wünschen . Am Abende nach dem Zusammentreffen der alten Freunde am Todtensteine waren alle drei beinahe gleichaltrige Männer in Heinrichs Zimmer versammelt , das überall Spuren von der Beschäftigung seines Bewohners trug . Zu beiden Seiten eines schmalen und etwas trüben Spiegels , an dessen oberem Theile die Geschichte vom keuschen Joseph mit karminrother Farbe auf Glas gemalt war , hingen eine Menge länglich runder glänzend heller und feiner Drähte an hanfenen Bindfäden . Hinter dem Spiegel , an den Fensterstöcken und in allen vier Winkeln des Zimmers staken und lehnten große und kleine Bündel biegsamer Birken- , Eichen- und Buchenstäbe , die zu schnellem Gebrauch am einen Ende bereits zugespitzt und etwas gekrümmt waren . Ein Einschnitt am obern Ende , um die Bindfäden darum zu schlingen , war an keinem vergessen . Der Maulwurffänger saß hinter seinem großen Tisch von ungemaltem weißen Lindenholz und beschäftigte sich , die feinen , zarten und wie Seide glänzenden Fellchen der Feldthiere , die er mit so großem Geschick zu verderben wußte , in ausgehöhlte lange Hölzer fest zu kleben , aus denen er dann Blaseröhre machte , die guten Abgang fanden . Schlenker hatte sich am Ofen postirt , die Beine über einander geschlagen und die breiten , großen Hände seiner lahmen und abgemagerten Arme um das eine Knie geschlungen . Er hörte mit größter Aufmerksamkeit der Erzählung Heinrichs zu , die sein Zusammentreffen mit Sloboda und dessen Enkel schilderte . Auf einem freistehenden Schemel endlich , in ansehnlicher Entfernung vom Tische , wo der Maulwurffänger handthierte , und fast in der Mitte des Zimmers saß Gregor der Schulmeister in seiner altmodischen halbbäuerischen Tracht , denn er ging , wie die alten Leute auf dem Lande , in kurzen schwarzen Manchesterhosen , Strümpfen und Schuhen mit großen silbernen Schnallen , und einem entsetzlich langen und weiten Rocke , dessen Taille grade um eine halbe Elle zu lang war . Ein dreieckiger Hut bedeckte sein viereckiges Haupt gleich dem seines verwegenen Bruders . Gregor hatte die Gewohnheit , sobald er sich irgendwo setzte , seinen Körper nicht allein in eine rechtwinklige Lage zu bringen , was äußerst komisch aussah , sondern auch die Schöße seines Rockes jedesmal sorgfältig zurückzuschlagen und seine prallen Schenkel Jedermann zu zeigen . Den Grund davon konnte Niemand erfahren , und so oft auch Spötter und Witzbolde sich darüber lustig machten , befreite sich der Schulmeister doch immer wieder von den ihm lästigen Rockschößen , indem er rund