. Sie fühlte mit Reinhard , als die Musik aufjubelte , bei der Stelle : » So athm ' ich denn in vollen Zügen der Liebe , der Liebe süßes Glück « , und Beide versanken mit dem Gefühle seliger Gewißheit in jene Träumereien , die wohl Jeder von uns gefühlt hat , wenn ein großes , heißersehntes Glück endlich von uns erreicht worden ist . Die Oper war zu Ende , ehe das junge Paar es vermuthete . Reinhard bot Madame Meier den Arm , während Jenny mit seiner Mutter ging . In der Vorhalle traf man Eduard mit Hughes und Erlau , und verabredete , daß er die beiden Herren zum Thee mitbringen solle , zu dem Madame Meier auch die Pfarrerin und Reinhard einlud . Der Letztere geleitete die Damen zu ihrem Wagen , stieg mit ihnen hinein , und als sie wenige Augenblicke darauf in das Portal des Meierschen Hauses einfuhren , als er Jenny die Hand zum Aussteigen bot , und diese kleine Hand in der seinen bebte , konnte er es sich nicht versagen , sie leise zu drücken und zu halten , während sie die ersten Stufen der Treppe hinaufstiegen . So hält man ein Vögelchen fest , das man eben gefangen hat , weil man sich des Besitzes bewußt werden will , weil man fürchtet , es könne uns entfliehen ; aber scheu und leicht , wie ein kleiner Vogel , machte Jenny ihre Hand frei , ging eilig die Treppe hinauf und in das Theezimmer , wohin Reinhard ihr folgte . Der Vater brachte den Abend außer dem Hause zu ; die Damen setzten sich also gleich an den Theetisch , und wenig Augenblicke später erschienen die erwarteten Herren . Nun , was sagen Sie heute zur Giovanolla ? fragte Erlau , sobald er Platz genommen hatte . Sie müssen gestehen , reizender , anmuthiger kann man nicht sein . Ich hätte nie geglaubt , daß es möglich sei , bei so großartiger Schönheit diesen Eindruck soubrettenhafter Koketterie zu machen , und sie hat sich heute in der Susanna als eine große Künstlerin gezeigt . Ich denke , erwiderte Madame Meier , so gar viel Kunst bedarf sie nicht , um sich so darzustellen , als sie ist . Im Gegentheil ! das ist ja die schwerste Aufgabe , sich selbst zu spielen ; aber diese hat sie nicht zu lösen gehabt , denn kokett ist die Giovanolla nicht . Wahrhaftig nicht ! rief er , als die Andern zu lachen anfingen . Sie weiß , daß sie ein Ideal von Schönheit ist , und besitzt Großmuth genug , sich den Augen der staunenden Mitwelt in all der Vollendung zeigen zu wollen , deren sie fähig ist . Ich mußte heute bei jeder ihrer Bewegungen meine Freude zurückhalten , um nicht fortwährend den Leuten zuzurufen , daß sie ein klassisches Modell vor Augen hätten . O ! ich habe im Geiste die wundervollsten Studien gemacht , und die Nachwelt soll sich noch am Bilde dieses Weibes erfreuen , wenn mein Talent mit meinem Willen gleichen Schritt hält . Während Du an die Nachwelt dachtest , sagte Eduard , überlegte ich , daß es wohl keine größere Thorheit gibt , als die Jugend an solchen Darstellungen Theil nehmen zu lassen , in denen die Sitten einer sittenlosen , verderbten Vorzeit so anmuthig und so einschmeichelnd dargestellt werden . Der Meinung bin ich auch , bekräftigte Reinhard . Ich will nicht leugnen , daß dieser Abend zu den schönsten meines Lebens gehört , so viel Freude hat er mir gebracht , und doch peinigte es mich , die Logen voll von jungen Damen zu sehen . Damit tadeln Sie mich , lieber Reinhard ! unterbrach ihn Jenny ' s Mutter . Sie wollen mir sagen , was Eduard schon mitunter äußerte , daß wir Mütter mit der Erziehung unserer Töchter nicht sorgfältig genug zu Werke gehen . Ich glaube aber , daß es dem reinen Sinn eines unverdorbenen Mädchens eigen ist , an einem schönen Bilde nur die Schönheit , und nicht gleich die Flecken und Fehler zu sehen , die es entstellen . Darum haben mein Mann und ich nie Bedenken getragen , unserer Tochter manches Buch in die Hände zu geben , sie an manchen Dingen Theil nehmen zu lassen , die man ihrem Alter sonst vorenthält . Gewiß ist das häusliche Beispiel und die innere Seelenbildung die Hauptsache bei weiblicher Erziehung , sagte Hughes . Sonst müßten ja in Frankreich , wo man die Mädchen bis zu ihrer Verheirathung in klösterlicher Einsamkeit hält , die Sitten besser sein , als bei uns in England und hier in Deutschland , wo man der Jugend viel größere Freiheit verstattet ; und gerade hier beweist doch die Erfahrung , daß die französische Zurückgezogenheit keine lobenswerthen Erfolge aufweist . Weil in Frankreich der ganze Zustand der Gesellschaft ein verderbter , ein aufgelöster ist ; weil die Bande der Ehe dort locker geworden sind , und das Haus , die Familie aufgehört haben , der Mittelpunkt zu sein , von dem Alles ausgeht . Was kann es nützen , ein Mädchen in den strengsten Grundsätzen zu erziehen , wenn der erste Schritt ins Leben ihr zeigt , daß weder ihre Eltern , noch ihr Gatte an diese Grundsätze glauben ; wenn sich das junge , liebebedürftige Herz verrathen sieht , vielleicht um einer Tänzerin willen , die nicht werth ist , der Schuldlosen die Schuhriemen zu lösen . Wenn dann das böse Beispiel dazu kommt , das die sogenannten modernen Romane und das Theater bieten , da braucht man sich freilich über die Erfolge in Frankreich nicht zu wundern , eiferte Eduard . Aber bei uns , mein Sohn ! wandte seine Mutter ein , ist doch der Zustand der Frauen und der Gesellschaft überhaupt ein ganz anderer . Deshalb scheint mir , Du übertreibest den Nachtheil , den Theater und dergleichen auf junge Gemüther ausübt , und wir Deutschen können unseren Töchtern ruhig diese