, so sah sie darin eine neue Schuld , eine Schuld , die sie gar nicht verzeihen konnte , und als Wunsch und Segen noch ausblieben , da war es ihr , als sei zwischen ihr und Christen ein weiter und tiefer Graben , über den keines Menschen Fuß kommen könne , zu keinen Zeiten mehr . Manchmal war es ihr , als müßte sie reden , als sei alles gefehlt , wenn sie einmal in Groll und Ärgernis niedergegangen und die Sonne darüber aufsteigen ließen ; aber solche Regungen wurden immer wieder unterdrückt durch den trotzigen Mut , daß sie einmal zeigen müsse , sie nehme nicht alles an , wolle nicht alles ausbaden , was Andere angerichtet , lasse nicht mit sich umgehen , als ob sie ein Waschlumpen wäre oder als wäre sie mit leeren Händen gekommen . Selbe Nacht kam kein Schlaf in ihre Augen , aber auch keine Reue in ihr Herz . Als kaum der Morgen graute , stund sie auf , nur um Christen nicht etwa » Guten Tag gebe dir Gott « wünschen oder ihm auf seinen Wunsch danken zu müssen . Und das war wiederum der erste Tag , den sie ohne Wunsch und Segen begannen . Trübselig und wortlos verstrich er , und als der Abend kam , da legte zuerst Christen sich nieder . Ihn verlangte nach der Stimme seiner Frau , die er den ganzen Tag über nicht gehört , und es war ihm unwohl dabei geworden , denn sie war ihm lieb und er hatte die Rechnung gemacht , daß wenn sie schon gegen die Armen viel zu gut sei und mit ihnen viel unnütz verbrauche und das Lumpengesindel ziehe wie Zucker die Fliegen , so sei sie doch sonst sparsam und arbeitsam und er könnte leicht eine haben , mit welcher er viel böser zweg wäre , und es hätte jeder Mensch etwas an sich , das zu scheuen wäre , aber der eine minder , der andere mehr . Er wollte diesmal reden ; ds Tublen trage nichts ab , und bald dreißig Jahre seien sie im Frieden bei einander gewesen , für den Rest wollten sie keinen neuen Brauch anfangen . Änneli kam , betete , aber betete leise für sich alleine . Wenn Christen ihr nicht » Gute Nacht « wünschen möchte , so wüßte sie nicht , warum sie für ihn beten solle , so dachte sie . Und Christen wartete sehnlich auf das Beten , wollte nachbeten ; als aber kein lautes Wort kam , als Änneli ohne Wunsch sich zum Schlafen legte , da wußte er fast nicht , wie ihm war . Daß er gestern ohne Segen sich gelegt , dachte er nicht , nur an das , was Änneli jetzt tat . So , ist das so gemeint , sagte er zu sich selbst , so kann ich auch anders sein , warte du nur ! So von einem Fraueli lasse ich mich noch nicht kujonieren , dafür bin ich nicht auf der Welt , und für was wäre ich der Mann , als für zu sagen , wie es gehen solle , und wenn du tublen willst , so tuble meinethalb so lange du willst , einmal ich frage dich nicht , was du habest . So stieg das Feuer auch in Christen auf , und wie es bei langsamen Naturen der Fall ist , um lange zu bleiben . Änneli aber hatte erwartet , Christen werde fragen , warum sie nicht bete , dann wolle sie ihm so recht auspacken . Als nun Christen nicht fragte , nichts sagte , da dachte sie bei sich selbst : He nun so dann , wenn du es so haben willst , so habe es , aber daß du so ein Wüster wärest und daß du mich so wenig lieb hättest , das hätte ich nicht geglaubt , und nicht viel fehlte , es wäre ein heftiges Weinen über sie gekommen , so voll ward ihr auf einmal das Herz . Aber Zorn ward Meister und trieb , was im Herzen war , als heiße Dämpfe in den Kopf hinauf . So begannen Beide erbittert die Nacht , standen am folgenden Morgen wortlos auf , und eine traurige Zeit begann für das Haus . Sobald ein Groll im Herzen bleibt und sich setzet , wird dieses Herz selbstsüchtig . Sein Gesichts- oder vielmehr Gefühlskreis verengert sich . Wie die Spinne nur die Fliegen zu erfassen vermag , welche in den Bereich ihres Netzes kamen , so vermag der Groll nur die Dinge zu empfinden , welche ihn berühren ; alles andere ist für ihn gar nicht in der Welt , er sieht es nicht , er riecht es nicht , und naht es sich fühlbar , so stößt er es zornig zurück . Wo in einem Herzen die Harmonie zerstört wird und ein Gefühl die Oberhand gewinnt , da trittet Beschränktheit ein , und wie Archimedes , in seine Berechnungen vertieft , die Einnahme seiner Vaterstadt nicht gewahrte , so fasset ein so recht innig Grollender es kaum , wenn sein eigen Haus brennt , und ein hart Leidender es kaum , wenn tausend Andere in seiner Nähe wimmern und webern würden . Redet mit einem Liebenden von Brand und Wassernot , die Tausende unglücklich gemacht , um so mehr freut er sich seines Glückes , wenn euch nämlich hört . Redet einem Mißvergnügten von einer glücklichen Ernte , welche der Not von Tausenden ein Ende gemacht , er verflucht den Segen Gottes , weil er Andere zufrieden gemacht . Redet einem Zornigen von der Sanftmut unseres Herrn , so gibt er euch eine Ohrfeige , wenn er nämlich fasset , was ihr redet . Laßt einen Regenten eitel sein , so benutzt er den Staat ungefähr wie eine Dame ihr Schmuckkästchen ; die Folgen sieht er nicht , wie nahe sie auch liegen , und zwischen monarchischen und republikanischen Regenten ist hierin kein anderer Unterschied als zwischen einem