ahnete , und alles allegorisch und theosophisch auslegte . Sie gab meinem Vater ihr Jawort , nicht aus Liebe zu ihm , wie sie ihm bei der Verlobung offen sagte , sondern aus Achtung für den Großvater . Über diese Ehe darf ich mich nicht ausprechen . Sie birgt Geheimnisse , die wieder tief in andre Geheimnisse meines tiefsten Seins verflochten sind , und welche mit mir zu Grabe gehen werden . Nur so viel mag ich Ihnen vertrauen : Eine Ehe aus Achtung für den Vater des Gatten ist für diesen die unglückseligste unter den unglückseligen Ehen . Die unglückliche Ehe aus Delikatesse von Schröder bedeutet gar nichts dagegen , und Die Heirat durch ein Wochenblatt gründet ein Paradies , mit der Achtungsehe verglichen . Theophilus , Freiherr von Münchhausen ( so heißt der Mann , welcher vor der Welt mein Vater heißt ) , ergab sich ganz den ernstesten Studien , nachdem es ihm im Leben und in der Ehe so äußerst schlecht gegangen war . Er wurde ein großer Wassertrinker , und ich habe ihn , während ich in Bodenwerder verweilte , nur dreimal lächeln sehen . Meine früheste Jugend verlebte ich durch eine seltsame Verkettung von Zufall , Schickung und Leidenschaft unter dem Vieh , und zwar bei einer Ziegenherde am Öta . Was ich da erfahren , will ich Ihnen späterhin erzählen , für jetzt nur so viel , daß ich meine Knabenjahre , abermals durch eine seltsame Verkettung von Zufall , Schickung und Leidenschaft im väterlichen Hause zubringen durfte . Da trieb ich denn nun alles und jedes mit dem Manne , dem ich , die Geheimnisse mögen nun sein , welche sie wollen , doch immer meine Tage verdanke . Vormitags : Philologie , Geographie , Alchimie , Technologie , Spezialhistorie , Generalhistorie , Physik , Mathematik , Statik , Hydrostatik , Aerostatik ; nachmittags : Literatur , Poesie , Musik , Plastik , Drastik , Phelloplastik , gemeinnützige Kenntnisse ; abends : Gymnastik , Hippiatrik , Medizin , insonderheit Anatomie , Physiologie , Pathologie , Semiotik , Biotik , Materia medica ; nachts repetierten , experimentierten , disputierten wir . Bei diesem Lehrplane konnte ich allerdings manches aufschnappen . « » Und wann schliefen Sie ? « fragte das Fräulein . » Hin und wieder eine Viertelstunde bei den leichteren Doktrinen « , versetzte der Freiherr . » Ich war Schnellschläfer , wie man Schnelläufer hat . In wenigen Minuten konnte ich den Gehalt von Schlafstunden gewöhnlicher Menschen zusammendrängen . Von Schlaf kann überhaupt für jemand , der sich auf der Höhe des Jahrhunderts halten will , nach der großen Ausdehnung , welche die Wissenschaft gewonnen hat , heutzutage wohl nicht mehr viel die Rede sein . - Neben dieser intellektuellen Bildung , die ich auf Bodenwerder erhielt , wurde mein Charakter , mein Gemüt nicht verabsäumt . Ganz besonders brachte mir mein sogenannter Vater den heftigsten moralischen Widerwillen gegen das Lügen bei , weil der Großvater durch dieses Laster das ganze Familienglück zerstört hatte . Er folgte in manchen Dingen seinen eigenen Grundsätzen , mein sogenannter Vater , und hielt erstaunlich viel auf die Gewalt der ersten sinnlichen Eindrücke in der Jugend . Ich bekam daher alle Sonn- und Feiertage eine allegorische Figur der Wahrheit , aus Honigkuchenteig gebacken , zu verzehren , nämlich , eine unbekleidete Person , die Augen zwei Rosinen , die Nase eine Bamberger Pflaume , auf der Brust eine Sonne von Mandelkernen . Hatte ich nun diese Allegorie mit Wollust verspeiset , so wurde mir dabei unaufhörlich wiederholt : Süß , wie der Honigkuchen , ist die Wahrheit . Wenn ich mir aber den Magen verdorben hatte , und Rhabarber einnehmen mußte , so hieß es im einschärfendsten Tone : Das ist der bittre Trank der Lüge . Die Richtigkeit der Methode bewährte sich an mir . Ich bekam wirklich einen unbesieglichen Abscheu gegen das Lügen und kann wohl sagen , daß aus meinem Munde nie ein unwahres Wort gegangen ist , mit einer einzigen Ausnahme , die aber sofort sich bitter an mir rächte . Lange Zeit konnte ich der Wahrheit oder gewisser Wahrheiten nicht denken , ohne daß mir Honigkuchen , Rosinen und Mandelkerne und Bamberger Pflaumen einfielen , endlich erhob ich mich freilich zu gereinigteren Vorstellungen . Was aber die einzige Lüge meines Lebens , und ihre Folgen betrifft , so ging es damit folgendermaßen zu . Ich sitze eines Tages in meinem Zimmer am Schreibepult , und habe eine sehr notwendige Arbeit vor . Der Bediente meldet mir einen Besuch . Geh hinaus , sage ich , ich wäre nicht zu Hause . Der Herr wäre nicht zu Hause , sagt er draußen . Sowie der Mensch seine Botschaft ausgerichtet hat , und ich höre , daß mein Besuch abzieht , spüre ich eine Unruhe , die mich am Pult nicht weilen läßt ; ich muß aufspringen , es wird mir heiß , es wird mir kalt , jetzt wird mir so , dann wird mir so ; der Rhabarber fällt mir ein aus meinen Jugendjahren und dessen allegorische Deutung , die Phantasie tritt in ihre ungeheuren Rechte , die geheimen Bezüge zwischen Seele und Leib fangen an zu ziehen , immer wesenhafter , kreatürlicher wächst die Idee des Rhabarbers in mir , bald bin ich vom Kopf bis zur Fußzehe jeder Zoll Rhabarber , die Natur folgt der Vorstellung , das Übel bricht aus - - Sie erraten das übrige ! - Die Folgen meiner Lüge , durch Rhabarber-Allegorie-Erinnerung bedingt , treten mit einer Stärke auf , vor welcher die Wissenschaft scheu zurückweicht . Vierundzwanzig Ärzte gab es in der Stadt ; alle kommen nach und nach zu der leidenden Kreatur . Vierundzwanzig Ansichten werden laut , Vierundzwanzig verschiedene und entgegengesetzte Mittel werden verordnet . Der erste hält die Krankheit für eine Schwäche , der zweite für Hypersthenie , der dritte für eine neue Form der Schwindsucht . Der vierte verschreibt Sinapismen , der fünfte Kataplasmen , der sechste Blähungen ;