doch löste sich dieser Ernst bald in Liebe und Güte auf . Du hast Recht , Emilie , sagte sie , ich habe Dir Unrecht gethan , schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekränkt worden , und Deine Sanftmuth hat mir immer mit Liebe erwiedert . Du hast Recht , diese Ungerechtigkeit entspringt aus einer gequälten Seele , aus einem von tausend Qualen zerrissenen Herzen ; aus Erinnerungen an Leiden , die ich nicht vertilgen kann und nicht mittheilen will . Vergieb mir , Emilie , daß ich Dir wehe gethan habe , und statt ein Kind , das ich mir zu plagen erlaubt habe , wirst Du mir künftig eine Freundin sein , an deren Brust ich über meinen Kummer weinen kann ; nur frage mich nie um diesen Kummer . Sie breitete , indem sie dieß sprach , ihre Arme aus und drückte Emilie mit Liebe an die Brust , die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit erwiederte . Nach diesen Erklärungen bat die Gräfin ihre junge Freundin , sie einige Zeit allein zu lassen , daß sie sich zu sammeln vermöchte , und Emilie war verwundert , als nach einer Stunde die Gräfin im Gesellschaftszimmer zur Theezeit erschien , zwar noch blaß und matt , aber im Aeußern vollkommen ruhig . Sie nahm an allen Gesprächen Antheil , und sprach mit Geist und Feuer über Musik und Poesie , als die Unterhaltung sich dahin lenkte , und bat zuletzt Emilie , viele ihrer Lieblingslieder zu singen , wozu der Graf bereit war zu accompagniren , so daß der Abend viel heiterer zugebracht wurde , als sich nach einem so stürmischen Tage erwarten ließ . V Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten , ohne daß auf dem Schlosse etwas Merkwürdiges vorgefallen wäre . Der Verwundete besserte sich langsam , aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden , um nicht die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen . Die Nachforschungen des alten Dübois waren fruchtlos gewesen , denn es schien , daß man den jungen Mann nach seinem Falle beraubt habe , weil eben so wenig ein Taschenbuch , als Geld oder Uhr oder irgend eine Sache von Werth in seinen Kleidern gefunden wurde . Der Graf hatte dem Haushofmeister aufgetragen , den jungen Mann mit Wäsche , Kleidern und Allem , was er bedürfen würde , zu versorgen , und man mußte nun abwarten , bis er selbst Aufschluß über sein Schicksal geben könnte . Der Pfarrer war mehreremale auf dem Schlosse gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen ; der Kranke durfte nicht sprechen , der Arzt wußte nichts anders , als seine Begebenheiten , seine Erfahrungen , seine Empfindungen mitzutheilen , und die Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen . Alles , was der Pfarrer in Bezug auf das Ereigniß hatte in Erfahrung bringen können , war , daß feindliche Reiterei in der Entfernung von einigen Meilen passirt sei , was wenigstens möglicher Weise in Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte , aber die Nachrichten die er darüber erhalten , waren dunkel , da sie ihm ein wandernder Krämer mitgetheilt hatte , der sie wieder von Bauern erfahren haben wollte . Es blieb nach vielen vergeblichen Versuchen dem Pfarrer nichts anders übrig , als sich so gut wie alle Andern in Geduld zu fügen . Der Baron Löbau , Erbherr auf Heimburg , wie er sich gern nennen hörte , war ebenfalls auf dem Schlosse gewesen , um der Gräfin , wie er sagte , seine Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglücklichen zu erkundigen , dessen Pflege der Graf , wie er nachdrücklich bemerkte , aus Menschenliebe übernommen habe ; man fülte , er wollte , indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte , doch zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern . Der Baron Löbau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals die feinsten Sitten zu eigen gemacht , Neigung für das Landleben bestimmte ihn , sich früh zurückzuziehn und diesem sich zu widmen ; obgleich er nun aber ein höchst thätiger Landwirth geworden war , so hatte er dessen ungeachtet nicht seine Ansprüche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben , hatte er auch seit mehr als dreißig Jahren diese glänzende Bühne , auf der er sich in früher Jugend hatte versuchen wollen , nicht mehr betreten . Er dachte nicht daran , daß auch über das Betragen die Mode herrsche , und zweifelte keinen Augenblick daran , daß , was zu seiner Zeit als fein , galant und artig angesehen worden , auch noch jetzt so betrachtet werden müsse . Er hielt sich für einen Philosophen , weil er das Landleben liebte , für einen Hofmann , weil ihm auch Gesellschaft angenehm war , für einen Gelehrten , wenigstens für einen sehr gebildeten Mann , weil er einige Bücher gelesen hatte , für einen Kunstkenner , weil er einige schlechte Bilder und einige höchst mittelmäßige Kupferstiche besaß , für einen Staatsmann , weil er alle Rechte genau inne hatte , die sich auf die Provinz , in der er lebte , und auf seine besondern Verhältnisse anwenden ließen . Er gefiel sich in seiner Würde als ein bedeutender Gutsbesitzer , von dem viele andere Personen abhängig waren . Er war bei diesen unschuldigen Thorheiten gütig , dienstfertig , wohlwollend und dennoch weniger geliebt , als er es verdiente . Wenige Menschen gaben sich die Mühe , seinen Charakter genau kennen zu lernen , und beinah alle seine Nachbaren fühlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels an Aufrichtigkeit . Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkührlich zu , denn bei seiner leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf ihn , und da er so viele Neigungen in sich vereinigte , so schloß er sich allemal unwillkührlich mit seiner Höflichkeit und Verehrung dem Repräsentanten eines Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an , der in der Gesellschaft eben am Glänzendsten erschien ; so huldigte er