Polarität , die ihn hin und her zieht , Herr wird , ohne , wie Don Juan und Faust , mit einer tragischen Zerstörung seiner Natur zu endigen . Ich habe schon früher angedeutet , wie der Weltmensch in Casanova transcendent wird ; und wo die transcendente Höhe der Don Juan-Mythe anhebt , auf der sie mit Geisterflügeln in die andere Sphäre des Daseins hinüberschlägt , brauche ich nicht erst auseinanderzusetzen . Wie aber Jean Jacques Rousseau damit endigt , womit Jean Jacques Casanova angefangen hat , so greift auch die Mythe von Faust mit einer schneidenden Zuckung in den Don Juan hinüber , und über den dunkeln Tiefen des Geistes , aus denen der Sehnsuchtsschmerz einer ganzen Menschheit heraufklagt , tummeln sich mit Carnevalsleichtsinn die lachenden Sinne . Casanova aber war eine feste Gestalt der Welt , eine auf dem Grunde seiner Zeit sich ausprägende Figur , ein Mann der Wirklichkeit . Er war zu sehr ein Mann klarer und scharfer Wirklichkeit , als daß er an jene geheimnißvollen mythisch-diabolischen Elemente des Daseins jemals hätte verfallen können . Er lebte den Don Juan von ganzem Herzen aus sich heraus , aber er war zu klug und gewandt , zu kräftig und geistig vornehm , um damit zugleich das Gut seiner Seele an den Teufel zu verschleudern . Er besaß Ironie genug , um sich über den Teufel zu stellen , den er in einem fortwährenden Respect gegen sich erhielt . Die Weltsünden wurden ihm Gedankenstoff , wie ich gesagt habe . Aber dieser Gedankenstoff trieb ihn in die philosophische Speculation , in die Metaphysik und Mystik , die Chemie und Alchemie , und zuletzt sogar in die Kabbala hinein , wovon einige seiner Schriften , die er noch selbst hatte drucken lassen , hinlängliche Proben abgeben . Und so ward auf der andern Seite seines Don Juan in ihm der Faust mächtig . Doch dieser Mythus hatte wieder nicht tief genug in seinem Herzen geblutet , um ihn verzweifeln zu lassen . Auch der Faust konnte ihn nicht an den Teufel überliefern . Der Mann der Wirklichkeit war wieder zu klug und zu stark , um sich die Kabbala über den Kopf wachsen zu lassen , und das Stückchen Voltairescher Atheismus , mit dem sich sein Witz zuweilen Bewegung machte , und mit dem er es im Grunde nie ernstlich gemeint , vermochte ihn vollends nicht um seine Seeligkeit zu bringen , weil Casanova am Ende doch noch witziger war , als Voltaire . Aber wie Faust in die Tiefen des Weltgeistes hineingestrebt hatte , wie er liebesbrünstig nach Vereinigung und Einheit mit demselben gerungen , so kann man von Casanova sagen , daß er , gleich einem indischen Gott , der sich in tausendfache Formen der Weltmaterie verwandelt , so alle nur möglichen Gestaltungen und Wandlungen der äußeren Weltformen an sich erlebt und mit denselben eins gewesen ist . Kaum ein Stand , ein Weltverhältniß , eine Beziehung der menschlichen Gesellschaft , worin man nicht Casanova eine Zeitlang heimisch und angesessen erblickt . In seiner Jugend war er Rechtsgelehrter gewesen , hatte über Testamente geschrieben , und , obwohl der Sohn einer umherabenteuernden Schauspielerin , in den vornehmsten Gesellschaften und bei den schönsten Damen Venedigs Glück gemacht . Dann fing er auf Einmal an zu predigen , bahnte sich Aussichten zu den höheren geistlichen Würden , machte dumme Streiche , und wurde Soldat . Hierauf abwechselnd Militair , Glücksritter , Spieler , Gelehrter , Musiker , Wunderdoctor , diplomatischer Agent , Freund und Gesellschafter der ausgezeichnetsten und berühmtesten Personen seiner Zeit , lebte und handelte er in diesen Eigenschaften bald in Deutschland , bald in Frankreich , bald in Konstantinopel , bald in Paris , bald in Rom , bald in Petersburg , in Riga und in der Schweiz , in Warschau und in Neapel , in Madrid und London , und sollte in Berlin sogar zum Director der Kadetten-Anstalt gemacht werden , was er nicht einmal annahm . Wo er wollte , sehen wir ihn in der glänzendsten Gesellschaft sich bewegen , mit den merkwürdigsten Männern auf vertrautem Fuße umgehn , die sachkundigsten Gespräche führen ; und wo er nicht wollte , ist er nicht minder interessant , wenn er der spanischen Schuhmachertochter in die Messe nachschleicht , oder wenn es ihm auf Einmal einfällt , in Venedig als armer Violinspieler zu leben und in nachdenklicher Einsamkeit seine Geige zu streichen . Dann gefiel er sich wieder in philologischen Beschäftigungen , übersetzte die Iliade des Homer in italienische Stanzen , trieb Politik und Geschichte , war Alterthumsforscher , und vertauschte die Reize junger Frauen mit den Reizen alter Bücher . Seine Belesenheit war unglaublich , und er hatte mindestens eben so viel Bücher aller Sprachen gelesen , als Mädchen aller Nationen geliebt , und wie er sich für die Schönheiten des weiblichen Geschlechts eine eigene mühsame Geschmackslehre , gebildet , so hatte er auch in der Aesthetik selbst manche neue Entdeckung gemacht , und z.B. in seiner Uebersetzung des Erebillon ' schen Radamist zuerst den französischen Alexandriner in die italienische Sprache eingeführt . Er besaß ein ungeheueres Gedächtniß , und wußte die meisten Dichter seiner Nation auswendig ; er war ein großer Mathematiker und stellte tiefsinnige Calcüls der höhern Analyse an . Mit den Waffen in der Hand geschickt , auf dem Kampfplatz und in Ehrensachen muthig und unerschrocken , dort Mars und hier Adonis an den Toilettentischen der Damen , im Ballsaal graziöser Tänzer , im Laboratorium erfahrener Chemiker , auf der Landstraße Ehrenretter bedrängter Frauenzimmer , im Walde Schatzgräber , am Schmelztiegel Goldmacher , in den magischen Kreisen der Kabbala Eingeweihter , an der Pharaobank ein unüberwindlicher Feldherr , wer zweifelt noch , daß in ihm das perpetuum mobile der menschlichen Physik gefunden worden sei ? Am meisten aber ist an ihm dies zu bewundern , daß er sich selbst nie zum Ekel geworden . Doch die Stärke seines Geistes , die Frische seiner Organe , die Dauer seines Charakters im Wechsel der Formen ,