des Singvereins Gelegenheit , Vicktorinen zum erstenmal im vollen Glanze zu erblicken . Schon bei ihrem Eintritte in den Saal hörte er jenes leise Flüstern der Bewunderung , den höchsten Triumph der Schönheit , ihr entgegen rauschen , so wie die Wipfel des Waldes sich flüsternd regen wenn die Sonne aufgehen will . Dieser schmeichelhafte Ton begleitete sie durch die lange Reihe der größtentheils schon versammelten Gesellschaft , so wie sie durch den Saal hingieng und verkündete in ihr schon im Voraus die Königin des Festes . Raimunds Blick hieng unabwendbar an ihr und belauschte jede ihrer Bewegungen . Noch nie war ihm ein weibliches Wesen von so blendendem Reitze erschienen ; ja er glaubte Vicktorinen selbst so zauberisch schön noch nie gesehen zu haben . Ihr sehr reicher Anzug trug , bei aller darin herrschender Pracht , dennoch das Gepräge edler kunstloser Einfachheit . Jugendliche Freude leuchtete aus ihren Augen , aus dem süssen Lächeln des lieblichen Mundes und verschönte sie unbeschreiblich . So stand sie in höchster Unbefangenheit da , mitten im dichten Kreise ihrer Bewunderer , lachte mit Diesem , scherzte mit Jenem , und betrug sich völlig wie Jemand welcher der Huldigungen zu gewohnt ist , um darauf noch grossen Werth legen zu können . Alle , die sich durch nähere Bekanntschaft nur einigermassen dazu berechtiget glaubten , drängten sich in ihre Nähe ; die elegantesten jungen Herren nahten sich ihr ehrerbietig , als wäre sie eine Fürstin , um einen Tanz von ihr zu erbitten , und jeder beneidete den Glücklichen , dem sie einen zusagte . Sogar die andern Mädchen suchten eine Ehre darin , mit Vicktorinen vertraut zu erscheinen , denn es fiel keiner ein , mit ihr wetteifern zu wollen , und alle liebten sie wegen ihrer anspruchslosen , immer gleichen Freundlichkeit . Raimund sah aus einiger Entfernung dem Gedränge um Vicktorinen zu , und das Herz that ihm dabei weh , er wußte nicht warum ? Er versuchte es , dieses bange Gefühl sich als Mitleid mit dem holden Wesen auszudeuten , das , so umgauckelt , am Ende doch wohl zu Grunde gehen müsse ; doch fühlte er bei alle dem auch die Unmöglichkeit , ihr den ihr gebührenden Tribut der Bewunderung zu versagen . Der Tanz begann , und gleich einer Göttin , von ihren Nymfen gefolgt , schwebte Vicktorine am Arm eines fremden Prinzen , der sich unter den anwesenden Gästen befand , dem glänzenden Reigen voran . Alle tanzten , nur ein einziges Mädchen blieb unaufgefordert an ihrem Platze ; ein junges blödes Kind , das niemand kannte , und dessen beinahe zu einfacher , etwas altmodischer Putz schon von Manchen bespöttelt worden war , weil er gegen die Eleganz der übrigen Tänzerinnen gar zu auffallend abstach . In der peinlichsten Stellung , mit hochglühenden Wangen , saß die Verlassene da , mit der noch niemand eine Silbe gesprochen hatte ; aus den unschuldigen Augen strahlte das glühendste Verlangen , an der allgemeinen Jugendlust ebenfalls Antheil nehmen zu können , und zugleich zuckte ängstliche Verlegenheit um den kindlichen Mund , als ob die Arme sich bemühe Thränen zurück zu drängen , die das Gefühl des Zurückgesetztwerdens ihr eben auszupressen im Begriff war . Raimund nahm an diesen und einigen folgenden Tänzen nicht Theil . In eine Ecke des Zimmers hingelehnt , verfolgte er jede Bewegung Vicktorinens mit seinen Blicken , und sah zu seinem Erstaunen , wie diese gleich in der ersten Pause dem unbekannten Mädchen sich nahte , ein Gespräch mit der augenscheinlich Verlegnen anknüpfte , sich eine kleine Weile zu ihr hinsezte , dann , wieder aufstehend , ihren Arm ergriff , und einigemal mit ihr im Saal ' auf und abgieng . Im Gewühle der Gesellschaft verlor er indessen beide bald aus dem Gesicht , und schon begann der böse Argwohn sich in seinem Gemüthe zu regen : als ob Vicktorine , im Übermuthe des Bewustseins ihrer alles besiegenden Schönheit , mit dem unscheinbaren Mädchen vielleicht ein unwürdiges Spiel treibe und es als Folie mit sich herumführe , um dadurch den Glanz ihrer eignen Erscheinung zu erhöhen . Da rief plötzlich eine sanfte Stimme seinen Namen und weckte ihn aus seinen Träumereien . Er fuhr auf , blickte um sich und dicht neben ihm stand Vicktorine und sah ihn freundlich bittend an . » Ich möchte Sie wohl um einen Ritterdienst ansprechen , denn Sie sehen mir ganz darnach aus , als ob Sie mir ihn nicht abschlagen würden , « sagte sie mit unbeschreiblicher Anmuth , aber doch ein wenig erröthend . » Ich möchte Sie bitten , « fuhr sie fort , » den nächsten Tanz mit jener jungen Dame zu tanzen , die eben mit mir durch den Saal gieng . Sie ist der Gesellschaft unbekannt , und unsere jungen Herren sind sämmtlich unartig genug , sie dies empfinden zu lassen . « Raimunds frohes Erstaunen bei dieser unerwarteten Anrede erlaubte ihm nicht viel Worte zu machen . Er eilte , vor allen Vicktorinens Wunsch zu erfüllen , und nahte sich ihr dann wieder , um von ihr zu erfahren , wer das junge Mädchen sei , dessen sie so eifrig sich annahm . » Ich kenne sie eben so wenig als Sie sie kennen , « gab Vicktorine ihm ruhig und einfach zur Antwort . » Indessen sie ist hier fremd , und da ich sie so ganz verlassen da sitzen sah , kam mir der Gedanke : wie mir zu Muthe sein würde , wenn mir einmal etwas ähnliches wiederführe . Da war es denn doch natürlich , daß ich nicht eher ruhen konnte , bis ich sie tanzen sah . « » Aber wie war es möglich , daß Sie , gerade Sie mein Fräulein , sich eine solche Möglichkeit nur denken konnten ? « fragte Raimund . » Und warum sollte ich dies nicht können ? « erwiederte ihm Vicktorine . » Jene alte menschliche Sitte , dem Fremdling freundlich entgegen zu treten , weil Fremdsein doch