Wochen nach der Catastrophe , die Erna ' s Herz brach , rollte der schwer beladene Reisewagen bereits mit ihr dem freundlichen Süden zu . Die Generalin blickte weinend ihrer alten Freundin nach . War es die Ahnung , daß sie sie niemals wieder sehen werde , war es ein innerer Vorwurf , daß ihr voreiliger Wunsch , Erna zum Schutzgeist ihres Brudersohns zu weihen , die Veranlassung so herben Kummers für diese und ihre Mutter geworden war , und sie selbst des liebsten Umgangs beraubte - genug sie konnte sich der tiefsten Traurigkeit nicht erwehren . Nach reiflicher Ueberlegung , und genauer Prüfung des Vorgefallenen , das schmerzlicher noch in Erna ' s Thränen , als in Augustens Mit heilungen sich aussprach , glaubte sie ihren Neffen richtig zu beurtheilen , wenn sie meinte , er habe , um sie nicht zu erzürnen , scheinbar in ihr Verlangen eingehn wollen , habe in der Langenweile seiner einförmigen Lebensweise bei ihr wirklich für eine kurze Zeit befriedigende Unterhaltung im Wahrnehmen der ihm so neuen , himmlischen Unschuld Erna ' s gefunden - endlich aber wie ein wildes Roß nach zügelloser Freiheit sich sehnt , und Zaum und Gebiß flieht , die immer leiser sich zuziehende Schlinge eines ernster werdenden Verhältnisses durch einen Gewaltstreich zerreissen wollen , indem er Gesinnungen äußerte , von denen er wußte , sie würden ihn der frommen Erna entfremden . Er gewann jedoch keineswegs dadurch in ihren Augen , daß sie ihn sich eigentlich besser dachte als er selbst sich darzustellen bemüht gewesen war . Weit lieber hätte sie ihn als einen Verirrten beklagen , wie als einen Heuchler verachten mögen . Die kleinliche List , mit der er die Folgen seiner herzlosen Annäherung zu vertilgen suchte , und das leichtsinnige Spiel , das er mit einem der besten Mädchen getrieben , wandten in gerechtem Unmuth ihre Neigung von ihm ab , und sie gewann es nicht über sich während des kurzen Rests ihres Lebens , ihn , als ihr diese Ansicht völlig klar geworden war , je wieder eines freundlichen Worts zu würdigen . Seine Briefe blieben stets unbeantwortet , und kein Zeichen ihres Seyns und ihrer Theilnahme an seinem Geschick suchte , wie sonst , ihn in der Ferne zu erfreuen . Sie traf jedoch , um das Andenken eines geliebten Bruders auch noch in seinem unwürdigen Sohne zu ehren , keine Anstalten , ihn das Vermögen zu entziehen , das nach ihrem Tode die Gesetze ihm , als ihrem nächsten Erben zuerkannten , und zwei Jahre nachher setzte ihn ihr sanftes Hinscheiden in den freien und rechtmäßigen Besitz desselben . Zweites Buch I Fröhlich war Alexander in die Residenz zurückgekehrt , sich seiner gewohnten Lebensweise um so freudiger hingebend , da er die Genüsse , welche sie ihm bot , so lange hatte entbehren müssen . Oft lächelte er triumphirend bei sich selbst , wenn er bedachte , wie gut es ihm gelungen sei , eine offenbare Weigerung gegen die Absichten seiner Tante zu vermeiden , und die Schuld ihres vereitelten Plans von sich ab , auf Erna zu wälzen , deren Unerfahrenheit nur allzuleicht in die Falle gegangen war , die er ihr gestellt hatte . Oft aber auch , und zwar mehr im Traum , als im wachenden , durch das Gewirr bunter Vergnügungen stets vom Nachdenken abgezogenen Zustande , verfolgte ihn das Bild des bleichen Mädchens , das es so gut mit ihm gemeint , das mit der ganzen Kraft eines noch völlig reinen Herzens , mit dem ganzen Feuer der ersten süß verschämten Liebe ihn geliebt hatte . Stillen Vorwurf und tiefen Kummer in ihren Mienen trat sie dann vor ihn , ihn durch ihren Anblick an das Unrecht zu mahnen , das er an ihr begangen , und ihm war in solchen Momenten , als könne er den reinen , strafenden Blick ihres frommen Auges nicht ertragen . Zuweilen auch störte ihn die Erinnerung mitten in dem Gewühl rauschender Freuden , indem sie unwillkührlich ihm die Scene zurückrief , wo er im Walde vor ihr knieete , sie blaß und blutig , und dem Schein nach leblos , vor ihm lag , und er in Todesangst um sie , das in den Quell getauchte Tuch um ihre verletzte Stirne schlang . Dann drang noch einmal wie ein Strahl von oben der erste Blick ihres dem Leben sich wieder öffnenden Auges in seine Seele , wie es - den Himmel in sich tragend , und eine Welt von Empfindungen aussprechend - so voll inniger Tiefe an dem seinigen hing . Ach - damals war es ihm wohl gewesen , als spräche eine leise Regung für sie in seinem Herzen - aber , seine Abneigung vor den Fesseln der Ehe , sein gränzenloser Hang zur Ungebundenheit und sein Leichtsinn hatte schnell wieder dies bessere Gefühl erstickt , und ihn überredet , es sei nur eine Aufwallung des Mitleids , durch die Gefahr erregt , in welcher er sie erblickte . Als durch den Tod seiner Tante ihm ihr ganzes , sehr bedeutendes Vermögen zufiel , hätte es die Lage der Dinge , und sein Vortheil wohl erfodert , daß er persönlich Besitz von ihrer Hinterlassenschaft genommen hätte . Aber er scheute sich die Gegend wieder zu sehen , wo , wie er glaubte , Erna athmete - auch konnt ' er sichs nicht verhehlen , daß seine Tante unzufrieden mit ihm aus der Welt gegangen sei , und da es zu den Gesetzen seiner Lebensphilosophie gehörte , sich alle unangenehmen Gemüthsebwegungen zu ersparen , so übertrug er alles was ihm oblag , einem Rechtsgelehrten , und folgte nach wie vor dem Strome , der ihn in die wilden Wirbel der Zerstreuungen zog . Doch , wie selbst tiefere Eindrücke allmählich von der Hand der Zeit verwischt werden , so schwand im Rausche seines wüsten Lebens auch nach und nach jeder leise Vorwurf , den das Andenken der Vergangenheit ihm machte , und immer seltener und immer gleichgültiger nahte ihm Erna