ohne Zeitverlust auf sie einzubrechen . Der natürlichste Weg , aus dieser Verlegenheit herauszukommen , war der , sich an ihren so dienstfertigen und zu Diensten dieser Art durch sein Ehrenwort sogar verpflichteten Freund zu wenden ; auch konnt ' es kein Hinderniss für sie seyn , dass die Entdeckung ihrer Noth in der That nur eine versteckte Bitte um thätigen Beistand war : denn niemand wusste so gut als Herr Stark , dass bei den Vorschüssen , die er ihr etwa machen könne , nichts zu verlieren stehe . Sie setzte sich also nieder , ihn um seinen , freundschaftlichen Rath zu ersuchen ; allein sie brachte kein Wort aufs Papier : ein noch nie gefühlter , unüberwindlicher Widerwille zwang sie , von ihrem Schreibtische wieder aufzustehen . So ging es ein , so ging es mehrere Male . Endlich fiel natürlicher Weise die Aufmerksamkeit der Witwe von ihrer äussern auf ihre innere Lage ; sie befragte sich selbst wegen der Ursache eines Widerwillens , den wenigstens ihr Freund durch sein Betragen nicht verschuldet haben konnte , da er immer die Güte und die Gefälligkeit selbst gewesen . Sollte sie die Schuld etwa bloss in ihrer Bescheidenheit , in dem Gefühle suchen , dass es empfangene Freundschaftsdienste sehr schlecht erkennen heisse , wenn man so leichtsinnig bereit sei immer neue zu fordern ? Ihr innres bess ' res Bewusstseyn überzeugte sie , nicht zwar von der Falschheit , aber doch von der Unzulänglichkeit dieser Erklärung . Sie ward endlich zu einem Geständniss genöthigt , welches ihr , so einsam sie war , vor Scham das Blut in die Wangen jagte ; zu dem leisen , unwillkommnen Geständniss : dass sie ihren Freund mit etwas zärtlichem , als bloss freundschaftlichen Augen betrachte , und dass sie nur darum , weil sie ihn liebe , ihm so ungern in ihrer Blösse erscheine . Ihre nach Entschuldigung umherspähende Selbstliebe fand indess den Grund dieser Leidenschaft - die sie zwar aufs äusserste bekämpfen zu müssen einsah - nicht allein verzeihlich , sondern selbst lobenswürdig : dankbare Empfindungen , und mehr noch für die ihren kleinen Waisen erwiesene Liebe und Achtung , als für alle ihr selbst erzeigte grosse , nie zu vergeltende Gefälligkeiten , hatten ein Herz verstrickt , das sich noch immer jeder guten und edlen Empfindung ohne Rückhalt hingegeben hatte . Diese nur eben geendigte Selbstprüfung gab der Miene der Witwe , als Herr Stark hereintrat , eine Schamhaftigkeit und Verlegenheit , ihrem Tone eine Sanftheit und Weichheit , wo durch sie einem Manne , der ihr ohnehin schon so sehr ergeben war , äusserst reizend erscheinen musste . Er forschte nach der Ursache ihres kränklichen Aussehens und ihrer Blässe ; sie schlug voll Verwirrung die Augen nieder : - Er bat , wenn sie irgend einen geheimen Kummer nähre , sich ihm mitzutheilen , und seine Dienste , falls er ihr nützlich seyn könne , nicht zu verschmähen ; sie dankte ihm mit inniger Rührung , aber ohne den Muth zu haben , mit ihrem dringenden wichtigen Anliegen herauszugehen : - Er gestand ihr die Absicht worin er komme , und dass er nichr lange mehr so glücklich seyn werde , ihr seine Dienste persönlich anzutragen ; sie war sichtbar erschrocken , forschte nach den Ursachen eines so unerwarteten Entschlusses , bat ihn , wenn es irgend möglich sei , davon abzustehen , und klagte , da ihr Bitten vergeblich war , mit nassen Augen ihr Schicksal an , das sie , nach so mancherlei harten Prüfungen , nun auch ihres besten , ihres einzigen Freundes beraube . - Ohne Zweifel hatte das unglückliche Verhältniss mit ihrem Gläubiger , aus welchem sie nun durch Herrn Stark herausgerissen zu werden nicht mehr hoffte , oder doch , bei seinen jetzt eintretenden eignen Bedürfnissen , auch nur von fern darauf anzutragen nicht die Dreistigkeit hatte , den grössten Antheil an ihrer Wehmuth ; Herr Stark indessen , der von jenem Verhältniss nicht im mindesten unterrichtet war , konnte unmöglich anders , als ihre Rührung ganz auf Rechnung ihrer innigen Dankbarkeit , ihrer zärtlichen Freundschaft setzen : und durch diesen Irrthum stieg seine eigene Rührung zu einem so hohen Grade , dass er , nach mehrern fruchtlosen Versuchen ein Lebewohl hervorzustammeln , und nach nur Einem , aber desto heissern , Kusse auf ihre Hand , sich eiligst von ihr losreissen musste . Er segnete , indem er auf die Strasse hinaustrat , die schon eingebrochne Dunkelheit , die es ihm erlaubte , unbemerkt hinter seinem Tuche zu weinen . Dann erlauschte er vor dem väterlichen Hause den Augenblick , wo er ungesehen in sein Schlafzimmer entschlüpfen konnte , warf sich , nur halb entkleidet , aufs Bette , und erleichterte sein gepresstes Herz durch Seufzer und Thränen . Er ward von mancherlei zärtlichen Wünschen , von mancherlei schmeichelhaften Hoffnungen bestürmt ; aber endlich gelang es ihm , durch die Rückerinnerung an seine ausgestandenen Leiden , sie alle von sich zurückzuweisen , und dadurch eine Seelenstärke und Entschlossenheit an den Tag zu legen , wie er sie , nach der sonstigen Weichheit seines gar zu guten Charakters , in sich selbst kaum gesucht hatte . Er sprang auf , zog noch diesen Abend den Reisecoffer aus seiner Kammer , öffnete Kasten und Schränke , und belegte alle Stühle mit Wäsche und Kleidungsstücken , um sie am folgenden Morgen beim Einpacken sogleich zur Hand zu haben . Nein ! sagte er , während dieser Arbeit , zu sich selbst : wer nicht die Kraft hat , sich fest und unwandelbar zu entschliessen , der bleibt , was er zu bleiben werth ist : ein Sklave . - Ich habe angefangen ; ich muss hindurch . - Mag es doch mein Vater nun mit Andern versuchen ! Mag er es doch erfahren , was für ein Unterschied zwischen einem Diener und einem Sohn ist ! Mag er es doch erfahren , und mich zurücksehnen so viel er will ! Ich werd ' ihm nicht kommen