Natur so kärglich zugemessen wird , mehr als genug zu thun habe , wenn er nur zu einem hinlänglichen Grade von Kenntniß dessen was allen Menschen zu wissen nöthig und was nicht zu wissen ein großes Uebel ist , gelangen wolle . Er schätzte diese Ueberzeugung um so höher , je mehr Zeit und Mühe sie ihm gekostet hatte , und sie war ' s was seinem Geiste diese Richtung auf das Sittlichgute und überhaupt auf das Nützliche in allen Dingen gab , die er von dieser Zeit an nie wieder aus dem Auge verlor . Indessen fuhr er noch immer fort , die Bildhauerkunst nebenher zu treiben , insofern sie ihm zu Gewinnung seines nothdürftigen Unterhalts unentbehrlich war . Denn es währte ziemlich lange , bis der edle Kriton so viel über ihn vermochte , daß er , um sich aller mechanischen Arbeiten entschlagen zu können , diesem mit ganzer Seele an ihm hangenden Freunde gestattete dafür zu sorgen , daß es ihm für sein übriges Leben nie am Nothwendigen fehlen könne . Auch scheint dieß nicht eher geschehen zu seyn , als nachdem Sokrates in der Kenntniß seiner Selbst so weit gekommen war , daß er seinen innern Beruf , ein Menschenbildner in einem ganz andern und unendlich höhern Sinne zu seyn , nicht länger bezweifeln konnte . Eine der wichtigsten Folgen des Verhältnisses , worin er mit Anaxagoras und Kriton stand , war ( meines Erachtens ) der freie Zutritt in das Haus des Perikles , und die Gelegenheit , die er dadurch erhielt , diesen großen Mann und seine Staatsverwaltung näher kennen zu lernen , und in dieser Absicht auch den Umgang mit der berühmten Aspasia , der Juno dieses Attischen Jupiters ( wie sie der alte Kratinus in einer seiner Komödien nennt ) , sich zu Nutze zu machen . Aus dieser Zeit schreibt sich auch seine Bekanntschaft mit dem berüchtigten Neffen des Perikles , Alcibiades , her , von welchem er schon damals sehr richtig urtheilte , daß er entweder zum Heil oder zum Verderben Griechenlands geboren sey , je nachdem sein guter oder böser Dämon die Oberhand über ihn gewinnen würde ; und diese Ueberzeugung allein war es , was ihn bewog , sich unter die erklärten Liebhaber , von welchen dieser so viel Gutes und Böses versprechende Jüngling beständig umgeben war , zu mischen , und alles Mögliche anzuwenden , um das Vertrauen desselben zu gewinnen , die Liebe des Schönen und Guten in ihm zu entzünden , und ihm für seine Schmeichler und Verführer Gleichgültigkeit und Verachtung einzuflößen . Ohne Zweifel trugen alle diese Verhältnisse vieles dazu bei ihn auf den wahren Standpunkt in seinem künftigen Wirkungskreise zu stellen , und über den Plan seines Lebens in sich selbst gewiß zu machen . Vermuthlich faßte er schon damals den festen Entschluß , dem er bisher immer treu geblieben ist , der strengsten Erfüllung aller seiner Bürgerpflichten unbeschadet , sich jeder Einmischung in die Staatsverwaltung zu enthalten , so selten als möglich in den Volksversammlungen zu erscheinen , und nie als öffentlicher Redner aufzutreten . Weder seine Familie , noch seine Glücksumstände , noch seine Neigung bestimmten ihn eine politische Rolle in Athen zu spielen ; so viele andere hatten dazu einen nähern Beruf , und waren , wofern sie nur wollten , weit besser im Stande , sich auf diesem Wege um den Staat verdient zu machen . Ihm hingegen zeigte sich ein neuer , von keinem andern noch betretener Weg , wie er seinen Mitbürgern und Zeitgenossen auf eine ihm eigene Weise ungleich nützlicher als auf jede andere werden konnte . Die Republik hatte ein sehr dringendes Bedürfniß , an welches keiner von ihren Vorstehern und Rathgebern dachte , und diesem nach Vermögen zu Hülfe zu kommen , fühlte er sich von seinem Genius berufen . In einer Zeit , wo niemand zu bemerken schien , daß die täglich zunehmende Ausartung der alten Sitten den Staat eben so unvermerkt dem Verderben immer näher bringe ; in einer Zeit , wo der allzurasche Uebergang von der ehmaligen goldnen Mittelmäßigkeit zu der hohen Stufe von Macht und Reichthum , worauf Perikles die Republik erhoben hatte , den eiteln Athenern so glänzende Aussichten eröffnete , daß sie , aller Mäßigung vergessend , nichts als Alleinherrschaft und unbegränzte Vermehrung ihrer Besitzthümer und Einkünfte träumten ; zu einer Zeit , wo ein Mann von so ruhigem Blick und gesundem Urtheil , wie er , leicht voraussehen konnte , daß sich ein furchtbares Ungewitter gegen Athen zusammenziehe und daß bald genug Umstände eintreten würden , in welchen der allgemeine Mangel an sittlicher und politischer Tugend durch die unseligsten Folgen tief gefühlt werden müßte : in einer solchen Zeit , sich selbst in Gesinnungen und Grundsätzen , Worten und Werken zum Vorbilde aller häuslichen und bürgerlichen Tugenden darzustellen , und Jünglinge von edler Art durch den Reiz seines Umgangs an sich zu ziehen , um sie zu gleichen Grundsätzen und Gesinnungen zu bilden ; dieß war unläugbar der größte Dienst , den ein Mann dem Vaterlande leisten konnte ; und der einzige Mann der es wollte und konnte - war Sokrates . Du siehest nun , lieber Kleonidas , in welchem Sinne Sokrates ein öffentlicher Lehrer genennt werden kann , wiewohl er nie eine Schule gehalten noch gestiftet , nichts geschrieben , und mit allen seinen Bemühungen , die Leute die mit ihm umgehen weiser und besser zu machen , keinen Obolus gewonnen hat . Auch ist zwischen ihm und den Sophisten , die den Unterricht in den Wissenschaften , besonders in der Moral , Politik und Demagogik55 als eine Profession treiben , nicht die geringste Aehnlichkeit . Er gibt sich so wenig für einen Gelehrten aus , daß er sich vielmehr im Scherz , zuweilen auch wohl in vollem Ernst , auf seine Unwissenheit viel zu Gute thut . Der ganze Unterschied , hörte ich ihn einmal sagen , zwischen mir , der nichts weiß , und diesen bewunderten Herren , die alles wissen und sich