vergäße . Ich bekenne Ihnen aber auch offen , ich könnte mich nie zufrieden fühlen in einem Leben , wie Sie es der Frau vorschreiben . Wer einmal auf den Wogen des Gedankenmeeres schwamm , das die Welt umschließt , der stirbt am Heimweh , wenn man ihn in die vier engen Wände einer Häuslichkeit sperrt . “ Die Staatsrätin ließ die Arme in den Schoß sinken , ihre Geduld war zu Ende . „ Es ist Alles vergebens . Die vernünftigste Vorstellung findet keinen Eingang bei Ihnen ! “ „ Die vernünftigste Vorstellung nennen Sie das ? Nun , ich bekenne Ihnen offen , ich hatte bisher eine andere Vorstellung von dem , was vernünftig ist ! “ „ Freilich , freilich , — Sie meinen das , was Kant und Hegel so nennen ! Sie sind eine Anhängerin der sogenannten < < reinen Vernunft > > , die alles verleugnet , was dem Menschen teuer und heilig sein muß und die Welt viel besser gemacht hätte , wenn ihr der liebe Gott nicht früher ins Handwerk gepfuscht ! Mögen Sie immerhin Ihre Lehren der reinen Vernunft in die Welt streuen , sie können nicht viel schaden , denn sie zeigen nur , wie nichtig und unhaltbar die Gründe sind , auf die sich Gottes Gegner stützen . Aber in die eigene Familie nimmt man solch ein Wesen nicht gerne auf . Vertrauen kann solch verneinender Geist nimmermehr erwecken und das schmerzt mich um meines Johannes willen ! “ Ernestine schwieg eine Zeit lang , dann sah sie die Staatsrätin traurig an . „ Ich habe mich ja nicht um Aufnahme in Ihre Familie beworben , Frau Staatsrätin , ich weiß , daß ich überall mit meinen Ansichten ein Ärgernis bin . Wer die Mängel und Schäden der menschlichen Gesellschaft durchforscht und aufdeckt , der ist nirgend ein gern gesehener Gast , man vermeidet in ihm den verkörperten Vorwurf . Die Emanzipierten schelten mich eine Philisterseele , die Philister eine Emanzipierte . Ich gehöre keiner Partei an und lebe in Opposition mit Allen . Es ist ein furchtbares Los , und nur ein reines Bewußtsein hilft es ertragen . “ „ Oder eine große Selbstüberhebung , “ warf die Staatsrätin halblaut hin . Ernestine errötete über und über . Mit mühsam verhaltenem Zorn erwiderte sie : „ Frau Staatsrätin , wenn man sein Leben lang die Bescheidenheit der Gesinnungslosigkeit geübt hat , wie jede Frau in Ihren Verhältnissen es muß , dann ist es leicht , ein Weib , das den Mut seiner Meinung besitzt , der Selbstüberhebung zu beschuldigen ! “ „ O , man ist deshalb noch nicht gesinnungslos , wenn man auch seine Anschauungen nicht als unumstößliche Wahrheiten mit Kriegstrompeten verkündigt ! “ „ Frau Staatsrätin ! “ sagte Ernestine , am ganzen Körper zitternd . „ Wenn ein Tröpfchen von dem mütterlichen Wohlwollen , dessen Sie vorhin erwähnten , in Ihnen wäre , so beurteilten Sie mich weniger hart . Eine Mutter hat Nachsicht für ihr Kind — wie konnten Sie Mutter sein wollen , bevor Sie Nachsicht zu üben vermochten ? “ „ Ich weiß allerdings nicht , wie ich mich so schwer täuschen konnte . Und dennoch tat ich es — tat es redlich . Gott weiß , ich hatte es gut mit Ihnen vor . Wenn Sie wüßten , welche Rolle Sie in der Welt spielen . Sie würden sich demütiger und dankbarer für das Opfer zeigen . Ja , bäumen Sie sich nur auf , man muß auch Wahrheit ertragen können , wenn man mit der eigenen Wahrhaftigkeit prahlt — also das Opfer sagte ich , das eine Mutter bringt , wenn sie Ihnen dem Sohne zu lieb die Türe ihres Hauses und Herzens öffnet . “ Ernestine saß bleich und stumm da , ihre Hände lagen gefaltet im Schoß , sie vermochte sich nicht zu rühren . Die Staatsrätin fuhr in höchster Erregung fort : „ Ich hatte es gebracht — ich hatte mich überwunden und mich über Ihren Atheismus , Ihre Unweiblichkeit , über Ihren Ruf weggesetzt . Ich habe gehofft — für meinen Sohn — gehofft , Sie könnten sich ändern und ich wollte redlich dazu helfen . Aber Sie weisen meine erste Annäherung in einer Art ab , die mich zittern läßt vor dem Gedanken , daß solch verhärtetem Gemüt das weiche Herz meines Johannes anheim gegeben sei , daß er ein Weib an seinem Herd aufnehme , das allen Pflichten der Gattin Hohn spräche , und sein Haus ihn selbst zu Grunde richte . “ Ernestine sprang auf . Sie rang nach Atem , ihre Worte brachen sich abgerissen und mühsam Bahn . „ Frau Staatsrätin , ich kann Ihnen versichern , daß niemals zwischen Ihrem Sohne und mir die Rede von einer Verbindung war , daß ich nie dieses Haus betreten hätte , wenn ich gewußt , wie verfemt ich bin . Ich verspreche Ihnen , daß Sie sich beruhigen können , ich werde Ihnen nicht die Schande antun , mich als das Weib Ihres Sohnes aufnehmen zu müssen . Wenn er je mir seine Hand böte , ich würde sie ausschlagen . Da ich an keinen Gott glaube , kann ich Ihnen keinen Eid leisten , aber ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre , die mir mehr ist als mein Leben … “ „ Halten Sie ein ! “ unterbrach sie die Staatsrätin tödlich erschrocken . „ Mein Johannes , was tu ’ ich ? Ernestine , machen Sie es nicht schlimmer , als es ist , treiben Sie es nicht auf die Spitze . Ich wollte ja nicht , daß Sie meinem Sohne , ich wollte nur , daß Sie Ihren Fehlern und Irrtümern entsagen ! Versprechen Sie mir , sich zu ändern , und Sie werden meinem Herzen eine geliebte Tochter sein ! “ „ Ich kann Ihnen das nicht versprechen , — will es nicht . Glauben Sie , ich würde betteln und feilschen um das zweifelhafte Glück , an einem