besorgt . Ein Bekannter Wilhelmys , ein verabschiedeter Soldat , der jetzt in Zweibrücken lebte und vor einigen Wochen erst als Handelsmann Wein und andere Lebensmittel ins Lager geliefert hatte , erschien ebenfalls . Dieser verschaffte einem jeden von uns ein Hemd . Infolge davon wurde nun zwar unsere Kasse so gut wie wieder gesprengt , aber dennoch erkauften wir die Glückseligkeit des Wäschewechselns damit nicht zu teuer . Gegen Mittag brachen wir aus der Zweibrückener Armesünderstube auf und kamen um drei Uhr in Blieskastel an . Man war unschlüssig , wohin mit uns . Nachdem wir wieder dreiviertel Stunden lang auf freier Straße zur Schau ausgestellt gewesen waren , brachte man uns endlich in den » Turm « . Sergeanten und Gemeine bekamen den Raum unterm Dach ; wir Offiziere und der Junker aber wurden in die Stube des Stockmeisters einquartiert . Hier fanden wir bereits zehn oder zwölf Geiseln vor , die die französische Armee bei ihrer Retirade aus der umliegenden Gegend mitgenommen hatte . Hier brechen die Briefe ab . Was ich noch zu erzählen haben werde , steht räumlich in keinem entsprechen den Verhältnis zu dem bis hierher Mitgeteilten . Otto von Rohr samt seinen Leidensgenossen , die wir aus vorstehenden Briefen kennengelernt , wurde nach Frankreich abgeführt und in Nogent sur Seine , etwa siebzig Kilometer von Paris , interniert gehalten . Hier lebte er , ein Jahr lang und darüber , in ungetrübtem Glück , soweit das Leben eines Gefangenen überhaupt ein glückliches sein kann . Die große Zeit störte nicht seine Kreise . In Paris die Schreckensherrschaft , in Nogent Friede . Auf dem Eintrachtsplatze ( furchtbare Ironie ) fiel Dantons Haupt , und sein blutiger Schatten ging um , bis das Haupt dessen , der ihn stürzte , dem seinen nachgefallen war , – in Nogent aber , als wäre die Welt so klar wie die Sommernacht , die sich jetzt über ihm wölbte , saß Otto von Rohr unter dem Gezweig einer mächtigen Akazie und neben ihm saß Jacqueline , die Tochter des Hauses , halb Kind noch , und hörte ihm zu , wenn er von seiner Heimat erzählte , von den weiten Strecken Sand und der Sumpfniederung , in der ein Fluß laufe , » schilfbestanden und tief und schwarz wie der Styx , der um das Reiche des Todes schleicht « . Dann fragte Jacqueline , » ob dort auch Menschen wohnen ? « » Kaum « , antwortete der Gefangene voll übermütiger Laune , » Halbwilde nur , die schwarzes Brot essen und einen bräunlichen , immer schäumenden Saft trinken , den sie Bier nennen . Und zur Winterzeit machen sie Löcher ins Eis und springen hinein oder jagen tagelang durch den Wald , um Füchse zu fangen und mit dem wilden Eber zu kämpfen . Und wenn sie dann heimkehren , können sie oft ihr Dorf nicht finden , weil es in Schnee versunken ist . « Dann fragte Jacqueline : » Und wie sehen diese Menschen aus ? « , worauf dann Otto von Rohr erwiderte : » Genau wie ich , Jacqueline . « Und dann lachten sie beide und hörten nicht , daß ein leises Rauschen , wie ein Klageton , durch den Wipfel der alten Akazie ging . Denn der alte Baum , der das Leben kannte , wußte , was bevorstand : Trennung . Sie kam ; der Baseler Frieden machte den Gefangenen frei . Wieviel Schwüre wurden laut , wieviel Tränen fielen . Eines Tages aber lag alles zurück wie ein Traum , und nur zweierlei war noch wahr und wirklich : das Leid im Herzen Jacquelines und eine kleine seidengestickte Henkelbörse , die sie dem Scheidenden zum Abschiede gereicht hatte . Darin befand sich eine Schaumünze mit ihrem Lieblingsheiligen darauf , und – ein Samenkorn von dem Akazienbaum , unter dem sie so oft gesessen . Dies Samenkorn ist in Trieplatz aufgegangen . Es ist derselbe Baum , der ( womit wir diese Erzähung einleiteten ) vom Park aus in das Gartenzimmer blickt . Urania von Poincy Urania von Poincy Die Tage von Nogent sur Seine lagen über ein Menschenalter zurück . Da ( dasselbe Jahr noch , in dem unser Otto von Rohr , inzwischen zum General und Präsidenten hoher Kommissionen emporgestiegen , aus dieser Zeitlichkeit schied ) knüpften sich neue Beziehungen zwischen Frankreich und – Trieplatz . Noch einmal gewann ein Rohr ein französisches Frauenherz . Und diesmal keine Trennung , oder doch keine andere als durch den Tod ! Moritz von Rohr , ein Neffe Ottos , stand 1838 bei einem rheinischen Regiment in Saarlouis . Er war zweiundzwanzig Jahr alt , groß und schlank . Der Winter brachte Maskenbälle wie gewöhnlich , und auf einem dieser Bälle war es , daß Moritz von Rohr die Bekanntschaft Urania de Poincys machte , der schönen Tochter des Herrn und der Frau von Poincy , die sich damals , sei es erziehungs- oder zerstreuungs- oder gesundheitshalber , in Saarlouis aufhielten . Dieser Ball entschied über das Leben des jungen Paares ; die leidenschaftliche Liebe , die beide füreinander hegten , überwand jedes Hindernis , Moritz von Rohr erbat und erhielt seinen Abschied und in demselben Winter noch erfolgte die Trauung zu Notre Dame in Paris . Die Hindernisse , deren ich eben erwähnte , waren nicht wenige : die Familie de Poincy war nicht mehr jenseits des Rheins , sie war jenseits des Ozeans zu Hause , seitdem der Großvater der jungen Dame das vom Schrecken regierte Frankreich Anno 1793 gemieden und nach Amerika flüchtend , erst in Kuba , dann in New Orleans sich niedergelassen hatte . Dort lebten sie jetzt in hohem Ansehen : der Name de Poincy war der Name einer Handelsfirma geworden . Selbstverständlich lag nicht hierin die Schwierigkeit , die Rohrs dachten niemals gering von bürgerlicher Hantierung , am wenigsten vom Großhandel , der mit eigenen Schiffen die Meere befährt , aber der Weg von der Dosse bis an den Mississipi war doch