Liebliches darf dir lieb werden , keinen Begleiter und keine Begleiterin darfst du haben , kühl und still müssen die Zeiten um dich schwingen , erzumschlossen bleibe dein Herz , denn die Musik ist eine Flamme , die im Menschen , der sie gebiert , alles durchbricht und verzehrt , bloß nicht den Stoff , den die Götter um den Auserwählten geschmiedet haben . « Wie hätte da nicht vollends das Bild der rothaarigen Jüdin entschwinden sollen , vor der Daniel in Widerwillen geflohen war ? Da war eine Muse , wie sie von Dichtern erträumt wird . Jüdin , wunderbare Jüdin , dachte Daniel , und dieses Wort , Jüdin , erhielt für ihn eine eigens Bedeutung von Gemütsgewalt und prophetischem Flug . » Das Werk , Daniel Nothafft , das Werk , « schrieb diese zweite Rahel ein anderes Mal , » der Prometheusraub , wann schenkst du ihn der verarmten Menschheit ? Die Zeit ist wie erdig schmeckender Wein , dein Werk muß Filter sein ; sie ist wie ein epileptischer Körper im Starrkrampf , dein Werk sei die heilende Hand , die man ihm auf die Stirn legt . Wann endlich gibst du , Sparsamer , wann reifst du , Baum , wann ergießt du dich , Strom ? « Aber dem Baum eilte es nicht , die Früchte abzuwerfen ; der Strom fand den Weg lang bis zum Meer ; er hatte Gebirge zu durchhöhlen und Felsen zu zerbrechen . O , qualvolle Nächte , in denen bestehende Form wieder und immer wieder verfiel ! O hundert qualvolle Nächte , in denen kein Schlaf war , nur aufgeregtes Toben vieler Stimmen ! Trübe Morgen , wo die Sonne auf zerfetzte Blätter schien und auf ein verstörtes Gesicht , ein Gesicht voll alter , immer neuer Leiden . Und Mondnächte , wo einer singend dahinschweift , nicht fröhlich singend , sondern singend wie einst die Ketzer auf den Marterbänken der Inquisition ; und Regennächte , Sturmnächte , Schneenächte , wo er dem Phantom einer Melodie nachrast , die halb schon sein Eigentum ist , halb noch im grenzenlosen Raum unter den Sternen irrt . Da wurde alle Landschaft bleiche Vision , Busch und Gras und Blume wie Gespinst in einem Fieber , Menschen , die vorübergingen , und Nebelschwaden , die überm Wald faserten , waren von ein und derselben Beschaffenheit ; nichts war greifbar ; der Gaumen schmeckte den Bissen nicht , die Finger spürten kein Ding . Schlechtes Wetter war das willkommene ; es dämpfte die Geräusche , machte die Menschen stiller . Verflucht die Mühle , die klappert , verflucht der Zimmermann , der den Balken schlägt , verflucht der Fuhrknecht , der die Gäule anruft , verflucht das Lachen von Kindern , das Quaken der Frösche , das Zwitschern der Vögel ! Ein Fühlloser blickt auf euch , einer , der stumm und taub ist , einer , der Kleid und Schmuck von der Welt reißen will , damit keine Farbe und kein Glanz sein Auge ablenkt , einer , der bei Nacht zum Himmel fliegt , um das ewige Feuer zu stehlen , und bei Tag in Gräbern wühlt , ein Auswürfling . Als das Frühjahr kam , begann er den dritten Satz , ein Andante mit Variationen . Es drückte den schauerlichen Frieden aus , den Lenores schlummerndes Antlitz eine Nacht vor ihrem Tod gezeigt . Da waren plötzlich alle Quellen erschöpft , und er wußte nicht , warum seine Hand und seine Phantasie erlahmten . Eines Abends kehrte er von einer langen Wanderung nach Arnstein zurück , einem Marktflecken im Unterfränkischen , wo er um diese Zeit sein Quartier aufgeschlagen hatte . Er wohnte bei einer Nähterin , einer armen Witwe , und als er in sein Zimmer trat , sah er das Töchterchen der Witwe , ein zehnjähriges Kind , vor der geöffneten Schachtel stehen , in der sich die Maske der Zingarella befand . In harmloser Neugier hatte das Mädchen den Deckel heruntergenommen und war gebannt von dem unerwarteten Anblick . Als es Daniel gewahr wurde , zuckte es erschrocken zusammen und wollte fliehen . Aber Daniel legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte : » Bleib nur ! « Er fühlte den mageren Körper , die furchtsam bebende Gestalt unter seiner Hand , und eine ferne Erinnerung schlug ihm wie mit Krallen in die Brust . Der Mund der Maske schien zu sprechen , Stirn und Wangen leuchteten weiß ; wenn er die Augen abwendete , tanzte oben im Raum ein Elfchen , und das Elfchen erregte eine schuldvolle Unruhe in seinem Gemüt . 7 Philippine wollte nie erlauben , daß das Agneslein mit andern Kindern spielte . Einmal war das Kind auf den Platz gegangen und hatte zugeschaut , wie kleine Mädchen » Schneider , leih mir die Scher ' « spielten und lachend von Baum zu Baum liefen . Gern hätte es sich zu ihnen gesellt , aber niemand forderte das blasse , scheue Wesen auf , am Spiele teilzunehmen . Da schoß Philippine wie eine Furie daher und rief erbost : » Geh in die Stuben ' nauf , sonst kriegst a Schell ' n , daß dir drei Tag lang die Zähn im Maul klappern . « Auch zog sie immer ein schiefes Gesicht , wenn der alte Jordan sich zu dem Kind setzte , um mit ihm zu reden . Beachtete er dies Zeichen ihres Unwillens nicht , so begann sie erst leise zu singen , dann lauter , dann schimpfte sie in gehässiger Weise und gab sich nicht eher zufrieden , als bis Jordan mit einem Seufzer aufstand und hinausging . Er durfte es nicht wagen , Philippine zu trotzen ; sie bestrafte ihn , indem sie ihm schlechtes Essen und winzige Portionen verabreichte . Und er litt viel an Hunger . Er verdiente nur ein paar Groschen in der Woche und mußte das Geld sparen , damit er die Ausgaben bestreiten konnte , die ihm durch die