fragte Heinrich : » Stärker denn ich ? Er sollte vollbringen , was die Wahrheit mir zumutet ? Was mutet sie mir zu ? « Ich entgegnete : » Nehmet einmal an , der andre spräche zu Euch mit Tränen im Auge : Dich liebt Agnete , wie sie einst mich geliebet hat . Aber vielleicht liebt sie mich noch immer . Sei es , wie es sei ; ihr Herz ist mir so heilig , daß ich sein Lieben nicht hemmen mag . Darum , lieber Bruder , der du ebenso , wie ich von ihr unter des Himmelreiches Pforte geführt bist , laß uns einträchtiglich vor ihr Antlitz treten ; mag sie dann entscheiden , in welcher Verfassung wir drei die wenigen Tage durchleben sollen , so uns - wer weiß - anoch beschieden sind . Wenn sie aber ratlos ist , oder wenn du , ihr jetziger Mann , nicht dulden magst , daß wir als drei Geschwister beisammen bleiben , so will ich still beiseite schleichen und darin Trost suchen , daß ich uns erspart habe , Übles zu tun , und daß ich auch in der Trennung tief im Herzen eins bin mit unserer Schwesterseele . « Groß sahe mich Heinrich an und schüttelte den Kopf : » Das ist kein Mensch , von dem Ihr redet . Menschen gehorchen dem Trieb der Kreatur . Diesen Trieb beobachtet doch an Kampfhähnen , die eifersüchtig hadern mit Schnabel und Sporn ... « - » Aber , Heinrich ! « unterbrach ich ihn lächelnd . » Soll dem Menschen unvernünftig Getier ein Muster sein ? Erkläret Ihr seines Herzens Sehnsucht nach Hoheit für eitel Narretei ? Und verdient Eure Agnete , die zur Stunde in Petersdorf auf lichten Pfaden wandelt , wie eine Beute dem Stärksten zugeeignet zu werden ? « Heinrich errötete . Ich aber fuhr fort : » Eure Frau ist nicht Euer Eigentum . Ein Herz hat Frau Agnete , und darin lebt der heilige Urgrund . Dieses Herzens Neigung soll niemand antasten mit rauher Hand . Angenommen , Ihr tätet es , was käme Euch davon Gewinn ? Mag sein , im Kämpfen wäret Ihr dem andern über , - würde dann aber nicht Agnete , wofern sie Liebe für jenen hegt , seine Wunden in sich fühlen ? Und würde sie ihn , der um sie gelitten , nicht noch inniger lieben , Euch aber für einen Wüterich halten ? « Verwirrt antwortete Heinrich : » So soll ich mich von ihm verdrängen lassen ? « - » Wie wunderlich Ihr redet ! Wohnt jener in ihrem Herzen , so vermag kein Ankämpfen ihn daraus zu entfernen ; schafftet Ihr ihn auch aus ihren Augen , so erlangtet Ihr nichts weniger als Beförderung in ihrem Herzen . Und so wenig Ihr ihn von dort verdrängen könnet , so wenig ist er imstande , Euch diejenige Liebe zu rauben , die Euch Agnete gewährt ... « Des Mannes Angesicht ward heller : » Ihr meinet also ? « - » Ganz gewiß ! Wie könnte Agnete , sintemalen Treue sie beherrscht , jemals vergessen , was ihr Heinrich war und ist . « - » Doch ihre Liebe teilt sich zwischen zweien . « - » Lasset gut sein ! Liebe ist nicht wie ein irdisch Ding . Ein Laib Brot freilich , das zweien ausgeteilt wird , gewährt einem jeden nur die Hälfte . Die Liebe jedoch gleichet der Sonne ; wen sie bescheinet , der hat die ganze Sonne , und mögen es Myriaden Sonnenkindlein sein . « Leuchtenden Auges legte nun Heinrich Kiesewald die Hand auf meine Schulter , sah mir ins Aug und raunte , als wär ' s ein Geheimnis : » Ja , wenn ich wüßte , daß mir Agnetens Liebe also sicher wäre , und wenn ich wüßte , daß der andre ... Doch wer weiß denn , was er bringen kann ! Sehet , dieser Zweifel nagt an meinem Herzen , und meine Sorge ist wie eine Krankheit auf Agneten übergangen . Das ist der Grund , warum wir Euch , Herr Johannes , bemühen mit unserer Herzensangelegenheit . Agnete ist beglückt von Eurer Antwort und möchte auch mir das Heil zuwenden . Hat drum zu mir gesprochen : Sei du allein mit Herrn Johannes , damit du frei dein Herz ihm offenbaren kannst . Vielleicht , daß er dich heilt von deiner Sorge , er hat Macht über die Herzen , inmaßen ihm die Wahrheit nicht bloß in der Rede lebt , sondern zugleich in der Tatkraft . Sehet nun , Herr Johannes , wie sie so zu mir gesprochen , ist mir das ungefüge Spottwort beigefallen : richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten . Nicht wahr ? Saget selbst , es ist ein harter Weg zum Gipfel der Verklärung , und solang ich nicht weiß , ob jener andre wirklich sprechen würde , wie Ihr ihn sprechen lasset , so lange fehlt mir der Glaube . Was dieser rechte Glaube ist , weiß ich nun allerdings , seit Ihr mir das Glauben vorgemacht . Denn fürwahr , der rechte Glaube ist das Vertrauen auf eine Kraft , so als Keim im Menschenherzen wohnet . « » Recht so , Heinrich , das Vertrauen auf das bessere Selbst , so im Menschen sich entfalten soll zum Baume himmlischen Lebens . « Heinrich nickte sinnend : » Wie gleichet Ihr doch in Eurer Lehre meiner Agnete . Auch sie hat uns oft gesagt : Gott und das Himmelreich sind im Menschenherzen und sollen allbereits auf Erden zur Macht gelangen . Was mich betrifft , so bin ich ein Kleingläubiger . Doch ist meine Schwester Sibylle wie Agnete gesonnen . Wären diese edeln Weibsbilder nicht an meiner Seiten gestanden gleich Abgesandten des Lichtes , ich wäre wohl gänzlich verkommen im blutigen Schlamm der Heerstraße . Denn meines väterlichen Erbes beraubt und aus der Heimat vertrieben , bin ich der Widerspenstigkeit voll geworden