die Lebensmittel waren schon karg ) , Friedrich , Rudolf , der Hofmeister und ich , als der erste Schlag erdröhnte . Wir Alle erhoben betroffen die Köpfe und wechselten Blicke . Sollte dies ? ... Aber nein - es war vielleicht ein zugefallenes Hausthor oder sonst etwas . Nun war ja Alles still . Wir nahmen das vorhin unterbrochene Gespräch wieder auf , ohne nur des Gedankens zu erwähnen , welchen jener Ton in uns erweckt hatte . Da - nach drei bis vier Minuten - kam es wieder . Friedrich sprang auf : » Das ist die Beschießung , « sagte er , und eilte ans Fenster . Ich folgte ihm . Von der Straße drang ein Gemurmel herauf , Gruppen hatten sich gebildet : die Leute standen und horchten oder wechselten erregte Worte . Jetzt kam unser Kammerdiener in das Zimmer gestürzt - zugleich erklang eine neue Salve . » Oh monsieur et madame - c ' est le bombardement ! « Zu der offenen Thür herein drängten nunmehr sämtliche anderen Diener und Dienerinnen bis herab zum Küchenjungen . Bei solchen Katastrophen - Kriegs- , Feuer- oder Wassernot - da fallen alle gesellschaftlichen Schranken , da laufen alle Bedrohten zusammen . Viel mehr als vor dem Gesetze , mehr noch als vor dem Tode - der in seinen Bestattungsceremonien solche Standesunterschiede kennt - fühlen sich Alle gleich vor der Gefahr . C ' est le bombardement - c ' est le bombardement ! « Jeder , der zu uns in das Zimmer herbeigeeilt kam , stieß diesen selben Ruf aus . Es war entsetzlich - und dennoch , ich erinnere mich genau meiner Empfindung : ein gewisses bewunderndes Erschauern , eine Art Genugthuung , etwas so Gewaltiges zu erleben , mitten drin zu sein in dieser schicksalsschweren Begebenheit und vor der eigenen Lebensgefahr dabei nicht zu erbeben . Die Pulse schlugen mir , ich fühlte etwas wie - wie soll ich ' s nennen ? - Stolz des Mutes . Das Ding war übrigens weniger schauervoll , als es im ersten Augenblick geschienen . Keine brennenden Gebäude , keine angstschreienden Menschenhaufen , keinen unaufhörlich die Luft durchschwirrenden Bombenhagel - sondern immer nur dieses dumpfe , ferne , von langen und längeren Zwischenräumen getrennte Rollen . Man fing nach einiger Zeit beinahe an , sich daran zu gewöhnen . Die Pariser wählten als Spaziergangsziel solche Punkte , von welchen aus man die Kanonenmusik besser hören konnte . Hier und da fiel ein Geschoß auf die Straße und platzte , aber wie selten kam Einer dazu , zufällig in der Nähe zu sein . Zwar fielen manche tötliche Bomben herab , aber in der Millionenstadt hörte man von diesen Fällen nur so vereinzelt , wie man auch sonst gewohnt ist , unter den Lokalnachrichten seiner Zeitung verschiedene Unglücksfälle zu vernehmen , ohne daß es einem besonders nahe ginge : » Ein Maurer von einem vierstockhohen Gerüst gefallen « oder » eine anständig gekleidete Frauensperson sich über das Brückengeländer in den Fluß gestürzt « u. dgl. m. Der eigentliche Kummer , der eigentliche Schrecken der Bevölkerung , das war nicht das Bombardement : das waren der Hunger , die Kälte , die Not . Aber eine solche Nachricht von einem unheilbringenden Geschoß hat mich tief erschüttert . Dieselbe kam in Form einer schwarzumrandeten Traueranzeige ins Haus : » Herr und Frau N. geben Nachricht von dem Tode ihrer zwei Kinder François ( 8 Jahre alt ) und Amélie ( 4 Jahre , welche eine durch das Fenster fliegende Bombe erschlagen hat . Um stille Teilnahme wird gebeten . « » Stille « Teilnahme ! Ich stieß einen lauten Schrei aus , nachdem ich das Blatt überflogen . Ein Gedanke , ein mit Blitzesschnelle vor meinem inneren Auge erscheinendes Bild zeigte mir den ganzen Jammer , der in dieser schlichten Traueranzeige lag .. ich sah unsere beiden Kinder , Rudolf und Sylvia - nein , es war nicht auszudenken ! Die Nachrichten , die man erhält , sind spärlich ; alle Postkommunikation natürlich unterbrochen ; nur durch Brieftauben und Luftballons wird mit der Außenwelt verkehrt . Die Gerüchte , die allenthalben auftauchen , sind der widersprechendsten Art. Man meldet siegreiche Ausfälle , oder man verbreitet die Kunde , daß der Feind schon im Begriffe sei , Paris zu erstürmen , um es an allen Ecken anzuzünden und dem Erdboden gleich zu machen ; oder man versichert , daß , ehe man einen einzigen Deutschen in die Mauern dringen ließe , die Kommandanten der Forts sich selber und ganz Paris in die Luft sprengen würden . Es wird erzählt , daß die sämtliche Bevölkerung des Landes , namentlich aus dem Süden ( » le midi se lève « ) über die Belagerer im Rücken herfällt , um ihnen den Rückzug abzuschneiden und sie bis auf den letzten Mann zu vernichten . Neben den falschen Nachrichten gelangen auch einige wahre - deren Richtigkeit sich später bestätigte - bis zu uns . So von einer auf der Straße von Grand Luce dicht an Le Mans ausgebrochenen Panik , wobei Greuelthaten sich zutrugen : außer Rand und Band gekommene Soldaten warfen Verwundete aus den bereitstehenden Eisenbahnwaggons , um an deren Stelle Platz zu nehmen . Von Tag zu Tag wird es schwerer , Lebensmittel zu beschaffen . Die Fleischvorräte sind erschöpft ; es gibt schon längst keine Rinder und Schafe mehr in den angelegten Viehparks ; bald sind auch alle Pferde verzehrt , und es beginnt die Periode , wo die Hunde und Katzen , die Ratten und Mäuse , schließlich auch die Tiere des jardin des plantes , selbst der so beliebte , arme Elephant als Speise dienen müssen . Brot ist beinah nicht mehr zu erlangen . Stunden- und stundenlang müssen die Leute vor den Bäckerläden in der Reihe harren , um ihre kleine Ration zu bekommen , doch die meisten gehen leer aus . Erschöpfung und Krankheiten machen reiche Todesernte . Während gewöhnlich in der Woche 1100 Menschen starben , weisen die