, der Perle im Golde verglichen , ein Uneingeweihter aber eine Braut unter den Freundinnen schwerlich vermutet haben . Zwei von ihnen führte der Freund dann regelmäßig im winterlichen Abenddunkel nach ihren Heimwesen zurück ; Lydia bis an das Schloß , Sidonie die Terrassen hinab zum Gute hinüber ; kehrte er aber dann beflügelten Schrittes sehnsüchtig nach der Pfarre zurück , so hatte die , welche seine Braut hieß , sich bereits zur Ruhe gelegt und dem Vater ihren Gutenachtgruß aufgetragen . Seufzend setzte der Bräutigam , bevor er sich in der Kammer des Vaters auf sein Bett warf , sich an den Arbeitstisch , zerwühlte sich Hirn und Herz , aber die exegetische Abhandlung rückte nicht vor und die über die Sternschnuppen kam ihm gar nicht mehr in den Sinn . So war es denn ein wunderliches Wesen , das in dem stillen Pfarrhause sich umtrieb ; aber froh und reich verlief unter demselben dem Greise der Winter , den er mit ungetrübter Klarheit seinen letzten nannte , ja geflissentlich so nannte , um die Kinder mit seinem Heimgange vertraut zu machen . Seine Körperkräfte schwanden sichtbar , aber die des Geistes und selber die der Sinne blieben rege . Schlummerte er auch oftmals ein , beim Erwachen fühlte er sich aufgefrischt zum Geben und Empfangen . Sein Trachten ging dahin , den friedlichen Zustand , in welchem er schied , ohne Unterbrechung für seine Lieben zu befestigen . An einem Nachmittage bald nach Neujahr , als er mit dem Sohne zum Zweck von dessen Sonntagspredigt das Evangelium von der Hochzeit von Kanaan mit der herrlichen Epistelperikope des zwölften Römerbriefes erläuternd zusammengestellt hatte , winkte er auch die Tochter an seine Seite , und indem er beider Hände in die seinen nahm , sagte er ohne weitere Einleitung : » Und warm im Herzen von dieser öffentlich verkündeten apostolischen Vorschrift , die für den priesterlichen Stand wie für den ehelichen eine goldene Regel ist , verlies dann , mein Sohn , das gesetzliche Aufgebot und erflehe Gottes Segen zu deiner Verbindung mit meinem lieben Kind . « Beide Verlobte stießen einen Schrei aus . Er der hellen Freude , sie des Erschreckens , ja schier des Entsetzens . Der Vater achtete weder des einen noch des anderen , sondern fuhr in seiner natürlichen Gelassenheit fort : » Daß es mein Wunsch ist , als letzten Dienst in meinem Amt eure Hände ineinanderzulegen , vielleicht noch eine kurze Spanne eures Glückes Zeuge zu sein , dürfte gegen manche schwer wiegende Bedenken kaum in Betracht kommen . Aber indem ich eure Vereinigung beschleunige , erleichtere ich euch die Trennung von mir . Denn das ist ja eben der höchste Segen der Ehe , daß sie die Bürde des Lebens erleichtert , weil sie die Tragkraft verdoppelt . Indessen hat , neben der des Gemüts , noch eine zweite weltliche Erwägung diesen Entschluß in mir gereift . Stürbe ich , bevor ihr Mann und Frau geworden , würde die friedliche Ordnung eurer Gegenwart für längere Zeit unterbrochen . Es gäbe ein Rennen und Laufen , das in Trauertagen doppelt störend ist . Entweder müßtest du , Dezimus , bis nach deiner Ordination die Pfarre verlassen und das Amt , das du im wesentlichen verwaltest , einem anderen anvertrauen ; oder Rose müßte im ersten Herzeleid zu einer ihrer Schwestern übersiedeln , da ihr über meinen Begräbnistag hinaus nicht unter einem Dache leben dürftet . « » Und warum , « rief Rose und schüttelte das Strudelköpfchen so unwirsch wie in ihren fröhlichsten Tagen , » warum , Väterchen , sollen Bruder und Schwester nicht wie bisher unter einem Dache leben dürfen ? « » Weil sie Bruder und Schwester nicht mehr sind , sondern Bräutigam und Braut , mein Kind , « versetzte der Vater , » und weil jeder Mensch , aber ein Diener des Amts zumeist , sich den gemeingültigen Gesetzen der Sitte und Schicklichkeit zu fügen hat . « » Aber welchem vernünftigen Menschen fällt denn so etwas - so etwas Albernes ein ? « eiferte Rose . » Und bloß um der dummen Bauern willen sollen wir die Trauerzeit um unsere Mutter mit einem Feste unterbrechen ? « » Wir werden kein Fest feiern , mein Töchterchen . Ich lege in Gegenwart unserer lieben Abendgäste eure Hände still ineinander , und deine verklärte Mutter wird segnend im Geiste unter uns sein . « Der Vater sagte das wohl und sagte es mit Überzeugung . Im Herzensgrunde jedoch hatte der Vorwurf der Tochter Einlaß gefunden . Nicht daß er ihn bei sich selbst unerwogen gelassen , aber daß er ihn von ihr nicht erwartet hätte . Er blickte mit bewundernder Liebe auf sein zartsinniges , treues Kind , und als er gar Tränen in seinen Augen gewahrte , sagte er , nach einer sinnenden Pause , mit jener Kindesunschuld , die sich bis zum Grabesrand in diesem seltenen Menschen der gereiftesten Weisheit verbunden hat : » Wer sollte es nicht würdigen , wenn ein feiner weiblicher Sinn vor der höchsten Erfüllung bangt , solange einem berechtigten Empfinden nicht sein Genügen ward ? Kennen wir denn aber nicht unseren Dezimus ? Er wird in deiner kindlichen Treue eine Bürgschaft mehr für sein eigenes Glück gewahren und sich , auch als dein Gatte , mit der Liebe einer Schwester begnügen , solange der Trauer um eine Mutter nicht ihr Recht geschehen ist . « Dezimus legte schweigend seine Hand in die dargebotene des Greises . Er tat es mit niedergeschlagenen Augen , und wennschon er im Leben nicht selten mit verräterischen Blutwogen zu schaffen gehabt hat , so über und über in Karmin getaucht wird sein ehrliches Gesicht schwerlich je zuvor oder je nachdem gewesen sein , aber auch sein Herz selten peinvoller geschlagen haben . Rose hatte während des Vaters letzten Worten wie versteinert gesessen . Jählings überfiel sie ein Zittern ; sie sprang auf , und die Hände vor das Gesicht geschlagen , floh sie aus dem Zimmer .