der Zeitung stände , wer hätte gedacht , daß Sie dem Stübchen und der alten , dummen Witwe Brandauer so bald wieder untreu werden würden . O je , o je , Herr Kandidate - da in der Tür stand das Fräulein in ihrem schwarzen Kleide wie ein Engel , und die Händchen waren so kalt und die Füße ; und wir alle zwei beide standen und sahen uns an , und dann gab es mir einen Knuff in den Rücken wie von oben , und ich knickste und sagte : Ja , und der Nachbar Grillmann auf der andern Seite des Ganges hintenheraus habe mir geholfen , es in die Zeitung zu bringen . Da haben wir denn diese Wochen zusammengehalten wie zwei gute Leute . Ach Gott , das Beste vergeht immer am schnellsten , und der Sommer dauert einem lange nicht so lange als der Winter , und so ist denn keine Hülfe , morgen sitze ich wieder allein , und diese Stube ist wie ein alter , leerer Scherben , in dem das Winterröschen ausblühte . « » Wir wollen einander nie vergessen « , rief Franziska , die Hand der guten Frau gerührt drückend , » Der liebe Gott hat mich zu Ihnen geführt , und Sie haben die Fremde empfangen , wie eine Mutter ihre Tochter in der Verlassenheit aufnehmen würde . Ich will auch immer wie eine Tochter an Sie denken , liebe , liebe Frau Brandauer . « Die gute Witwe lachte und weinte und küßte das Fränzchen : » Herzchen , es wäre ja das größte Unrecht , wenn ich Ihnen das Glück mißgönnte ; - so einem kleinen , ängstlichen , abgejagten Vögelchen ! Herr Kandidate , Gott hat Ihnen ein gutes Gesicht gegeben , und so hoffe ich , daß er Ihnen ein gutes Herz dazu geschenkt hat ; - in Gottes Namen denn , nehmen Sie das Fräulein mit sich fort , und Gott helfe Ihnen beiden weiter , anjetzt durch den Schnee und dann durchs liebe lange Leben bis in die ewige Seligkeit , und ich will an diese Tage und Wochen denken , als ob ich ein Zeichen in mein Leben gelegt hätte wie ins Gesangbuch . « Hans dankte der guten Frau aus vollem Herzen für ihr Vertrauen und ihre guten Wünsche ; dann aber mußte er der Nachbarn wegen , und vorzüglich des Nachbars Grillmann wegen , der ein ziemlich neugieriger und naseweiser Patron zu sein schien , für diesen Abend Abschied nehmen . Wie schwer er sich , von dem Stübchen im vierten Stockwerk der Nummer vierunddreißig in der Annenstraße trennte , wollen wir nicht beschreiben ; wie er dann unten im Schnee stand , die Hand auf das jubelnde Herz drückte und nach dem Lichte in der Höhe starrte , wollen wir der Einbildungskraft der Leser überlassen . Wie er , berauscht vom Glück , es möglich machte , die Grinsegasse zu finden , wie er seiner tauben Wirtin die Wohnung kündigte , wie er seinerseits seine Sachen zusammenpackte und die Glaskugel des Vaters vorsichtig von der Decke nahm , wie er die letzte Nacht in der Grinsegasse schlief - das alles mag der Leser sich ebenfalls ausmalen . Der Morgen fand ihn wach , aufgeregt und reisefertig ; der Mittag fand ihn an des Fränzchens Seite im Eisenbahnwagen . Und die Sonne schien auf den Schnee ; es war sehr kalt , und die Schaffner und die Reisenden hatten sehr rote Nasen . Rotgeweinte Augen hatte die Frau Brandauer , die mit dem Taschentuch zum Abschied winkte . Ja , junges Volk will seinen Weg gehen ! Ein letzter Gruß für die brave Frau aus der Annenstraße - ein letzter Blick auf das zurückbleibende Menschengedränge . - » Alles fertig - vorwärts ! « Dreiunddreißigstes Kapitel Es war der vierundzwanzigste Dezember , und alle die jungen Damen , welche Pantoffeln und Zigarrentaschen und Polster und Kissen für den Rücken gestickt hatten , die Seelen der Männer , der jungen und alten , zu fangen , nach dem Wort des Propheten Ezechiel im dreizehnten Kapitel , Vers siebenzehn und achtzehn , waren fertig mit ihrer Arbeit und erwarteten ihrerseits die Dinge , die da kommen sollten . Es warteten sehr viele Leute - große und kleine - auf kommende gute Dinge ; - der Himmel war am Morgen und Mittag so blau , wie man es sich nur wünschen mochte , die Sonne bestrahlte glitzernd die weiße Weihnachtswelt und färbte sich erst am Nachmittag blutrot , als sie in den aufsteigenden Nebel hinabsank . Es schien , als ob die Sonne es wisse , daß hunderttausend Christbäume auf ihren Niedergang warteten , und es schien , als ob sie gutmütig-froh ihren Lauf beschleunige . Um fünf Minuten nach vier Uhr war das letzte Stückchen feuriges Gold hinter dem Horizont versunken - der Heilige Abend war da , war endlich gekommen , nachdem sich Millionen Kinderherzen so lange nach ihm gesehnt hatten . Um fünf Uhr läuteten alle Glocken im Lande den morgenden Festtag ein , und die Kuchen waren fertig ; es wurde Friede in der Brust auch der scheuereifrigsten Hausfrau , Um sechs Uhr stand jeder festlich geschmückte Tannenbaum in vollem Lichterglanz , und wer noch froh und glücklich sein konnte , der war es gewißlich um diese Stunde , in welcher sich das Himmelreich derer , die da sind wie die Kinder , auch dem trübsten Blick öffnet und das dunkelste Herz hell macht . Das war ein Reisetag ! Das war ein Tag , um der Heimat zuzueilen ! Hans Unwirrsch und Fränzchen Götz bedurften keines Zaubermantels , keines übernatürlichen Beförderungsmittels mehr ; der Postwagen oder vielmehr Postschlitten , der sie gen Freudenstadt führte , war selber ein zauberhaftes Vehikel , das dreist mit Oberons fliegender Muschel , mit dem fliegenden Koffer der arabischen Märchen , mit dem hölzernen Gaul , auf welchem der Ritter Peter mit dem silbernen Schlüssel und die schöne Magelone ritten , es aufnehmen konnte