meiner Cousine vermählte , muß ich schweigen - denn ich hab ' es getan ! ich wußte , daß mein Glück in dieser Ehe nicht liege - und ging sie dennoch ein . Ich war ein leichtsinniger Tor , der sich von den Verhältnissen überrumpeln ließ , oder besser gesagt , der vor ihnen erlag . Sie haben keine Ahnung davon , was das ist : die Familientradition , dies Forterben des Standes , des Namens , des Vermögens , der Erinnerungen , der Wirksamkeit , von einem Geschlecht auf das andere . Sie ist so mächtig , daß ich mich ihr gegenüber gefangen und wehrlos fühlte . « » Kann sein ! « erwiderte Judith . » Indessen mag doch auch die Schönheit der Gräfin Windeck diese Gefangenschaft nicht reizlos gemacht haben . « » Eifersucht , Judith ? « rief Orest freudestrahlend . » O wenn das ist , so werden Sie begreifen , in welchem Kreuzfeuer ich stehe , wenn ich sehen muß , wie man Ihnen huldigt - und wie ich zittern muß bei dem Gedanken , daß einer unter den vielen Ihr Herz gewinnen könnte - und daß ich dieser Eine vielleicht nicht bin ! O dann werden Sie Mitleid mit mir haben , nicht wahr , Judith ? « » Wer hat denn Mitleid mit mir , Orest ? « sagte sie sanft . » Sie gehen zurück zu Gräfin Windeck .... « - » Ein Wort von Ihnen , Judith , und ich bleibe ! « » Alles für alles ! - Ist dies das Wort , Graf Orestes , welches Sie nicht hören möchten ? « » Judith ! « sagte er mit gepreßter Stimme , » Sie sind ein dämonisches Weib . « » Das sagen die Männer sehr leicht , sobald man nicht mit ihnen einverstanden ist , « erwiderte sie kalt . » Und das muß abwechseln mit dem Ausruf : herzloses Weib ! « » O könnte ich Sie doch hassen , Judith ! « rief Orest , sprang vom Stuhl auf , hielt mit beiden Händen seinen Kopf und eilte auf den Balkon . » Stürzen Sie sich nur nicht in den See ! - er ist sehr kalt ! « rief ihm Judith nach . » Armer Orest ! « setzte sie nach einer Weile mit ihrer Sirenenstimme halblaut hinzu . Als er nicht kam , folgte sie ihm auf den Balkon . Er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt , die Arme auf das Eisengeländer - und den Kopf auf die Arme gelegt . » Kommen Sie doch herein , Orest ! « sagte Judith und berührte ganz leise sein gesenktes Haupt . » Die Luft ist feucht und der nächtliche Tau schädlich . « Er stand auf und folgte ihr in den Salon , willenlos wie ein Kind . » Ich kann Sie nicht hassen , Judith ! « seufzte er . » Graf Orestes , « nahm sie wieder mit ihrem kühlen Tone das Wort , » Sie veranlassen immer Gespräche mit mir , bei denen Sie ganz Feuer und Flamme werden und Gefahr laufen , in ein kaltes oder ein hitziges Fieber zu verfallen , je nachdem die Wagschale mit Haß oder Liebe sich mir zusenkt . Ist das vernünftig ? ist das liebenswürdig ? was kann man mit einem zu solchen Excessen geneigten Mann anfangen ? « » Ihn lieben , Judith . « » Vor der Hand nicht ! sondern ihm Gute Nacht wünschen , « antwortete sie scherzend , schellte und sagte zu dem eintretenden Diener : » Graf Windeck ' s Wagen . « Orest machte Anstalt , den Befehl zu überhören , indem er sich in einen tiefen Lehnstuhl versenkte und drei Journale auf einmal zur Hand nahm . Da öffnete und schloß sich leise eine Seitentüre des Salons ; und als er aufblickte , war Judith verschwunden und er allein . Ohne mir Gute Nacht gesagt zu haben ! murmelte er und blickte ihr zornig nach . Dabei fiel sein Auge auf den Burnus , der über dem Lehnstuhl hing , in welchem Judith ihm gegenüber gesessen hatte . Er sprang auf , ergriff den unschuldigen Burnus , zerriß das feine Gewebe von oben bis unten , drückte es an seine Lippen - und eilte zu seinem Wagen . Als er fortrollte , kehrte Judith in den Salon zurück , fand ihren Burnus zerrissen am Boden liegen , hob ihn auf und sagte für sich : » Du armer Mantel ! auf dem Webstuhl zu Marocco träumte dir vielleicht davon , in die Klauen eines Tigers oder eines Löwen des Atlas zu fallen und zerfetzt zu werden - und jetzt erfüllt sich Dein Schicksal nicht in Afrika ' s Wüste durch wilde Bestien , sondern am eleganten Genfersee durch ein Menschenkind ! « Sie wickelte sich in ihren zerrissenen Burnus ein und ging auf den Balkon , und ging auf demselben auf und nieder , eine Stunde , und noch eine Stunde - und fand nicht einmal die Ruhe der Ermüdung in diesem rastlosen Wandeln : so unruhig waren ihre Gedanken . Immer drängten sich diese Gedanken der Zukunft zu ; aber nicht , um sich über freundliche und glänzende Bilder hingleiten zu lassen ; nicht , um bei Phantasiegebilden von Freuden und Genüssen zu verweilen , oder um Lebensverhältnisse mit lieblichen Farben auszumalen . O nein ! - Lechzend , atemlos , durstig , standen ihre Gedanken vor der dunkeln Zukunft und fragten : Was birgst du mir ? Was bringst du mir ? Bist du die Sphynx , die das Rätsel meines Lebens mir vorlegt ? und muß ich unter deinem steinernen Griff umkommen , wenn ich es nicht löse ? Gelöst hab ' ich meine Aufgabe nicht , denn ich habe keine Befriedigung gefunden . Und doch hab ' ich alles erreicht , was ich damals in den Citronenhainen von Cintra mir zu erreichen vornahm . Ich habe Gold , Ruhm und Bewunderung